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Lokales De Maizière und Gysi simulieren, wie man streiten kann
Leipzig Lokales De Maizière und Gysi simulieren, wie man streiten kann
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12:57 26.06.2019
Nicht allzu weit auseinander: Thomas de Maiziere (CDU, 65, l.) und Gregor Gysi (Die Linke, 71) im Paulinum in Leipzig.
Nicht allzu weit auseinander: Thomas de Maiziere (CDU, 65, l.) und Gregor Gysi (Die Linke, 71) im Paulinum in Leipzig. Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Nach etwa einer Stunde spricht Thomas de Maizière am Dienstagabend das aus, was sich während dieser „Leipziger Disputation“ immer deutlicher abgezeichnet hatte: „Sie haben offenbar die Falschen eingeladen, wir streiten uns in diesem Punkt nicht“, stellte der frühere CDU-Innenminister fest. Der Punkt betraf die Notwendigkeit und Bedeutung von Kirche, die auch Gregor Gysi (Die Linke) nicht wegwischen will.

Proppevoller Saal

Eine Einsicht de Maizières, die aber keinesfalls bedeutete, das Publikum im proppevollen Paulinum am Augustusplatz habe sich gelangweilt. Immerhin führten hier zwei frühere Granden ihrer jeweiligen Partei vor, wie man konstruktiv miteinander reden kann, auch wenn man aus sehr verschiedenen politischen Lagern kommt. Das hatten auch Uni-Rektorin Beate Schücking und Thomaskirchen-Pfarrerin Britta Taddiken eingangs betont: Diskurs ist heute besonders wichtig.

Kramp-Karrenbauers Absage

Es bleibt reine Kaffeesatzleserei, wie der Abend gelaufen wäre, hätte die ursprünglich eingeplante Annegret Kramp-Karrenbauer neben Gysi Stellung am Pult bezogen. Dass die CDU-Chefin wenige Tage zuvor „terminlichen Gründen“ abgesagt hatte, wird hier mit Murren quittiert. Sie zog am Abend das Sommerfest des Mittelstandes in der CDU vor. Kurz entschlossen hatte Parteifreund de Maizière die Veranstaltung mit seiner Zusage gerettet.

Angst vor gottloser Gesellschaft

65 Minuten lang war es eher eine Zoff-Simulation denn eine diskursive Nachfolge-Veranstaltung jener Disputation vor 500 Jahren, in der Reformator Martin Luther und der katholische Theologe Johannes Eck gegeneinander antraten. Hier stellte keiner die Überzeugungen des Anderen in Frage. Gysi gab zu, nicht an Gott zu glauben und dennoch eine gottlose Gesellschaft zu fürchten, „denn die Bergpredigt war wichtig für die Vermittlung moralischer Werte“. Und sein Gegenüber wiederum gestand, in jungen Jahren vermutet zu haben, Religion könne eine Erfindung sein, hat dann aber doch bald zum Glauben zurückgefunden.

Gysi: „Kirchensteuer abschaffen“

Beide stehen der These Wolfgang Böckenfördes nahe, Religionen seien eine zentrale Quelle gesellschaftlicher Moralität. Einziger Unterschied: Gysi stellt das Staatskirchenrecht zur Diskussion und plädiert beispielsweise dafür, die Kirchensteuer abzuschaffen, „das kriegt die Kirche auch ohne den Staat hin“.

Integration ohne Ghettoisierung

In der Moderation von Heike Schmoll (Frankfurter Allgemeine Zeitung) streifen die beiden Bundestags-Abgeordneten die Diskussion über ein Einheitsdenkmal (Gysi: „Das gehört nach Leipzig“ / de Maizière: „Leipzig hat die Chance durch Streitigkeiten vertan“) und die Notwendigkeit, den Islam und seine Anhänger so zu integrieren, dass hiesige Werte respektiert werden. Parallelgesellschaften können laut Gysi verhindert werden, wenn man die Ghettoisierung der Geflüchteten abschafft.

„CDU hat den Ernst der Lage begriffen“

Der CDU-Vertreter zeigt auf, was Kirche, Volksparteien und Medien mehr denn je eint: Das Volk zweifelt an ihrer Glaubwürdigkeit. „Die CDU hat den Ernst der Lage begriffen“, sagt er, „bei der Kirche bin ich mir da nicht so sicher.“ Nicht nur diesmal setzt Gysi eine kluge Analyse zum Misstrauen in die Politik hinterher. „Wir benutzen Argumente, wie wir sie brauchen – und nicht nach Prinzipien. Das fällt auf!“

Es geht nicht um den Sieg

Bei der Leipziger Disputation vor einem halben Jahrtausend reklamierten sowohl Luther als auch Eck den Sieg für sich. In Sachen Rhetorik dürfte an diesem Abend der Linke-Politiker die meisten Punkte gesammelt haben, doch letztlich geht es hier exemplarisch um etwas Anderes: um den Willen zum Austausch, um Demokratie, um das Bewahren von Werten und Anstand.

Von Mark Daniel