Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Eskalation mit Ansage: 13 verletzte Beamte bei Indymedia-Demo in Leipzig
Leipzig Lokales Eskalation mit Ansage: 13 verletzte Beamte bei Indymedia-Demo in Leipzig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:14 26.01.2020
Indymedia-Demo in Leipzig am 25. Januar 2020. Quelle: Dirk Knofe - Picturework.eu
Leipzig

Trotz zahlreicher öffentlicher Appelle von Politikern und Leipziger Oberbürgermeisterkandidaten machten mehrere Linksextreme am Samstagabend ihre öffentlichen Ankündigungen wahr: In der Karl-Liebknechtstraße hagelten Pflastersteine auf Polizeibeamte und ihre Fahrzeuge. Zuvor war eine LVB-Haltestelle „entglast“ worden; auch einzelne Geschäfte wurden mit Steinen und Farbbeuteln attackiert. Am späten Abend sprach die Polizei von 13 verletzten Beamten und sechs vorläufigen Festnahmen. Der Sachschaden ließ sich noch nicht ermitteln.

1600 Demo-Teilnehmer auf Simsonplatz

Schon zur Auftaktkundgebung vor dem Bundesverwaltungsgericht waren deutlich mehr Demonstranten gekommen, als angemeldet. Statt der 500 avisierten Teilnehmer registrierten Polizei und Ordnungsamt kurz nach 17 Uhr rund 1600 Menschen auf dem Simsonplatz. Sie waren gekommen, um ein Zeichen gegen ein Verbotsverfahren zu setzen, das für das Internet-Portal „linksunten.indymedia.org“ läuft. Auch Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) und Landespolizeipräsident Horst Kretzschmar waren vor Ort, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

Indymedia-Demo am 25. Januar 2020 in Leipzig

Die Demonstranten trugen Transparente mit Aufschriften wie „Gemeinschaftlicher Widerstand! Tag X“ und Fahnen mit Antifa-Symbolen oder Hammer und Sichel. Unter Beifall wurden dort mehrere Reden verlesen, so die eines inhaftierten Linksextremen aus Freiburg, der als „Stimme aus dem Knast“ vorgestellt wurde. Darin hieß es, in Deutschland gebe es eine „zunehmende staatliche Verfolgung linker emanzipatorischer Projekte“. Es werde auch die Verbreitung von Informationen verboten und zensiert. Deshalb sei es wichtig, das Internetportal „linksunten“ zu erhalten. Es sei nicht nur für die Kommunikation untereinander unverzichtbar, sondern auch um linke Gewalt öffentlich zu machen. Die Informationen des Portals würden „inspirieren und motivieren“, erklärte ein Redner. Medienhäuser wie „die LVZ, die Süddeutsche Zeitung und der Focus“ müssten dagegen „zerschlagen“ werden.

Route gen Süden: Einzelne Teilnehmer werden aggressiver

Gegen 18.30 Uhr liefen die Demonstranten über die Harkort- und die Riemann- zur Karl-Liebknecht-Straße, um von dort in Richtung Süden in den linken Szene-Stadtteil Connewitz zu ziehen. Dabei wurden Sprüche wie „Nie wieder Deutschland!“ sowie „Feuer und Flamme der Repression!“ skandiert. Auch einzelne Absperrbaken wurden umgeworfen und ersten Böller gezündet. An der Spitze des Demonstrationszuges marschierten rund 150 Vermummte, von denen einige noch dunkle Brillen aufgesetzt hatten und Regenschirme aufspannten, um nicht identifiziert zu werden. Mehrere Pressevertreter wurden zudem daran gehindert, Aufnahmen vom Geschehen zu machen.Kamerateams wurden sogar tätlich angegriffen.

