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Lokales Friedensgebet in der Nikolaikirche: Vom Klang der Hoffnung
Leipzig Lokales Friedensgebet in der Nikolaikirche: Vom Klang der Hoffnung
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21:30 09.10.2019
Gut gefüllt war die Leipziger Nikolaikirche beim Friedensgebet am Mittwoch. Quelle: Foto: epd
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Leipzig

Diese Glocke geht durch Mark und Bein. Mit 6775 Kilo klingt sie in G. Mehr als 100 Jahre nach ihrer Zerstörung zur Produktion von Kanonen für den Ersten Weltkrieg hat die Nikolaikirche wieder eine große Festtagsglocke. Osanna wurde erst dieses Jahr neu gegossen und ist während des Friedensgebetes in der voll besetzten Nikolaikirche erstmals offiziell erklungen – zusammen mit den sieben weiteren Glocken des neuen Geläuts. „Es ist ein gutes Zeichen, dass wir mit diesem Gottesdienst auch eine Kriegswunde schließen können“, sagte Pfarrer Bernhard Stief, „nie wieder soll dieses Geläut zu Waffen verarbeitet werden.“

300 Sekunden Abklingdauer

300 Sekunden beträgt die sogenannte Abklingdauer der Osanna. Bei einem Probeanschlag konnte er schon sehr viel früher nichts mehr hören, erklärte Superintendent Martin Henker in seiner Predigt. Aber dann habe er den Glockenrand leicht berührt. „Ich spürte das Klingen.“ Der Klang der Hoffnung sei auch vor 30 Jahren spürbar gewesen auf den Straßen von Leipzig, erinnerte Henker.

Da waren die zuckenden Blaulichter, der Gleichschritt der Stiefel, das rhythmische Schlagen auf die Schutzschilde der Volkspolizei. Aber eben auch die Sprechchöre: „Wir sind das Volk.“ Und die Klänge der Kirchen. „Die Kraft der Hoffnung ließ damals viele wagen, was sie sich Monate zuvor höchstens zu denken trauten.“ Die Diktatur der SED sei durch Bürgermut und friedliche Aktionen zum Einsturz gebracht worden. Deshalb bleibe auch 30 Jahre später Grund zu großem Dank. „An wie vielen Tagen sind Kränze niederzulegen, ist Opfern zu gedenken? – Heute ist ein Tag der Freude.“

„Angst, Lügen und Hass werden nicht das letzte Wort haben.“

Der Klang der Hoffnung sei heute wieder spürbar, sagte Henker. „Angst, Lügen und Hass werden nicht das letzte Wort haben.“ Rassisten, Antisemiten und Wahrheitsverdreher würden sich ihrer großen Akzeptanz rühmen. „Aber die Wahrheit richtet sich nicht nach einer durchgezählten Mehrheit.“ In Plauen seien am 7. Oktober 1989 auch nur 25 Prozent der Bürger auf die Straßen gegangen.

Mehrmals während des Gottesdienstes war der Anschlag auf die Synagoge in Halle mit zwei Todesopfern ein Thema. „Gott, hilf’ uns, jüdische Mitmenschen zu schützen und durch unsere Haltung Menschenwürde einzufordern“, hieß es in den Fürbitten. Vor der Predigt bekamen Inessa Beznosova und Pfarrerin Simone Berger-Lober das Wort in der Nikolaikirche. Für die Jüdisch-christliche Arbeitsgemeinschaft Leipzig mahnten sie die Notwendigkeit der Begegnung von Menschen unterschiedlicher Religionen an. „Wer heute eine Kippa trägt, muss mit Anfeindungen und Übergriffen rechnen.“

Die schmerzlichen Seiten der Geschichte dürften nicht ausgeblendet werden; die Geschichte von Verfolgung und Ausgrenzung dürfe sich nicht wiederholen. Anja Barthel von der Mission Lifeline, die Flüchtlinge im Mittelmeer rettet, berichtete von häufigen Beschimpfungen. Sie habe anfangs oft das Gespräch gesucht, aber es sei nie ein Dialog zustande gekommen. „Manche Menschen haben in ihren Köpfen Mauern errichtet, die nicht zu überwinden sind.“ Für die Klima-Bewegung „Fridays for Future“ erklärte Ita Weinrich: „Unsere Zukunft sieht düster aus, aber unsere Hoffnung stirbt nicht.“

Appell an ergraute Häupter

Man habe bewusst Vertreter dieser drei Initiativen zum Friedensgebet eingeladen, weil diese die Gesellschaft unübersehbar mit den entscheidenden Zukunftsfragen konfrontieren, sagte Superintendent Henker. Natürlich müsse man darüber diskutieren, welche Konzepte für die Zukunft die richtigen seien. „Aber wir sehen heute klar, wo Frieden und Gerechtigkeit fehlen, wo die Schöpfung bedroht und die Gesellschaft gefordert ist.“

Henker appellierte mit Blick auf „Fridays for Future“ „an alle ergrauten Häupter“: Die Jugend sei es vor 30 Jahren gewesen, die die Diktatur ins Wanken brachte – nicht die Generation 50plus. Genauso könne der heutigen Gesellschaft nichts Besseres passieren, als eine Jugend, die auf die Lösung der drängendsten Probleme dieser Zeit dränge.

20 Töne beim Anschlag einer Glocke

„Gott sorgt dafür, dass wir den Klang der Hoffnung wieder und wieder spüren können – trotz aller Verschiedenheit unter uns, trotz der vielen offenen Fragen und trotz der Begrenztheit unserer eigenen Erkenntnis“, sagte Henker. „Beim Anschlag einer Glocke werden gleichzeitig bis zu 20 Töne hörbar – und dennoch ist es ein Klang.“ Es gelte, den Klang der Hoffnung in seiner Verschiedenheit zu spüren.

Die Osanna soll nicht nur zu den hohen Festen des Kirchenjahres erklingen, sondern von nun an auch jedes Jahr zum Friedensgebet am 9. Oktober.

Von Björn Meine

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