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Lokales Dekra: Neun von zehn Unfällen in Leipzig durch menschliches Versagen
Leipzig Lokales Dekra: Neun von zehn Unfällen in Leipzig durch menschliches Versagen
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15:10 06.08.2019
Ein weißes Fahrrad erinnert in der Leipziger Jahnallee an die erst am 22. Mai 2019 tödlich verunglückte Radfahrerin. Ein Lkw-Fahrer hatte die 20-Jährige beim Rechtsabbiegen übersehen.
Ein weißes Fahrrad erinnert in der Leipziger Jahnallee an die erst am 22. Mai 2019 tödlich verunglückte Radfahrerin. Ein Lkw-Fahrer hatte die 20-Jährige beim Rechtsabbiegen übersehen.
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Leipzig

Fehler beim Abbiegen, unterschätztes Tempo, falsche Reaktion: Immerhin neun von zehn Verkehrsunfällen sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. Zu dieser Einschätzung kommt Bernd Pisecky, Chef der Abteilung Gutachten bei der Dekra in Leipzig.

Polizei und Staatsanwaltschaft ziehen die Sachverständigenorganisation oft bei Unglücken mit Todesfolge, überhaupt bei Kollisionen mit schweren Folgen oder Massenkarambolagen hinzu. Auftrag der Unfallanalytiker ist es, herauszufinden: Was war die Ursache? Konnte der Lkw-Fahrer beim Abbiegen den Zweiradfahrer überhaupt sehen? Gab es technische Ursachen? Hatte das Fahrzeug Mängel? War das Unglück vermeidbar? Gerichte stützen sich auf diese Expertisen, um über Schuld und Unschuld eines Angeklagten zu urteilen.

„Ich habe das Rad nicht gesehen“

Bernd Pisecky, Chef-Gutachter bei der Dekra Leipzig. Quelle: privat

So verurteilte das Landgericht Leipzig erst kürzlich eine 34 Jahre alte Autofahrerin, die nördlich von Leipzig beim Linksabbiegen einen Motorradfahrer erfasst hatte, der sie gerade überholen wollte. Der 30-Jährige starb im Krankenhaus. Die Angeklagte hatte ihre Unschuld beteuert: „Ich habe den Motorrad-Fahrer nicht gesehen und auch nicht übersehen.“

Ein Dekra-Gutachter wies jedoch unter anderem aufgrund von Bremsspuren nach, dass der Zweiradfahrer das Tempolimit nicht überschritten hatte. Und dass die Fahrerin ihn für drei Sekunden im Rückspiegel hätte sehen können – und müssen. Demzufolge hätte sie die Kollision vermeiden können. Das Landgericht verhängte wegen fahrlässiger Tötung eine Geldstrafe.

„Leider der Klassiker“

Ähnlich verhielt es sich in einem anderen Fall. „Ich habe die Radfahrerin wirklich nicht gesehen“, schwor ein 57-jähriger Lkw-Fahrer am Amtsgericht, der beim Rechtsabbiegen von der Wurzner in die Lilienstraße eine 23-jährige Fahrradfahrerin überrollt hatte. Sie war sofort tot.

Laut dem Dekra-Sachverständigen verfügte der Laster zwar über alle erforderlichen Rückspiegel, doch der rechte Außenspiegel war nicht optimal eingestellt. Deshalb seien die Angaben des Angeklagten, niemanden wahrgenommen zu haben, tatsächlich nachvollziehbar, meinte der Experte.

Aber: Laut der Unfallrekonstruktion war beim Blick in jenen über dem Außenspiegel befindlichen Weitwinkelspiegel ein Radfahrer 17 Sekunden lang vor der Kollision zu sehen. Der Gutachter bezeichnete diesen Unfall als leider „den Klassiker“.

Lkw-Fahrer übersieht Radfahrerin

Auch an dem jüngsten tödlichen Radfahrer-Unfall in der Jahnallee war ein Lkw beteiligt. Wie berichtet, hatte am 22. Mai dieses Jahres ein Lkw-Fahrer die 20-Jährige, die neben ihm geradelt war, beim Rechtsabbiegen in den Cottaweg erfasst. Sie war sofort tot. Aufgrund des noch laufenden Verfahrens sei dazu aber „keine Aussage“ möglich, sagte Chefgutachter Bernd Pisecky.

Tödlicher Unfall auf der Leipziger Jahnallee am 22. Mai 2019: Eine Radfahrerin wurde von einem Lkw überrollt

Auch wenn die Zahl der Verkehrsunfälle in der Stadt Leipzig seit 2014 spürbar gesunken ist (von 13 904 auf 13 006 im vergangenen Jahr), nahm die Zahl der dabei verletzten und getöteten Personen zu: Sie stieg von 2443 (2014) auf 2506 (2018). 14 Personen kamen im vorigen Jahr auf Leipzigs Straßen ums Leben, darunter sechs Fahrradfahrer.

Im Jahr zuvor waren es neun tödlich verunglückte Verkehrsteilnehmer, davon zwei Fahrradfahrer. Auch in diesem Jahr waren schon mehrere Todesopfer zu beklagen.

Hier lesen Sie weiter:

>>> 2019: Bisher sieben tödliche Verkehrsunfälle in und um Leipzig

>>> Mehr Verkehrstote, mehr Unfälle mit Radfahrern 

Dekra fertigt jährlich 1000 Gerichtsgutachten

Jährlich fertigt die Dekra Leipzig über 30 000 Gutachten an. Davon sind 1000 Gerichtsgutachten. Dabei handelt es sich aber nicht allein um unfallanalytische Sachverständigenberichte, sondern auch um Expertisen für Zivilgerichte, wenn es etwa nach einem Pkw-Verkauf zum Streit über Mängel kommt.

Auch technische Ursachen

Während das Gros der Kollisionen auf Unaufmerksamkeit, Missachten der Vorfahrt, Abbiege-Fehler oder falsch eingeschätztes Tempo zurückzuführen ist, handele es sich bei rund zehn Prozent um etwa technische Mängel oder Wild-Kollisionen.

Als Beispiel nennt Pisecky einen Fall, bei dem ein Pkw ins Schleudern gekommen und im Straßengraben gelandet war. Schuld sei ein „festgehendes Radlager an der Hinterachse“ gewesen. „Bei der Überprüfung konnte festgestellt werden, dass ein Montagefehler vorlag.“

Von Sabine Kreuz