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Lokales Fachkräftemangel: Friseurmeisterin musste schon drei Salons schließen
Leipzig Lokales Fachkräftemangel: Friseurmeisterin musste schon drei Salons schließen
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13:11 06.04.2019
Zu wenig Personal: Friseurmeisterin Saskia Jagemann schneidet in ihrem Laden in der Huttenstraße selbst. Quelle: André Kempner
Leipzig

Saskia Jagemann weiß, was sie will – und was nicht geht. Die Friseurmeisterin ist Geschäftsführerin des Leipziger Familienunternehmens „Friseur Uta Gramer“, doch von den 18 Friseurfilialen dieser kleinen Kette musste sie drei schließen. Der Grund ist überall der gleiche: Fachkräftemangel.

Die 34-Jährige bringt in Rage, dass sie keine Angestellten findet – obwohl es offenbar genug arbeitslose Friseure gibt. „Seit mehreren Jahren bekomme ich jeden Monat fünf bis zehn Vermittlungsvorschläge vom Arbeitsamt, aber es stellt sich nie einer der angekündigten Arbeitslosen vor“, ärgert sich die Friseurmeisterin und betont gleichzeitig: „Es stimmt nicht, wenn viele Leute glauben, dass Friseure schlecht bezahlt werden. Bei uns verdient ein durchschnittlicher Friseur im Monat in Vollzeit rund 2255 Euro brutto – plus 20 bis 30 Euro Trinkgeld pro Tag. Wer bei uns anfängt, hat eine SV-pflichtige Arbeit und eine übertarifliche Entlohnung.“

Dass sich trotzdem kein Arbeitsloser bei ihr vorstellt, kann die Handwerksmeisterin nicht verstehen. „Normalerweise müssten Friseure bei einer so guten Arbeitsmarktlage doch genug Anstellungen finden“, sagt sie. „Wenn das nicht so ist, sind die Anreize dafür offenbar zu gering – oder die sozialen Hilfen zu hoch.“ Früher sei es asozial gewesen, auf Kosten anderer zu leben, meint sie. „Aus meiner Sicht ist das auch heute noch so. Wer arbeiten könnte, aber es trotzdem nicht tut, sollte nicht endlos mit Steuermitteln alimentiert werden.“

Berufliche Ideen und Werte fehlen

Saskia Jagemann ärgert sich deshalb über die hohe Zahl der Hilfebezieher in Deutschland. „Wenn es deutschlandweit noch rund 6,6 Millionen Leistungsempfänger gibt, werden eindeutig nicht genug Anreize fürs Arbeiten gesetzt“, glaubt sie und fordert: „Das muss sich ändern.“ Es sei gar nicht notwendig, im Ausland nach Arbeitskräften zu suchen. „Unser Fachkräftemangel ist hausgemacht. Wir müssen nur unsere eigenen Leute in Arbeit bringen.“

Wegen der mageren Vermittlungsergebnisse, die die Arbeitsämter in ihrem Fall erzielt haben, fordert sie in dieser Behörde eine deutliche Personalreduzierung. Die dort Beschäftigten würden auf dem Arbeitsmarkt fehlen, argumentiert die Geschäftsfrau. „Was sollen so viele Angestellte, wenn sie trotz einer extrem guten Arbeitsmarktlage Millionen Menschen nicht in Lohn und Brot bringt?“, fragt sie. Gerechtfertigt sei höchstens noch die Hälfte der Beschäftigten. „Es reicht vollkommen aus, wenn eine Stelle für die Arbeitsvermittlung in den Rathäusern eingerichtet wird.“

Hart ins Gericht geht die Handwerksmeisterin mit der Handwerkskammer Leipzig sowie der Industrie- und Handelskammer zu Leipzig (IHK). „Wo ist die Handwerkammer in den Schulen, wenn es dort um die Berufsförderung geht?“, fragt die Mutter einer 14-jährigen Tochter. „Ich sehe keine Poster, keine Flyer, nichts.“ Angesichts des großen Arbeitskräftemangels sei es auch inakzeptabel, dass sich junge Menschen nach der Schule und der Lehrzeit arbeitslos melden. Der IHK zu Leipzig wirft sie vor, falsche Prioritäten zu setzen. „Dort dreht sich doch alles nur noch um IT- und Marketingunternehmen“, glaubt sie erkannt zu haben. „Fürs traditionelle Handwerk wie unseres interessiert sich kaum noch jemand.“ Es gebe auch kaum Initiativen gegen die ausufernde Bürokratie, die den Handwerksbetrieben immer zu schaffen macht, weil sie nicht so viel Kraft haben wie Großkonzerne. „Der Mittelstand schafft die meisten Jobs und zahlt die meisten Steuern – nicht die Großen“, schreibt sie den Funktionären der Kammern ins Stammbuch. „So wird der Mittelstand kaputt gemacht.“