Schon nach wenigen Hundert Metern auf der Karli wurden die Sprechchöre aggressiver. „Bullenschweine raus aus dem Viertel!“, riefen die Demonstranten in Richtung der Polizeihundertschaften, die deutlichen Abstand zu dem Zug hielten. Gleichzeitig wurden immer mehr Böller, Kanonenschläge und Pyrotechnik gezündet und teilweise auf den Fußweg zwischen Polizisten, Journalisten und Unbeteiligte geworfen. An der Kurt-Eisner-Straße war schließlich durch die Pyrotechnik die ganze Kreuzung in Rauch gehüllt. Als eine kleine Abordnung der Polizei die Demonstranten zur Mäßigung anhalten wollten, wurde „Ohr ab! Ohr ab!“ skandiert.

Link: Der LVZ-Liveticker zur Indymedia-Demo zum Nachlesen

„Wir wurden völlig überrascht.“

Völlig aus dem Ruder lief die Demonstration, als die Richard-Lehmann-Straße in Sicht kam. Gegen die Konsum-Filiale in der Karl-Liebknecht-Straße 149 und eine benachbarte Pizzeria flogen Pflastersteine und Farbbeutel. „Wir wurden völlig überrascht“, erzählte später ein Konsum-Mitarbeiter und wies auf die Eingangstür, durch die ein Pflasterstein geflogen war. „Hätte ich an der Kasse gestanden, hätte es schlimm ausgehen können.“

Die Polizei hatte zu diesem Zeitpunkt die Demonstranten schon mehrfach über Lautsprecher aufgefordert, das Abbrennen von Pyrotechnik zu unterlassen und die Vermummungen abzunehmen. Jedes Mal ernteten die Beamten ein Pfeifkonzert und ein Blitzlichtgewitter aus Pyrotechnik und Böllern. Skandiert wurde auch „BRD-Bullenstaat, wir haben dich zum Kotzen satt!“

Einige Meter vor der Kreuzung Richard-Lehmann-Straße zerschlugen Demonstranten die Glasscheiben einer LVB-Haltestelle und griffen an der westlichen Einmündung Polizeifahrzeuge und Beamten mit einem Regen aus Pflastersteinen an. Die Polizisten zogen sich fluchtartig zurück, während rund 15 Kollegen von der gegenüberliegenden Straßenseite anrückten, um die Steinewerfer zu stoppen. Auch auf sie ging ein Steinhagel nieder, so dass sie den Rückzug antreten mussten.

Polizei setzt auf Deeskalation

Obwohl die Polizei inzwischen mehrere Hundertschaften zusammengezogen hatte und alle Einmündungen der Kreuzung blockierte, griff sie die Steinewerfer nicht an. Viele Teilnehmer der Demo nutzen diese Atempause, um sich von den Gewalttätern abzusetzen und die Demo zu verlassen – zurück blieben rund 250 teils Vermummte, die sich vor dem HTWK-Gebäude an der Kreuzung sammelten und die Zurückhaltung der Polizei wie einen Sieg feierten. „Wir sind alle linksunten.indymedia“ skandierten sie. Und: „Haut ab! Haut ab!“.

Indymedia-Demo in Leipzig am 25. Januar 2020. Quelle: Dirk Knofe - Picturework.eu

Über Lautsprecher teilte die Polizei dann mit, dass die Organisatoren der Demo diese für beendet erklärt hatten. Doch die 250 Schwarzgekleideten dachten nicht daran, das Feld zu räumen. Im Gegenteil: Einige liefen auf die Polizeiketten zu und versuchten die Beamten zu provozieren. Sprüche wie „Deutsche Polizisten – Mörder und Faschisten!“ wurden gerufen; ab und an war auch die Forderung „Freies Geleit!“ zu hören.

Demo beendet – und neue angemeldet

Die Organisatoren der beendeten Demo verhandelten in dieser Zeit mit der Polizei und meldeten schließlich eine weitere Demo an. „Um 20 Uhr geht der Marsch weiter“, wurde durchgesagt.

