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Lokales „Die Zeit der Feste ist vorbei“ - Ex-Baulöwe Jürgen Schneider wird 85
Leipzig Lokales „Die Zeit der Feste ist vorbei“ - Ex-Baulöwe Jürgen Schneider wird 85
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14:06 29.04.2019
Der Ex-Baulöwe Jürgen Schneider im Jahr 2001. Quelle: Thomas Schulze/Zentralbild/dpa
Frankfurt/Main

Sein Name steht für eine der größten Pleiten in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Der Ex-Baulöwe Jürgen Schneider wird am Dienstag 85 Jahre alt. Einst dirigierte der Bauingenieur in seinem Schlösschen im reichen Königsstein im Taunus ein Immobilienimperium. Heute führt er „ein normales, bescheidendes Leben“ in Kronberg, wie er sagt. „Ich fühle mich glücklich mit meinem augenblicklichen Leben.“ Vor 25 Jahren hatte er mit einer Milliardenpleite und seiner spektakulären Flucht in die USA für Schlagzeilen gesorgt.

Geld von mehr als 50 Banken

Mehr als 5,5 Milliarden D-Mark hatte sich Dr. Utz Jürgen Schneider mit meist frisierten Projekt-Unterlagen von mehr als 50 Banken zusammengepumpt und in seine Altbau-Sanierungen gesteckt. Den Frankfurter Fürstenhof, das Kurfürsteneck in Berlin sowie die Mädler-Passage und ganze Straßenzüge in Leipzig ließ er im alten Glanz erstrahlen.

In den 90er Jahren hatte sich der Immobilienguru Jürgen Schneider in Leipzig als Retter vieler historischer Bauten einen Namen gemacht. Sein auf Lügen basierendes Engagement in der Messestadt wurde ihm zum Verhängnis.

Im April 1994 setzte sich Schneider, der gemeinsam mit seiner Frau Claudia persönlich haftete, in die USA ab. Ein Jahr später wurde das Paar in Miami gefasst. Vor dem Frankfurter Landgericht folgte der bis dahin spektakulärste Wirtschaftsprozess des Landes, bei dem häufig die kreditgebenden Banken den Schwarzen Peter zugeschoben bekamen.

„Blühende Landschaften traten nicht ein“

Schneider sagt im Rückblick: „Die Banken haben mit mir spekuliert, ich konnte nicht alle 55 Banken über den Tisch ziehen. Ich habe da natürlich eifrig mitgewirkt.“ Er räumt ein, dass er hätte früher regieren müssen. „Die blühenden Landschaften im Osten traten nicht ein. Die Werte sind verfallen. Die Bankschulden waren nicht mehr gedeckt“. Er hätte auch nicht so viele Projekte machen dürfen. „Das war nicht in Ordnung. Das würde ich, wenn ich es noch einmal machen dürfte, völlig anders machen.“

Große Liebe zu Leipzig

Allein in Leipzig hatte Schneider über 70 Gebäude aufgekauft. In die Stadt hatte er sich offenbar verliebt. Auch später zeigte er in Interviews immer wieder seine Zuneigung zur Stadt. Im LVZ-Interview von 2013 sagte er: „Ich fühle mich mit meinen Häusern in Leipzig verbunden. Ich sage immer noch meine, auch wenn sie mir nicht mehr gehören. Aber Leipzig ist mein Lebenswerk. Für mich hat die Stadt etwas ganz Besonderes, für sie hatte ich eine Vision. Leipzig hat einen inneren Kern, den es nirgendwo sonst gibt. Mir schwebte vor, die alten Messestadt-Strukturen schneller wiederherzustellen als auf der grünen Wiese neue Kaufhäuser entstehen. Daher habe ich ganze Quartiere aufgekauft.“

München/Leipzig. Knapp 20 Jahre nach seiner Milliarden-Pleite ist der ehemalige Baulöwe Jürgen Schneider wieder im Geschäft. Laut einem Medienbericht, berät der 78-Jährige, der unter anderem in Leipzig alte Messehäuser prachtvoll saniert  hat, zehn junge Unternehmer in Bau- und Finanzfragen: "Ich helfe den jungen Leuten, dass sie nicht von gerissenen Bauherren über den Tisch gezogen werden."

„Peanuts“ von 2,4 Milliarden Mark

Am Ende blieben die Gläubiger auf Forderungen von rund 2,4 Milliarden D-Mark (1,23 Mrd. Euro) sitzen. Die offenen Handwerkerrechnungen in zweistelliger Millionenhöhe im Zusammenhang mit der Schneider-Pleite tat der frühere Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper als „Peanuts“ (Erdnüsse) ab.

Der Ex-Baulöwe Schneider wurde zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten wegen Betrugs, Kreditbetrugs und Urkundenfälschung verurteilt. Seine nach der U-Haft verkürzte Haftstrafe verbrachte er bis Ende 1999 meist als Freigänger: als Buchhalter in einer Bauschreinerei. „Die Zeit im Gefängnis war eine sehr harte Zeit, aber sie war notwendig, um wieder Boden unter den Füßen zu kriegen“, berichtet des Sohn eines hessischen Bauunternehmers.

„Sollte aufs Kreuz gelegt werden“

Einige Jahre später drohte Schneider erneut ein Prozess. Die Staatsanwaltschaft Bonn erhob Anklage wegen Betrugs. Schneiders Sicht auf die Vorwürfe: „Da sollte ich von anderen aufs Kreuz gelegt werden. An der ganzen Sache ist nichts dran.“ 2015 stellte das Bonner Landgericht das Verfahren gegen den damals 81-Jährigen wegen Verhandlungsunfähigkeit ein.

Der einstige Baulöwe lebt nach eigenen Angaben davon, dass er kleine Firmen im Baubereich berät - bei Problemen mit Behörden und mit Banken. „Ich muss ja Geld verdienen“, sagt Schneider. „Und wenn ich den ganzen Tag zuhause sitzen würde, würde ich ja nur meiner Frau auf den Wecker gehen.“

Geburtstag bei der Tochter

Seinen Geburtstag will Schneider im kleinen Kreis mit der Familie in Königswinter bei Bonn feiern, wo seine Tochter lebt und er häufig mit seiner Frau zu Gast ist. „Viele meiner besten Freunde sind leider nicht mehr da. Die Zeit der großen Feste ist vorbei.“

Von Friederike Marx