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Lokales Obdachloser im Porträt: Ein Leben zwischen Verlust, Blockaden und einem Zufluchtsort
Leipzig Lokales

Ein Leipziger Obdachloser spricht über sein Leben zwischen Verlust, Blockaden und Zuspruch in der Bahnhofsmission

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12:17 03.08.2021
Fast täglich steht er vor der Bahnhofsmission und wartet, bis sie aufgeschlossen wird. Der obdachlose, in Leipzig lebende Oskar sagt: „Hier kann man sein, wie man ist.“
Fast täglich steht er vor der Bahnhofsmission und wartet, bis sie aufgeschlossen wird. Der obdachlose, in Leipzig lebende Oskar sagt: „Hier kann man sein, wie man ist.“ Quelle: André Kempner
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Die Bemerkung fällt fast nebenbei. „Obdachlosigkeit kann jeden treffen“, sagt Oskar. Und auch die Sozialarbeiterin der Bahnhofsmission Leipzig bestätigt: Es gibt genug Biografien, in denen Wohnungsverlust einen nie für möglich gehaltenen Bruch geschlagen hat. Als Folge von Trennungen, psychischen Krankheiten, finanziellen Schwierigkeiten. Auch bei Oskar hätte es anders laufen können.

Der junge Mann, der eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben möchte, stammt aus einem Dorf in Brandenburg. „Bei meinen drei Geschwistern ist alles normal gelaufen“, sagt er und nippt am Tee, „auch das Elternhaus war in Ordnung.“ Nur bei ihm lief etwas aus der Spur, als Folge der Summe von Rück- und Schicksalsschlägen.

Nach seinem Abschluss der zehnten Realschulklasse hatte Oskar eine Ausbildung als Gebäudereiniger begonnen und nebenbei weiter seine große Leidenschaft Fußball betrieben, als Fan wie als Kicker. Dass er plötzlich, damals ein blutjunger Kerl, wegen eines kaputten Sprunggelenks und eines Knieschadens nicht mehr für seinen Verein auflaufen konnte, gab ihm den ersten Knacks.

Oskar im Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission Leipzig: „Ich habe Rückschläge nicht verkraftet.“ Quelle: Andre Kempner

Der zweite kam an seinem 18. Geburtstag. An diesem Tag starb sein Onkel, zu dem er ein gutes Verhältnis hatte. „Irgendwie hab ich das nicht verkraftet“, meint er. Oskar ging nicht mehr zur Arbeit und nicht mehr nach Hause. Trieb sich mit Freunden rum, reiste in andere Städte, kaufte sich Karten für Fußballspiele, konsumierte Drogen. Etwas Geld verdiente er durch seinen Job bei einer Fastfood-Kette.

Seit er diesen verlor, kennt er keine Stetigkeit mehr. Wie eine Boje im weiten Meer trieb Oskar durchs Leben, taumelnd und ohne festes Land in Sicht. In den vergangenen Jahren hielt er sich weitgehend in Leipzig auf, hier fühlt er sich am wohlsten. Im Gespräch deutet er Entziehungskuren an, Neustarts, Rückfälle. Seit dem Verlassen des Elternhauses hat der heute 30-Jährige keinen festen Wohnsitz.

Statistisch kaum zu erfassen

Wie viele Menschen in Leipzig so leben wie Oskar, lässt sich laut Sozialamt nicht beziffern. Statistisch erfasst werden nur diejenigen, die eine Notunterkunft nutzen. Laut Sozialreport Leipzig 2020 übernachteten 665 unterschiedliche Personen mindestens eine Nacht in den Unterkünften der Stadt. 471 Männer, 97 Frauen, 77 drogenabhängige Obdachlose beiden Geschlechts, 20 mit sozialpsychiatrischem Bedarf.

Oskar nutzt manchmal die Unterbringung in der Rückmarsdorfer Straße – bei zu großer Kälte, zum Wäsche waschen und Duschen. Ihn stört, dass „man dort manchmal abfällig behandelt wird“, kritisiert Oskar, „außerdem sind die Regeln streng.“ Die Rucksack-Kontrollen nerven. „Der größte Mist ist, wenn du beklaut wirst. Das passiert immer mal wieder.“ Sein schlimmster Verlust: die Sammlung aus Fußball-Eintrittskarten, Stickern oder Flyern von Vereinen. „Das waren über 1000 Stück! Eines Morgens hab ich den Spind in der Unterbringung aufgeschlossen, und alles war weg.“

Übernachtung im Park: Das Wetter ist erträglicher als im Winter, das Leben jedoch nicht. Quelle: Martin Gerten/dpa

Draußen übernachtet Oskar auf einer abgelegenen Bank im Park, manchmal in der Halle eines leer stehenden Baumarktes im Leipziger Westen. Der junge Mann, ein Schnellsprecher mit Berliner Jargon, ist ein sympathischer, sehr lebhafter Mensch und immer gut für einen lockeren Spruch. Auf die Frage, ob er wie Andere einen Hund oder ein anderes Haustier um sich habe, antwortet er: „Kommt drauf an, wo ich schlafe. Käfer sind ja auch Haustiere, wa?“ Dann knattert er ein unbekümmert lausbübisches, ansteckendes Lachen. Und erst viel später dämmert einem, wie zynisch ein scheinbar harmloses Wort wie Haustier in Bezug auf Obdachlosigkeit ist.

