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Lokales Ein Schnupfen ist kein Fall für den Notruf – das Dilemma der Leitstelle Leipzig
Leipzig Lokales Ein Schnupfen ist kein Fall für den Notruf – das Dilemma der Leitstelle Leipzig
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09:42 15.10.2019
Nicht selten fehlt es im Bereich der IRLS Leipzig an Einsatzfahrzeugen. Quelle: epd
Leipzig

Überstunden,die wegen des Personalmangels nicht abgebaut werden können, unzufriedene Mitarbeiter und hoher politischer Druck von außen – die Kollegen in der Integrierten Rettungsleitstelle Leipzig (IRLS) sind nicht zu beneiden. Ihre Aufgaben sind hochkomplex, erfordern maximale Konzentration und sind nicht selten psychisch belastend – über viele Stunden hinweg. Sie beruhigen Menschen in Notsituationen, organisieren den Rettungswagen oder die Feuerwehr, die am schnellsten am Unglücksort sein kann. Manchmal müssen sie auch der hüstelnden Studentin beibringen, dass sie kein Fall für den Notfall ist. Oder sie bleiben bei ernsten Notrufen zu Atemstillständen solange am Telefon, bis die Sanitäter eingetroffen sind, und begleiten den Anrufer fachlich bei der Reanimation des Patienten.

Die IRLS Leipzig ist ein Hochsicherheitstrakt und gehört zu den modernsten in Sachsen.

Was von außen an die Mitarbeiter gelangt, ist meist nichts Gutes. Meistens ist es Kritik. Dabei können die, die im Jahr durchschnittlich 260.000 Einsätze bearbeiten, knapp 500 Notrufe täglich entgegennehmen und auch während Großereignissen, wie dem Attentat von Halle vergangene Woche, einen kühlen Kopf bewahren müssen, am wenigsten für Missstände, die es zweifelsohne gibt. Doch diese sind ganz unterschiedlicher Natur. Was erschwert die Arbeit der Retter wirklich? Eine Analyse.

Nicht jeder Anruf ist ein Notruf

Ein großes Problem sei, dass sich „das Notrufverhalten der Bevölkerung drastisch verändert hat. Bei einem nicht unerheblichen Teil der Anrufe in den Leitstellen handelt es sich nämlich gar nicht um echte Notrufe. Hier spiegelt sich teils Unwissenheit, teils Bequemlichkeit der Anrufer wider“, kritisiert Thomas Schuppe, Vize-Vorsitzende der sächsischen Landesgruppe der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft. Während eines Besuchs der LVZ in der Leistelle bestätigt sich das Szenario mehrfach. Hinter zahlreichen Anrufen stecken nicht einmal ansatzweise Notfälle. Während der Disponent der Person am anderen Ende der Leitung beispielsweise erklärt, dass der Schnupfen kein Fall für den Rettungsdienst ist, bleibt zumindest seine Leitung blockiert. „Das ist ein Problem, ja“, sagt auch Branddirektor Axel Schuh. Von durchschnittlich 1280 eingehenden Anrufen am Tag seien lediglich 490 wirkliche Notrufe, aus denen sich ein Einsatz ergibt.

Fehlende Rettungsmittel

Es gibt regelmäßig einen Mangel an verfügbaren Rettungsmitteln. Die Rettungsleitstelle hat den Überblick über alle einsetzbaren Rettungs- beziehungsweise Feuerwehrfahrzeuge in ihrem Einzugsbereich: die Stadt Leipzig sowie die beiden Landkreise Leipzig und Nordsachsen. Die Mitarbeiter reagieren auf Lücken. Sind beispielsweise in der Region Geithain wegen eines hohen Einsatzaufkommens zu wenig Rettungswagen verfügbar, kann der Disponent andere Einsatzfahrzeuge aus besser versorgten Gebieten nach Geithain umlenken. Insgesamt fehlt es aber generell an Fahrzeugen (Rettungswagen, Krankentransportwagen und Notarzteinsatzfahrzeugen). Das hat bereits dazu geführt, dass der Landkreis Leipzig gegenüber der Landesdirektion Sachsen angezeigt hat, seine Aufgaben im Rettungswesen nicht mehr erfüllen zu können. „In dieser sogenannten Mangelverwaltung sind dann zwei oder mehr Disponenten gebunden, um eingehende Notrufe zu priorisieren und frei werdende Rettungsmittel zuzuordnen. Diese Mitarbeiter fehlen dann in der Notrufannahme“, übersetzt Gewerkschafter Thomas Schuppe die Auswirkungen für die Disponenten in der Leipziger Großleitstelle.

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Es fehlt an Personal

Die Aufgaben in der Integrierten Rettungsleitstelle Leipzig sind mit der Zentralisierung der regionalen Leitstellen gestiegen. Dafür ist entsprechend mehr Personal notwendig. „Unsere Ressourcenkapazitäten sind endlich“, sagt Branddirektor Schuh. Zudem sind die Anforderungen an Disponenten in der IRLS gegenüber denen in früheren regionalen Leitstellen gestiegen. Viele Disponenten der aufgelösten Leitstellen sind lediglich Rettungssanitäter. Nötig für den Dienst in der Großleitstelle wären jedoch laut Gesetz die Laufbahnausbildung bei der Feuerwehr zum Brandmeister und ein Disponentenlehrgang. „Es wird immer schwieriger, Personal aus den Reihen der Berufsfeuerwehren mit der gesetzlich festgeschriebenen Laufbahnausbildung zum Disponenten fortzubilden“, schrieb die Feuerwehr-Gewerkschaft 2018 in einem Brandbrief an die Staatsregierung.

