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Lokales Der Wünschewagen und sein Team: Sterbende noch einmal glücklich machen
Leipzig Lokales Der Wünschewagen und sein Team: Sterbende noch einmal glücklich machen
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12:43 29.04.2019
Eine bewegende Situation: Im April 2017 fuhr Karsten Queitzsch den schwer erkrankten Kai ins Stadion nach Stuttgart, damit der 32-jährige VfB-Fan noch einmal seinen Lieblingsverein erleben konnte. Quelle: Foto: Verena Müller
Leipzig

Es war die 29. Minute, als im Stadion der Jubel ausbrach. Alexandru Maxim schoss für den VfB Stuttgart das 1:0 gegen Union Berlin. In Kais Gesicht, das sonst starr war wie der Rest seines Körpers, kam Leben. Der 32-Jährige, schwer an Multipler Sklerose erkrankt, lächelte. Dieser Moment am 24. April 2017 gehört zu denen, die Karsten Queitzsch niemals vergessen wird. „Da wusste ich wieder einmal, dass sich diese Tätigkeit lohnt“, sagt der Mann, der sich ehrenamtlich für das Projekt Wünschewagen einsetzt.

Noch einmal ein Heimspiel

In dem Spezialfahrzeug fuhr er Kai, dessen Eltern und die zuständige Intensivpflegeschwester von Dresden aus an den Neckar, damit der junge Mann noch einmal vor seinem Tod ein Heimspiel seines Lieblingsclubs sehen konnte. Eine Wunscherfüllung, die ohne das Projekt des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) unmöglich gewesen wäre, denn Kais labiler Zustand erforderte Rundumbetreuung und behutsamen Transport.

„Das ist ein Herzensprojekt“

Menschen in ihrer letzten Lebensphase Glück und Freude schenken – so lautet die Mission der bundesweit präsenten ASB-Wünschewagen. Für Sachsen wird das ausschließlich von Spenden finanzierte Projekt von Leipzig aus koordiniert. „Als ich 2014 davon hörte, wollte ich es unbedingt zu uns holen“, erzählt ASB-Regionalgeschäftsführerin Marion Zimmermann. Mit Erfolg: Seit Ende 2016 steht auch in Sachsen ein Wünschewagen zur Verfügung. „Das ist ein Herzensprojekt, von Anfang an. Jeder daran Beteiligte opfert seine Freizeit aus voller Überzeugung.“ Bei Zimmermanns Worten nickt Queitzsch, denn der 49-Jährige gehört zu jenen rund 130 ehrenamtlich Engagierten.

Wünschende werden vorab besucht

Der geborene Eilenburger arbeitete zunächst nach Kfz-Schlosser-Lehre und Armeezeit als Berufskraftfahrer. 1991 begann er beim ASB eine Ausbildung zum Rettungssanitäter, ließ sich 1998 zum Rettungsassistenten schulen und ist seit zwei Jahren auch Notfallsanitäter. Beim Wünschewagen ist er in Planung und Logistik eingebunden, besucht die Wünschenden vorab, um Details abzusprechen, überführt das Fahrzeug an die Orte, von denen aus es benötigt wird – oder er unternimmt die Fahrten mit Patienten selbst.

Karsten Queitzsch mit dem Wünschewagen vom ASB in Leipzig. Quelle: Kempner

Fahrt soll so entspannt wie möglich sein

Der sonderangefertigte Mercedes-Bus ist perfekt auf unterschiedlichste Bedingungen und Bedürfnisse bei möglichst viel Komfort ausgerichtet. Eine Ladebordwand vereinfacht den Zustieg über die gesamte Breite. Ob Liege, Tragestuhl, einfacher oder Elektro-Rollstuhl – dafür ist ebenso Platz wie für einen Mitfahrenden direkt daneben, für medizinische Geräte und einen Fernseher. Mittels Satellit kann man das Live-Programm anschauen, auch Musik hören und DVDs abspielen; die Fahrt soll so entspannt wie möglich sein. Auf Wunsch zeigt eine Frontkamera dem Patienten via Bildschirm den Blick auf die Fahrbahn an.