Die verbliebenen Demonstranten, die binnen weniger Minuten wieder auf 300 Teilnehmer anwuchsen, feierten auch diese Mitteilung wie einen Sieg. Als sich der Zug in Richtung Süden in Bewegung setzte und das Connewitzer Kreuz in Sichtweite kam, wurden wieder Sprechchöre „Bullenschweine raus aus dem Viertel!“ skandiert. Auch Böller und Pyrotechnik wurden wieder gezündet.

Indymedia-Demo in Leipzig am 25. Januar 2020. Quelle: Dirk Knofe - Picturework.eu

Am Kreuz gab es vom Straßenrand Beifall und einige schlossen sich spontan dem Demozug an, der so wieder auf rund 400 Teilnehmer anwuchs. Vom Kreuz ging es in die Wolfgang-Heinze Straße, wo sich der Zug gegen 21 Uhr auflöste.

Eskalation sorgt für Kritik

Am Abend zog die Polizei Bilanz: 13 Beamte wurden laut den Angaben der Behörde leicht verletzt, elf von ihnen durch Bewurf durch Gegenstände, zwei durch Pyrotechnik. Sechs Person wurden vorläufig festgenommen, ihnen werde unter anderem Körperverletzung, Sachbeschädigung und Landfriedensbruch vorgeworfen. Verletzte Demoteilnehmer waren der Polizei am Abend nicht bekannt.

Dass die Demo so eskalierte, wurde in den sozialen Netzwerken stark kritisiert – unter anderem auch von Juliane Nagel (Linke) und Monika Lazar (Grüne). „Ich verstehe es nicht. Ich verstehe nicht was das mit den inhaltlichen Zielen, die ich durchaus teile, zu tun hat“, teilte Nagel auf Twitter mit. Und Lazar schrieb: „Auf die heutige Demo in Leipzig hätte ich gut verzichten können. Mit politisch linken Anliegen hatte das ganze für mich nichts zu tun.“

Friedlicher Gegenprotest bei Poggenburg-Kundgebung

Eine weitere Kundgebung gab es zuvor in der Brandstraße in Connewitz. Dort hatte Ex-AfD- und Ex-AdPM-Mitglied André Poggenburg am frühen Abend zu einer Versammlung unter dem Motto „Abschaltung von ‚indymedia.org‘ jetzt“ aufgerufen. Wie schon bei Poggenburgs letztem Auftritt im Süden der Stadt wurde er nur von einer kleinen Anzahl Mitdemonstranten unterstützt.

Aus einem Fenster schallt es: "Verpisst Euch aus Connewitz!" Poggenburg spricht jetzt zu einer handvoll Gleichgesinnter....

Gepostet von LVZ Leipziger Volkszeitung am Samstag, 25. Januar 2020

Rund 15 Teilnehmer trafen sich in der Brandstraße, um den Worten Poggenburgs zu lauschen – was angesichts des Gegenprotests schwer fiel. Denn die etwa 200 Menschen, die sich auf einer Gegenkundgebung versammelt hatten, beschallten Poggenburgs Versammlung wahlweise mit Reggae- oder Rock-Musik. Nach einer knappen Stunde war diese Veranstaltung bereits vorbei und Poggenburg wurde mit Andrea Bocellis „Time to say Goodbye“ aus Connewitz verabschiedet. Das Geschehen verlief laut Polizei ohne Zwischenfälle.

Von Andreas Tappert und Christian Neffe

Mit einem Großaufgebot sicherte die Polizei die Route einer Demonstration, auf der gegen das Verbot von linksunten protestiert wurde, ab. Was friedlich begann, entwickelte sich kurzzeitig zur Straßenschlacht.

25.01.2020

Etwa drei Millionen Euro weniger als geplant hat die Stadt Leipzig im vergangenen Jahr durch Blitzer, Knöllchen und Bußgelder eingenommen. Grund war vor allem, dass die neuen, mobilen Tarnblitzer erst Ende 2019 eintrafen. Doch es fehlte auch an Politessen.

25.01.2020

Leipzig gedenkt am 27. Januar, dem 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, der Opfer des Nationalsozialismus. Und diese Veranstaltungen sind geplant:

25.01.2020