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Lokales Die Uni zieht mit vier Vorlesungen ins Kino
Leipzig Lokales Die Uni zieht mit vier Vorlesungen ins Kino
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10:38 02.11.2018
„Einführung in die anglistische Linguistik": Dozentin Sandra Jansen lehrt montags von 9 bis 11 Uhr in Saal 8 des Leipziger Kinos „Cinestar“. Quelle: Swen Reichhold/Universität Leipzig
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Leipzig

Die Studierenden scheint’s jedenfalls nicht zu stören. „Okay, man muss sich selbst ein bisschen zwingen, dass man nicht in den Freizeitmodus umschaltet“, sagt Clemens Schäfer und lächelt. Weil die Sessel so gemütlich seien. „Aber dafür ist das Licht ja voll an, anders als sonst im Kino“, wendet Kristof Heinz ein. „Also, ich find’s cool.“ Die beiden Erstsemester haben neuerdings einen festen Termin im Leipziger Cinestar: Uni-Professor Thomas Voss unterrichtet dort dienstags von 11 bis 13 Uhr in „Grundzügen der Soziologe“.

Es sind insgesamt vier Vorlesungsreihen, mit denen die Universität Leipzig im Wintersemester erstmals in den 724 Sitzplätze fassenden Kinosaal 8 umzieht. Montags und mittwochs sind die Anglisten hier zu Gast, dienstags neben den Soziologen auch die Erziehungswissenschaftler. „Grund sind die erhöhten Hörsaal-Bedarfe am Hauptcampus am Augustusplatz“, erläutert Uni-Sprecher Carsten Heckmann.

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In den Lehramtsfächern hat die Uni im Oktober 1300 Studienanfänger aufgenommen, zudem 600 Jura-Erstsemester. So ist es denn auch eine Einführung ins Strafrecht, die dienstagvormittags im Neuen Augusteum den Audimax mit seinen 800 Plätzen für die Soziologen blockiert. Die Zunahme an Lehramts- und Jura-Studierenden erfolgt im Interesse der Landesregierung. „Der Aufwuchs ist im Sinne der Daseinsvorsorge dringend gewünscht“, sagt Heckmann. Und das, obwohl gleichzeitig nach wie vor die Zielvorgabe des sächsischen Wissenschaftsministeriums im Raum steht, die Studierendenzahl der Uni Leipzig bis Wintersemester 2024/25 von derzeit 30 000 auf 23 000 zu senken.

Dokfilm-Festival statt Vorlesung in Soziologie

Das Sächsische Immobilien- und Baumanagement, ein Staatsbetrieb, hat den Cinestar-Saal für die Uni angemietet. „Natürlich sehen wir das nicht als dauerhafte Lösung“, sagt Heckmann. Aber vorübergehend sei sie gut: „Der Kinosaal ist zentral gelegen und damit gut erreichbar. Er bietet gute Voraussetzungen für Präsentationen.“ Um zu kompensieren, dass die Sessel keine Tischchen haben, verteilt die Uni Klemmbretter als Schreibunterlage. Die Alma Mater profitiert von Erfahrungen anderer Hochschulen: Bereits seit 2007 zieht die Uni Würzburg mit einigen Veranstaltungen in ein Lichtspieltheater um, seit 2011 kooperiert die Uni Duisburg-Essen, seit 2016 die Uni Hannover mit Kinos vor Ort.

In Leipzig hofft Uni-Rektorin Beate Schücking, dass die Nachfrage nach großen Hörsälen spätestens wieder auf ein ausreichendes Angebot trifft, wenn die Juristenfakultät in den nächsten Jahren einen Neubau erhält – wie berichtet vorzugsweise auf dem Leuschner-Platz. Auf Initiative der Landesregierung ist die Juristenausbildung in Sachsen seit einem Jahr auf Leipzig konzentriert. In Dresden dürfen lediglich noch ältere Semester zu Ende studieren.

Wenn es die Uni dann wieder schafft, alle Lehrveranstaltungen in eigenen Räumen anzubieten, kann auch nicht mehr passieren, was den zwei Soziologie-Studenten Kristof Heinz und Clemens Schäfer diesen Dienstag widerfuhr: Sie mussten unverrichteter Dinge abziehen. Statt sozialtheoretischer Grundbegriffe flimmerte am Dienstag um 11 Uhr im Kinosaal 8 der niederländische Dokumentarfilm „The Principal Wife“ über die Leinwand. Die Cinestar-Vorlesungen der Uni fielen nicht nur wegen des Reformationstags, sondern auch wegen des internationalen Dok-Festivals diese Woche aus.

Von Mathias Wöbking