Gedanken über Vergänglichkeit

Symbolische Bedeutung hat die Sitz- oder Liegeposition des Gastes: immer in Fahrtrichtung. „Es geht um das Nach-vorn-Schauen, um die Vorfreude. Keiner soll den Rücken zum Geschehen haben müssen“, sagt Queitzsch. Durch das, was er in seinem Beruf erlebe, werde man ein Stück weit ein harter Hund, stellt er fest. „Aber was ich durch den Wünschewagen mitbekomme, geht mir trotzdem sehr nahe. Man denkt viel über die eigene Vergänglichkeit nach.“

„Die Leute blühen noch einmal auf“

Eine Schwerkranke konnte ein letztes Mal das Meer sehen. „Das hätte ich im Leben nie gedacht, dass ich hier noch einmal herkomme“, sagte sie strahlend, als sie am Strand saß. Auch ein siebenjähriger Hirntumor-Patient wollte noch einmal an die Ostsee. Eine Frau wurde zu einem Musical nach Hamburg gebracht, ein Hospiz-Bewohner in seine Heimatstadt. Wünsche zu wagen und erfüllt zu bekommen, das erfüllt nicht nur die Sterbenden, sondern auch deren Begleiter mit einem guten Gefühl. „Es ist wunderbar zu sehen, wie die Leute noch einmal Energie bekommen und aufblühen“, beschreibt es Queitzsch, „und oft können sie nach diesem schönen Erlebnis besser loslassen.“

Die Nachfrage steigt rasant

Die Kosten für eine Fahrt liegen je nach Aufwand, Entfernung und Bedingungen zwischen 150 und 1500 Euro. Die Nachfrage steigt kontinuierlich und rasant. „2017 hatten wir 97 Anfragen, im letzten Jahr schon 155“, zählt ASB-Chefin Zimmermann auf. Die Durchführungsquote liegt bei etwa 30 Prozent. Oft verhindern Verschlechterung des Gesundheitszustands oder gar der Tod das Gelingen.

Für den Wünschewagen sucht der ASB stets neue Helfer, möglichst mit Erfahrungen im medizinischen oder pflegerischen Bereich. Die Spenden kommen laut Zimmermann vor allem von Privatleuten oder kleinen Unternehmen. „Für die Außenwirkung wäre es toll, wenn wir weitere Prominente als Unterstützer gewinnen könnten“, sagt sie.

Das ehrlichste „Danke“, das es gibt

Ob mit oder ohne berühmte Zugpferde – Karsten Queitzsch macht auf jeden Fall weiter. Die ehrenamtliche Aufgabe beschert ihm immer wieder Begegnungen voll intensivster Zwischenmenschlichkeit. „Ein ,Danke’, das von unseren Fahrgästen kommt, ist das ehrlichste und herzlichste, das man sich vorstellen kann.“

So auch die Dankbarkeit von Kais Familie. Der ASB organisierte für den Stuttgart-Fan den Transport und die Übernachtung in einem Pflegeheim; und der VfB machte für das Spiel eine VIP-Loge frei. Am Ende hatte der damalige Zweitligist mit 3:1 gewonnen. Für den VfB ein Schritt zum Wiederaufstieg in die erste Liga, für Kai die Erfüllung eines großen, letzten Wunsches. Zur Abfahrt hielt er ein Fan-Shirt mit allen Spielerunterschriften in die Kamera. Wenige Tage nach der Reise ist er eingeschlafen.

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Weitere Infos auf der Seite asb-leipzig.de; Wer spenden möchte, kann das hier tun: ASB in Sachsen, Kennwort „Wünschewagen (EA); IBAN: DE53860205000003547504; BIC: BFSWDE33LPZ (Bank für Sozialwirtschaft)

Von Mark Daniel

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