Volker Lux, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Leipzig, listet eine Unmenge an Aktivitäten auf, mit denen die Handwerkskammer Schüler erreichen will. „Wir haben Kooperationsvereinbarungen mit 25 Schulen und laden regelmäßig Schüler der siebten Klassen in unser Bildungszentrum nach Borsdorf ein“. Auch fünf Sozialpädogen seien im Auftrag der Kammer in Schulen unterwegs, um Schüler mit Potenzial für Handwerksberufe aufzuspüren. „Viele Handwerksfirmen beteiligen sich auch an unseren Aktionen wie auf Messen, um Nachwuchs zu finden“, sagt er. „Wer dort mitmacht, bekommt auch Lehrlinge.“

In der Arbeitsagentur Leipzig hat man allerdings entdeckt, dass sich überdurchschnittlich viele Lehrlinge nach ihrem Ausbildungsabschluss „latent und permanent“ wieder aus diesen Berufen verabschieden. Oft seien dafür profane Dinge wie das lange Stehen oder der nicht vorhandene Spitzenverdienst entscheidend, heißt es. Auch Leipzigs Jobcenter hat seltsame Gründe für die Weigerung von Arbeitslosen ausgemacht, wieder in einem der vielen Jobs einzusteigen: Schuld seien unter anderem „motivationale Einschränkungen, fehlende Mobi­lität beziehungsweise Flexibilität oder bei jüngeren Menschen auch fehlende berufliche Werte und Ideen“, heißt es dort.

„Steuern und Abgaben senken“

Friseurmeisterin Jagemann gibt sich damit nicht zufrieden. Wenn es keinen Weg gebe, Arbeitsunwilligen die steuerfinanzierten Hilfen wirksam zu kürzen, müssten eben mehr Anreize für Arbeit geschaffen werden, fordert sie. „Wegen der hohen Steuern und Abgaben sowie der steigenden Preise für Miete, Lebensmittel, Nahverkehr oder Strom haben Arbeitnehmer immer wenige in der Tasche“, argumentiert sie und folgert: „Der Staat muss mit seinen Steuern und Abgaben runter.“

Sylvia Reimann, Obermeisterin der Leipziger Friseurinnung, spricht ebenfalls von einem gesellschaftlichen Problem. Viel zu viele junge Leute würden studieren und viel zu wenige im Handwerk arbeiten wollen, skizziert sie. Bildungsferne Haushalte würden ihre Kinder lieber zu DHL, BMW oder Porsche schicken, statt ins Handwerk – obwohl diese dort in sehr vielen Fällen besser aufgehoben wären. „Dieser Fachkräftemangel betrifft fast alle Handwerksberufe“, betont Reimann.

Das Mittelstandsforum für Deutschland (MfD), dem Unternehmer vieler Branchen angehörten, sieht in der Personalnot der Handwerksfirmen ebenfalls ein „gesamtgesellschaftliches Problem“. Man dürfe die Firmen jetzt „nicht dem freien Fall“ überlassen, heißt es dort. Notwendig sei unter anderem, die Zugangsvoraussetzungen fürs Studium zu verschärfen und mehr Jugendliche auf „wertschöpfende Berufe“ im Handwerk zu orientieren.

Studienabbrecher sollten die durch sie entstandenen Kosten übernehmen. Außerdem müsse möglich werden, dass kleine Handwerksbetriebe direkt in Schulen werben können. Schon in den dritten und vierten Klassen müsse begonnen werden, Kinder an das Handwerk heranzuführen. Arbeitslose, die latent arbeitsunwillig seien, sollten zu gesellschaftlicher Arbeit verpflichtet werden. Wer Leistungen von der Gesellschaft erhalte, müsse für diese auch Leistungen erbringen, fordert das MfD.

Von Andreas Tappert

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