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Leipzig Lokales Gab es im Mittelalter schon diplomatische Irrlichter wie Trump?
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06:55 04.10.2018
„Wenn etwas geregelt werden musste, fand man zueinander“: Wolfgang Huschner, 64, Mittelalter-Professor an der Uni Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Es ist ein Gipfeltreffen der Diplomatik-Experten: Die „Commission internationale de diplomatique“ versammelt von Donnerstag bis Samstag Urkunden- und Vertragsforscher aus 16 europäischen Ländern zu einer Konferenz in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Der Mediävist Wolfgang Huschner, 64, hat die Tagung organisiert, die ein Licht auf politische Beziehungen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit wirft.

Gab es damals schon diplomatische Irrlichter wie heute US-Präsident Donald Trump oder hatten die Diplomaten ihre Herrscher besser im Griff?

Die Verhandlungsführer hatten fast immer ein Eigengewicht. Im westlichen, lateinischen Kaiserreich handelte es sich häufig um Bischöfe. Hinzu trat vielleicht noch ein königsnaher Herzog. Im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Staatsgebilde, das auf der Kooperation zwischen König und Fürsten basierte, waren die Abhängigkeiten wechselseitig. Zudem gehörten die Diplomaten zur intellektuellen Elite. Ihren Rat schätzte man am heimatlichen Hof. Und sie verstanden es in der Regel, ihre Verhandlungsergebnisse zu Hause ins bestmögliche Licht zu rücken.

Woher wissen Sie so etwas – Jahrhunderte später?

Zu unserem Kongress erwarten wir Spezialisten, die sich nicht nur für einen fertigen Vertrag, sondern auch für die Zwischenstufen interessieren. Da haben wir gegenüber Zeithistorikern einen Vorteil. Heute verhandeln Politiker hinter verschlossenen Türen und präsentieren der Öffentlichkeit erst das Endergebnis, Entwürfe werden meist vernichtet. Dagegen verfügen wir über viele Quellen aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit, die den Entstehungsprozess eines Vertrages dokumentieren. Immer wieder haben sich zum Beispiel Gesandte in Briefen bei ihren Herrschern rückversichert, wie weit sie bei der Kompromisssuche gehen durften und wo die rote Linie verlief. In besonders strittiger Lage bannten sie das Zwischenergebnis auf ein Pergament und zerschnitten es. Jede Seite nahm eine Hälfte mit zurück an den eigenen Hof. Beim nächsten Treffen, ein oder zwei Monate später, fügten sie das Dokument wieder zusammen als Basis für das weitere Gespräch

Amsterdam, Paris, Rom – und Leipzig

Alle drei bis fünf Jahre kommen die Spezialisten der „Commission internationale de diplomatique“ zusammen, zuletzt in Amsterdam, Paris und Rom. Die Unterorganisation des internationalen Historikerverbands entschied sich für Leipzig, nachdem Wolfgang Huschner, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der hiesigen Universität und Mitglied im Präsidium der Sächsischen Akademie der Wissenschaften (SAW), seinen Kollegen 2015 in Rom vorgeschlagen hatte, die Beziehungen zwischen politischen Zentren in Europa und der Mittelmeerwelt zwischen 800 und 1600 in den Blick zu nehmen. Für den Zuschlag war nicht nur die Mehrzahl der Stimmen nötig, sondern auch ein angemessener Veranstaltungsort: Als international profiliertes Zentrum grundwissenschaftlicher Forschung mit aktuell mehr als 20 langfristigen Projekten genügt die SAW den Anforderungen der Kommission.

Offiziell ist die Anmeldefrist zur Konferenz verstrichen, aber für Kurzentschlossene wird voraussichtlich insbesondere am Tagungssamstag noch Platz bei der SAW in der Karl-Tauchnitz-Straße 1 sein.

Programm: www.saw-leipzig.de/cid2018

Inwiefern gab es bereits einen Katalog an diplomatischen Gepflogenheiten, der länderübergreifend als verbindlich galt?