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Sowohl das neue Schicht- als auch das umstrukturierte Dispatchersystem binden mehr Arbeitskräfte. Aktuelle Entwicklungen wie höhere Einsatzzahlen, demografischer Wandel und längere Einsatzzeiten machen eine Anpassung des Personalbestandes notwendig. Der festgestellte Personalmehrbedarf zur Steigerung der Leistungsfähigkeit der Großleitstelle Leipzig befinde sich kurz vor der Genehmigung. Axel Schuh: „Hierbei sind die Landkreise und Kostenträger die wesentlichen Verhandlungspartner, welche Einfluss auf die weitere Entwicklung der Personalausstattung der IRLS nehmen.“

Alles eine Frage des Geldes

Die Stadt Leipzig würde mehr Personal einstellen, wenn die Partner – Krankenkassen und die Landkreise – bei der Finanzierung mitziehen. Und genau da scheiden sich die Geister. Die Landkreise sehen den personellen Mehrbedarf nicht gerechtfertigt. Stattdessen hinterfragt Henry Graichen (Landkreis Leipzig) die Struktur in der IRLS. „Das eingeführte 24-Stunden-Schichtsystem bedeutet, dass die Mitarbeiter an zwei Tagen rund um die Uhr eingesetzt, aber natürlich Ruhe- und Bereitschaftszeiten einzuhalten sind. Im Vergleich zum früheren Drei-Schichtsystem ist das für die Mitarbeiter zwar positiver zu werten, bedeutet jedoch, dass mehr Personal benötigt wird.“ Ein zweiter Punkt, den die Landkreise bemängeln, ist die Einführung des Call-Dispatcher-Systems, bei dem ein Disponent den Notruf entgegennimmt und dann ein zweiter die Rettungsmittel organisiert. „Auch das bedeutet, dass für eine Aufgabe zwei Personen benötigt werden“, so Graichen. Ob die Landkreise mehr Geld für mehr Personal zur Verfügung stellen, entscheiden die Kreistage. Jens Kabisch, Zweiter Beigeordneter des Landkreises Nordsachsen, hält sich zur aktuellen Debatte auffällig bedeckt: Man arbeite eng mit der IRLS Leipzig zusammen. „Die Thematisierung von Kritik schließt das mit ein“, so Kabisch.

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Die IRLS – ein Politikum

Die politische Dramatisierung von Problemen in der Großleitstelle ist so alt wie die Leitstelle selbst. Seit der Freistaat Sachsen die Bildung der fünf Einheiten beschlossen hat, lassen vor allem Kommunalpolitiker aus der Region keine Gelegenheit aus, ihre Überzeugung vom Unsinn dieser Zentralisierung zu verbreiten (mancher Kritiker hat sich die Leipziger Einrichtung dabei freilich nie angeschaut). Was nicht ohne Folgen auf die Arbeitsmoral der Disponenten bleibt. „Die teilweise öffentlichen populistischen Äußerungen von Kommunal- und Landespolitikern sowie unzureichend recherchierte Artikel in der Presse erhöhen den Druck auf die Disponenten, welche unter den gegebenen Umständen hervorragende Arbeit leisten. Neben der psychisch anstrengenden Tätigkeit steht immer die Gefahr, Fehler zu machen“, erklärte Thomas Schuppe. Kommentare von Politikern seien nicht selten unzureichend und teilweise nicht zutreffend. Schuppe: „Das ist unfair und spiegelt in keinster Weise die Arbeit in den Leitstellen wider.“

Wann sollte man die 112 rufen – wann nicht?

Es gibt klare Fälle in denen man den Notruf 112 wählen muss: Unfälle, Brände und akute bis lebensbedrohlichen Notfallsituationen. Beispiele hierfür sind schwere Verletzungen, Schockzustände, Atemnot oder Bewusstlosigkeit. Besonders bei Anzeichen für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall, wie plötzliche Schmerzen in der Brust sowie spontane Sprach- oder Sehstörungen, sollte sofort unter der 112 der Rettungsdienst alarmiert werden.

Sollte ärztliche Hilfe dringend benötigt werden, aber sich die betreffende Person nicht in Lebensgefahr befinden, kann außerhalb der Sprechzeiten über die bundesweit einheitliche Nummer 116 117 der ärztliche Bereitschaftsdienst erreicht werden. Dies ist beispielsweise bei Brechdurchfall, grippalen Infekten oder Infektionskrankheiten der Fall.

Wichtig ist, dass Rettungswagen nicht als Taxi missbraucht werden dürfen. Sind diese mit Fällen beschäftigt, die keine Notfälle sind, fehlt dieses Rettungsmittel unter Umständen an anderer Stelle, wo Leben in Gefahr ist.

Missbräuchlicher Gebrauch der Notrufnummern ist strafbar und wird mit Geldstrafen oder sogar Freiheitsentzug bis zu einem Jahr bestraft. (StGB §145).

Von Thomas Lieb

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