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Für ein Miteinander, gegen Vorbehalte: Neue Projekte im Zentrum für Extremismusprävention

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15:01 25.06.2020
Neue Projekte für Musliminnen und Muslime: Halil Ünal, Nehal Abdalla, Orhan Bayhan und Anja Ibes vom Zentrum für Extremismusprävention im idyllischen Hof des Vereinssitzes.
Neue Projekte für Musliminnen und Muslime: Halil Ünal, Nehal Abdalla, Orhan Bayhan und Anja Ibes vom Zentrum für Extremismusprävention im idyllischen Hof des Vereinssitzes. Quelle: Kempner
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Leipzig

Vor dem freundlich-hellen Backsteinhaus strecken sich viel Grün und bunte Blumen, die Sonne wirft sich in den Hof. Pure Idylle im Hinterhaus der Nummer 31, die man so ganz und gar nicht mit der Eisenbahnstraße in Verbindung bringt. Eine große Lücke zwischen Erwartung und Realität – symbolisch für das, was das hier ansässige Zentrum für Extremismusprävention (ZfEP) mit zwei neuen Projekten bewirken möchte: Stärkung von innen sowie den Abbau von Vorurteilen und Klischees von außen.

Das im März gestartete „Gemeinsam starkgemacht – für eine vielfältige und demokratische Jugend“ soll ehrenamtliches und zivilgesellschaftliches Engagement junger muslimischer Menschen nachhaltig fördern, und hinter dem Projekt „Umut“ steckt das Ziel, muslimischen Einrichtungen gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen – auch um Vorbehalte zu überwinden.

Gemeinsamkeit wird gestärkt

„Gemeinsam starkgemacht“ ist ein in Sachsen bislang einmaliges Vorhaben. „Es geht um Austausch untereinander, um gegenseitiges Stärken und positive Energie“, beschreibt es Projektleiterin Anja Ibes. Ob nun Kurden, Schiiten, Sunniten oder Aleviten – hier wird nicht unterschieden, sondern Gemeinsamkeit kultiviert, die eigene Identität und das aktive Mitwirken am gesellschaftlichen Leben gestärkt. Dabei spielt es keine Rolle, ob man in Deutschland geboren oder kürzlich hierhin gekommen ist.

Jungen Leuten Orientierung zu geben im Spannungsfeld zwischen Erwartungen des eigenen muslimisch geprägten Umfelds und der gesellschaftlichen Erwartungen in Deutschland, das ist eines der wichtigsten Projektziele. „Ein bedeutender Faktor, um das Abrutschen in extremes Denken und Handeln zu verhindern“, betont Halil Ünal, stellvertretender Vereinsvorsitzender und Koordinator.

Café für lockere Treffen

Manche dafür geplante Vorhaben blieben wegen Corona zunächst in der Schublade, aktuell jedoch wird das Café JuMuSa sehr konkret: Seit Juni ist ein Raum des Vereins an jedem zweiten und vierten Dienstag von 16 bis 18 Uhr Treffpunkt für Austausch und Ideen-Findung mit jungen Leuten. Bis dato spielte sich JuMuSa als Online-Variante ab, mit reger Beteiligung auch von Musliminnen und Muslimen aus anderen Städten. In naher Zukunft sollen Veranstaltungen oder Workshops realisiert werden.

Finanziert wird das Ganze von Land und Bund. Zudem unterstützt der Freistaat das Projekt „Umut“. Darin lassen Politikwissenschaftlerin Nehal Abdalla und Staatswissenschaftler Orhan Bayhan ihre Erfahrungen in der Deradikalisierung und Extremismusprävention sowie mit Moscheegemeinden einfließen. Auch hier gilt es, Klischees aufzubrechen: Der weit verbreitete Erstgedanke beim Stichwort gerade in Leipzig geht in Richtung Al-Rahman-Moschee, die der Verfassungsschutz als Schwerpunkt salafistischer Strukturen beobachtet.

Wichtige Seelsorge

„Dabei fällt in der öffentlichen Wahrnehmung unter den Tisch, dass die sechs anderen muslimischen Gemeinden in Leipzig und dem Landkreis wichtige seelsorgerische und ehrenamtliche Arbeit leisten und bedeutende Akteure in der Extremismusprävention sind“, stellt Ünal klar, der eine Zusammenarbeit mit besagter Moschee ablehnt.

Durch das neue Projekt sollen die Gemeinden stärker als Brücke zwischen islamischer Glaubensgemeinschaft, Kommune und Zivilgesellschaft (an)erkannt werden, so die Maßgabe. Damit das auch bei jüngeren Adressaten ankommt, werden verstärkt die sozialen Medien bespielt. „Umut“ hilft, die Öffentlichkeitsarbeit innerhalb der Gemeinden zu professionalisieren – durch Workshops und Fortbildungen, in denen auch gesellschaftlichen Themen verhandelt werden. Das kann Islamophobie ebenso sein wie die Rolle der Frau im muslimischen Kontext.

Ziel: Vorurteile abbauen

Kulturelle und religiöse Vorurteile abzubauen durch Öffnung und mehr Miteinander. „Das ist unglaublich wichtig, und deswegen gibt es uns“, sagt Halil Ünal. Übrigens – wer angesichts der Namen der sieben hauptamtlichen Mitarbeiter im Ende 2016 gegründeten Verein Migranten vermutet, befindet sich auf dem Holzweg: Sie sind fast ausnahmslos in Deutschland geboren. Wieder mal eine Lücke zwischen Erwartungshaltung und Realität.

www.zfep.info

Von Mark Daniel

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