Das ist eine der Fragen, die wir uns auf der Tagung stellen. Immerhin behandeln wir Verträge, an denen insgesamt 30 heutige Länder Europas und des Mittelmeerraums beteiligt waren. Auch da ist es wichtig, nicht nur auf die Inhalte, sondern etwa auf die Form der Verträge zu schauen. Welche Siegel wurden zur Beglaubigung verwendet? Das Siegel des Königs oder nur eines Herzogs oder Markgrafen? Wurde das Papier oder Pergament zusätzlich unterschrieben? In welchen Sprachen fasste man das Dokument ab? Wie unterschieden sich die Fassungen, die die jeweiligen Verhandlungspartner zu Hause präsentierten? Wenn eine lange Vertragsdauer erwünscht war, unterstrich man die Vereinbarungen häufig mit Ehebündnissen. Aus einer hochrangigen Ehe lässt sich schließen, dass das Ganze mindestens eine Generation halten sollte. Legte man Wert auf ein prachtvolles Erscheinungsbild oder schnitt man das Pergament so zurecht, dass mit Mühe der Text drauf passte? Kaiser Friedrich II. von Staufen und der Sultan der Mamluken schlossen 1229 einen berühmten Vertrag, der allen Pilgern für zehn Jahre freien Zugang nach Jerusalem gewährte. Beide Herrscher steckten in schwierigen innenpolitischen Situationen, beide wurden für diesen Vertrag kritisiert. Er ist nicht original, sondern nur abschriftlich und fragmentarisch überliefert. Allerdings existiert noch ein Inschriftenbruchstück einer arabischen Fassung des Vertrages aus der Mauer von Jaffa.

Welche Rolle spielte generell die Religion beim Versuch, erfolgreich zu verhandeln?

Wenn interkulturelle Verträge geschlossen wurden, ging es fast immer um Sachfragen. Und die wurden auch gelöst. Die flankierende Überlieferung rückte aber häufig den jeweiligen Glauben in den Vordergrund. Wir kennen die Antwort eines hochrangigen orientalischen Herrschers auf einen Brief seines oströmisch-byzantinischen Kollegen. Dieser hatte seinen Brief vermutlich mit einer christlichen Formel begonnen, die auf Vater und Sohn verwies. Darauf antwortete der orientalische Herrscher mit „Im Namen des alleinigen Gottes, der keine Mutter und auch keine Kinder hat“.

Standen religiöse Unterschiede einer sachlichen Vereinbarung im Weg?

Wenn etwas geregelt werden musste, fand man zueinander. Im Zweifel genossen die Handelsverbindungen Priorität, gerade im Mittelmeerraum. Im lateinischen Europa kannte man die islamischen Glaubensvorstellungen und andersherum ebenso. Seit dem siebten Jahrhundert hatte man in Europa immer mit muslimischen Reichen zu tun. Man wusste genau voneinander, wie weit man gehen konnte, wann man das Gegenüber beleidigte und welchen Satz man im Zweifel lieber wegließ. Es lohnt sich auch mit dem Blick auf die Gegenwart, in die Vergangenheit zu schauen, wie man trotz unterschiedlicher Religionen und Wertvorstellungen miteinander umging. Natürlich haben die Gesandten, wenn sie einen Vertrag zu Hause dann vorlasen, das jeweilige Glaubensbekenntnis an den Anfang gestellt. Die Sachfragen kamen erst irgendwo weiter unten.

Konnten sich Herrscher unbemerkter mit vermeintlich Andersdenkenden auf einem pragmatischen Kompromiss einigen, weil es noch keine Massenmedien gab?

Wenn man in Konflikt miteinander war, hat man das Trennende in den Vordergrund geschoben und in die Propaganda eingespeist. War man dagegen an einer Vereinbarung interessiert, wurden die Gemeinsamkeiten betont. Ich denke, das hat sich seit der Antike bis heute nicht geändert, selbst wenn die Öffentlichkeit im Mittelalter natürlich eine andere als heute war. Sie bestand im Wesentlichen aus den Herrschaftsträgern und den Räten der Städte. Auch das ist eine der Fragen unserer Tagung: Wurden Verträge eher unter Verschluss gehalten oder hat man breit darüber informiert?

Lässt sich aus den Dokumenten schon ein europäisches Bewusstsein herauslesen?

Wir beginnen die Tagung nicht zu fällig mit der Kalmarer Union. Das war Ende des 14. Jahrhunderts der Versuch, die drei skandinavischen Königreiche dauerhaft zu verbinden. Vom 14. bis 16. Jahrhundert existierte auch eine polnisch-litauische Union, zunächst durchaus auf Augenhöhe. Der Friedensvertrag von London 1518 sollte möglichst viele europäische Länder in ein Bündnissystem integrieren, allerdings unter Ausschluss Russlands. Das hing damit zusammen, dass man in London die Zeit der Großreiche wohl für vorüber hielt. Die Nachwirkung der Verträge ist ein wichtiger Bestandteil unserer Konferenz. Aktuell steckt Europa in einer Krise und muss sich neu organisieren. Wir gucken, wie man in den Jahrhunderten zuvor damit umging, wenn ein Mitglied eine Union verließ, wie etwa Schweden die von Kalmar. Ebenso zeigt der Blick in die Vergangenheit, dass zum Beispiel Syrien seit Jahrhunderten nicht weit weg ist. Was dort passierte – damit bekamen auch schon die Europäer des Mittelalters zu tun.

Von Mathias Wöbking

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