Dem Klischee des Clochards – abgerissen, ungepflegt, alkoholisiert – entspricht der 30-Jährige nicht. Sein Suchtmittel ist vor allem Cannabis. Davon ablassen möchte er nicht; dennoch glaubt er an die Rückkehr in ein geregeltes Leben, in eigene vier Wände. Und hier zirkelt sich der bekannte Teufelskreis auf: ohne Job keine Wohnung, ohne Wohnung kein Job. Ganz davon abgesehen, dass ein Arbeitsplatz Entzug und Drogenabstinenz voraussetzt.

Manche schaffen den Absprung

Dennoch gibt es sie, die Ausbrüche aus dem Kreis. Für das Jahr 2020 liegen dem Sozialamt Vermittlungen oder Abgänge des Übernachtungshauses für wohnungslose Männer vor. Demnach mieteten 38 Personen eine eigene Wohnung an, und 40 wurden in betreute Wohnangebote vermittelt. Was unternimmt Oskar, um sein Ziel zu erreichen? „Ich habe einen Sozialarbeiter, der mich unterstützt“, sagt er. „Das scheint gut zu werden.“

Die letzten Termine hat er jedoch platzen lassen. „Es gibt da einen Brief der Staatsanwaltschaft. Mein Berater würde ihn für mich öffnen, aber ich hab eine Blockade“, gibt er zu. Vor ein paar Monaten war er in einer Parfümerie beim Diebstahl erwischt worden, „ich wollte das Zeug in Drogen umsetzen“. Sonst klaue er nicht, betont er, „normalerweise bekomme ich Geld durch Sammeln von Pfandflaschen zusammen“. Keine rechtlichen Konsequenzen, so lange der Umschlag verschlossen bleibt – Oskar ist klar, dass diese Rechnung naiv ist. „Ich ärgere mich ja selber über mich.“

Wo fängt der Selbstschutz an?

Im Gespräch ist es unmöglich einzuordnen, wo die Tatsachen-Ebene verlassen wird und wo der Selbstschutz anfängt, um die eigene Entwicklung und Situation zu rechtfertigen. Was war zuerst da, die Sucht oder das Schicksalhafte? Legen die Ämter Oskar tatsächlich Steine in den Weg oder versäumt er es, Nachweise für finanzielle Stütze zu erbringen? Unterstützt ihn die Notunterkunft wirklich nicht bei der gewünschten Corona-Impfung oder verpasst er die Termine?

Keine Ausflüchte macht der junge Mann bei der Frage, wer seine Lebenslage zu verantworten hat. „Im Endeffekt ist es meine eigene Schuld, nicht zuletzt durch meinen Drogenkonsum.“ Kontakt zur Familie hat Oskar kaum noch. Der wichtigste soziale Anlaufpunkt ist die Bahnhofsmission geworden, die er täglich aufsucht. „Hier kann man sein, wie man ist und bekommt Respekt.“ Da draußen sei das anders, und sein Daumen weist aus dem Fenster, da gelte man als „Dreckspack“. Oskar wünscht sich generell mehr Respekt gegenüber Obdachlosen, „auch von denen, die mit einem goldenen Löffel aufgewachsen sind. Schließlich sind wir auch Menschen.“

Die Bahnhofsmission Leipzig

Die Bahnhofsmission in Leipzig eröffnete 1913 und kümmert sich vor allem um Menschen mit Behinderungen sowie um jene, die sozial oder seelisch in Not sind und einen Anlaufpunkt brauchen – Tendenz deutlich steigend. Weitere ehrenamtliche Helfer sowie Geld- und Sachspenden sind daher sehr willkommen; um vorherige telefonische Absprache wird unter der Nummer 0341 9616377 gebeten (Mail: leipzig@bahnhofsmission.de). Die Bahnhofsmission ist von Montag bis Freitag jeweils 9 bis 18 Uhr, sonntags von bis 13.30 Uhr geöffnet. Spenden überweisen kann man an den Caritasverband Leipzig e.V., IBAN DE87 4006 0265 0000 1126 00, Verwendungszweck: Bahnhofsmission Leipzig.

 

Leipziger Bahnhofsmission braucht Sach- und Geldspenden

Die Bahnhofsmission wiederum wünscht sich Geld- und Sachspenden, aktuell hat sie mit Mittelknappheit zu kämpfen. „Im Winter bekommen wir oft etwas, aber jetzt ist die Lage schwierig“, sagt Sozialarbeiterin Michelle von Grzymala, seit eineinhalb Jahren dabei. „Viele haben die Härte von Obdachlosigkeit im Sommer nicht auf dem Schirm, aber natürlich ist das kein saisonales Phänomen.“

Benötigt werden vor allem Schlafsäcke, Isomatten, Sommerbekleidung, aber auch Getränke wie Wasser und Apfelschorle, zudem gerne Geldspenden, von denen Essensgutscheine oder Straßentickets gekauft werden können. „Wer helfen möchte, kann sich gern an uns wenden“, so die Sozialarbeiterin.

Inzwischen ist es elf Uhr geworden und die Teetasse leer. Was sind Oskars Pläne für diesen Tag? „Ich quatsche mit den Leuten hier und geh zum Rauchen raus“, sagt er. „Und später werde ich mich wohl mal bei dem Berater melden. Hundertpro.“ Man möchte ihm unbedingt glauben, dass er das wirklich tut.

Von Mark Daniel