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Einzelhandel öffnet in Leipzig: „Neun von zehn Kunden wissen nicht Bescheid“ 

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20:08 06.04.2021
Seit Dienstag müssen Kunden in Leipzig vor dem Shoppen einen negativen Corona-Test vorweisen.
Seit Dienstag müssen Kunden in Leipzig vor dem Shoppen einen negativen Corona-Test vorweisen. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Leipzigs Einzelhandel hat am Dienstag einen durchwachsenen Neustart durchlaufen. Nachdem viele Händler am Gründonnerstag kurzfristig schließen mussten, hatte die Stadt noch vor Ostern eine neue Allgemeinverfügung erlassen: Auch Geschäfte, die nicht den täglichen Bedarf abdecken, konnten am Dienstag wieder öffnen – jedoch unter veränderten Bedingungen. Neben dem bereits bekannten Click and Meet müssen Kunden nun einen tagesaktuellen Corona-Test vorweisen – selbstredend mit negativem Ergebnis.

Die Umsetzung des Verfahrens stellte Gewerbetreibende wie Kunden vor große Herausforderungen. „Es ist sehr holprig gestartet“, klagt Marcus Kahl, Geschäftsführer bei Breuninger am Markt. Ein Viertel seiner Belegschaft, die sonst auf der Verkaufsfläche arbeiten würde, sei damit beschäftigt, das Terminsystem im Auge zu behalten und die negativen Corona-Tests zu kontrollieren. Es sei nicht daran zu denken, die aktuelle Kapazität des Ladens auszulasten – bei 8000 Quadratmetern immerhin 200 Kunden. „Wir müssen viele wieder wegschicken, weil sie kein tagesaktuelles Ergebnis haben“, sagt Kahl.

Viele Kunden noch nicht informiert

Die Erfahrung, dass viele Kunden noch nicht auf den Einkauf unter den neuen Bedingungen vorbereitet sind, musste auch Werner Varnhorn machen. „Ich kann natürlich nur schätzen, aber ich denke, neun von zehn wissen nicht Bescheid“, zieht der Geschäftsführer des Saturn-Marktes im Hauptbahnhof am ersten Tag Bilanz.

So ging es beispielsweise Thoralf Brendel. Er hatte sich am Ostermontag online einen Termin für den Elektrofachmarkt besorgt. Vor Ort verweigerten die Security-Mitarbeiter jedoch den Zutritt: „Ich hatte mich einfach schlecht informiert und wusste nicht, dass man ein negatives Testergebnis braucht“, sagt Brendel einsichtig und besorgte sich bei einer Apotheke im Hauptbahnhof den nötigen Test – „ärgerlich, ich musste acht Euro bezahlen.“

Saturn-Mitarbeiter assistiert beim Test

Vor dem Laden assistierte dann ein Saturn-Mitarbeiter bei der Durchführung. Geschäftsführer Varnhorn: „Meine Angestellten sind informiert. Ich kann nur den Hut davor ziehen, dass sie das alles mitmachen, vor allem mit den Änderungen über die Osterfeiertage. Es kann aber eigentlich nicht unser Job sein, dass wir die Leute informieren.“

Thoralf Brendel hatte einen Termin bei Saturn, konnte aber keinen tagesaktuellen Test vorweisen. Den bekam er bei einer Apotheke im Hauptbahnhof . Quelle: André Kempner

„Das Chaos und die Verunsicherung sind nach den Entscheidungen der letzten Wochen perfekt, konstatiert Kristian Kirpal, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Leipzig: „Viele sind von dem Verfahren überfordert, weil in der Corona-Schutzverordnung nicht konkret und praxisnah festgehalten ist, welche Pflichten die Händler haben.“ Muss von der Selbstauskunft eine Kopie gezogen werden? Muss ein Ausweis vorgezeigt werden? Welche Daten müssen für die Kontaktverfolgung aufgenommen werden? Mit diesen und ähnlichen Fragen wurde Kirpal in den vergangenen Tagen konfrontiert. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht mache die Öffnung mit Click-and-Meet ohnehin keinen Sinn. Dennoch sei die Lockerung zu begrüßen, auch wenn sie nur zur Kundenbindung dient.

Besonders kleine Betriebe sind in einer Zwickmühle: „Wir hatten am Vormittag zwei Kunden. Einer wollte sich wegen des Schnees unterstellen und einer hatte keinen Test“, fasst Madeleine Steinert, Geschäftsleiterin des „Vielfach“ auf der Karl-Liebknecht Straße, ihren persönlichen Neustart zusammen. „Wir verkürzen jetzt deshalb unsere Öffnungszeiten. Heute Vormittag hatten wir gar keinen Umsatz. Die Personalkosten sind so nicht zu stemmen.“ Zu allem Überfluss reagierten, so Steinert, längst nicht alle Kunden verständnisvoll auf die neuen Anforderungen: „Wir wurden auch schon beschimpft, obwohl wir ja gar nichts dafür können.“

Nicht alle Geschäfte am Dienstag geöffnet

Längst nicht alle konnten oder wollten einen Neustart unter diesen Bedingungen leisten. Das Team des „Hafens“ auf der Karl-Heine-Straße schrieb schon am Ostermontag auf Facebook: „Wir wurden und werden von allen Entscheidungen gerade ein wenig überrumpelt.“ Der Laden startet deshalb – mit eigenhändig verlängerter Vorbereitungszeit – erst am Donnerstag und zunächst auch nur für zwei Tage pro Woche. „Ob und wie gut dies im Alltag funktioniert, wollen wir gerne mit euch zusammen herausfinden“, heißt es in dem Posting weiter.

In der Innenstadt zog Heike Melzer vom City Leipzig Marketing am Dienstag ein ernüchtertes Zwischenfazit: „Klar, verschiedene Faktoren spielen eine Rolle. Das Wetter lud ja auch nicht gerade zum Einkaufen ein. Aber die Stadt war schon ungewohnt leer. Da war es zuletzt sogar an den Sonntagen belebter. Viele sind einfach verunsichert“, glaubt die Projekt-Koordinatorin. Sie hofft, dass sich alles in den nächsten Tagen einspielt.

Breuninger-Chef fordert bessere Test-Infrastruktur

Dafür sei, so Breuninger-Chef Kahl, aber die passende Infrastruktur nötig. „Die Idee des Testens ist gut. Das muss man sagen. Das kann uns auch helfen, die Pandemie zu besiegen und das ist ja das vorderste Ziel, aber dann muss von der Stadt auch die Struktur geschaffen werden. Ich frage mich beispielsweise, warum nicht einfach fünf Container für ein zentrales Testzentrum auf den Augustusplatz gestellt werden. Es kann einfach nicht sein, dass die Menschen vor dem Einkaufen noch ewig in einer Schlange stehen. Das Testen muss Einzug in den Alltag finden.“

 

Von Anton Zirk