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Lokales Fußball ist sein Leben: Schiri und Trainer Harry Schramm
Leipzig Lokales Fußball ist sein Leben: Schiri und Trainer Harry Schramm
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14:01 02.02.2019
Beim Training: Fußballtrainer Harry Schramm mit den F-Junioren in der Sporthalle der Wladimir-Filatow-Schule in Grünau.
Beim Training: Fußballtrainer Harry Schramm mit den F-Junioren in der Sporthalle der Wladimir-Filatow-Schule in Grünau. Quelle: Foto: Kempner
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Leipzig

Ehrenamtler bilden das Rückgrat der Gesellschaft. In ihrer Freizeit arbeiten sie als Telefonseelsorger, geben Schülern Nachhilfe, unterstützen Senioren oder engagieren sich in Flüchtlings-Unterkünften. Die LVZ-Serie porträtiert diejenigen, die das Leben anderer besser machen. Diesmal: Harry Schramm, Leiter der Fußball-Jugendabteilung des SV Lindenau 1848.

Stolz wie Bolle waren sie. Vorsitzender Ralf Wittke, die Jungkicker des SV Lindenau und natürlich auch Trainer Harry Schramm. Im Oktober 2015 standen der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und die zwei Edelfußballer Shkodran Mustafi und Kevin Volland in der Umkleidekabine des Vereins. Grund der Visite: Gratulation zum DFB-Integrationspreis und eine 500 Euro-Geldspritze. „Das war natürlich ein außergewöhnlicher Tag“, bemerkt Schramm. Er ist einer von vielen, die sich beim SV Lindenau für den Fußball mit Leidenschaft und Überzeugung ehrenamtlich engagieren – auf mehreren Ebenen.

Für den Mann, der in diesem September seinen 60. Geburtstag feiert, gibt es im Prinzip keinen Tag, an dem das Vereinsleben nicht irgendeine Rolle spielt – zumindest, so lange Saison ist. Schramm trainiert die F-Junioren auf dem Kleinfeld, leitet die Fußball-Jugendabteilung und pfeift als Schiedsrichter. Obendrein ist er seit über 15 Jahren Staffelleiter im Fußballverband der Stadt Leipzig und hier verantwortlich für die Pokalaustragungen im LVV-Cup.

“Man muss schon ein bisschen bekloppt sein“

Da liegt die Frage, warum er all das stemmt, wie der Ball auf dem Elfmeterpunkt. „Man muss schon ein bisschen bekloppt sein“, gesteht Schramm, und bei seinem dezenten Lächeln hebt sich der Schnauzbart. Er sei da halt reingewachsen, erzählt der geborene Lindenauer. Mit dem Fußball angefangen hat alles an dem Tag, an dem sein Vater ihn zum ersten Mal mit ins Stadion von Chemie geholt hat, 1969. Der zehnjährige Harry war entflammt – auch wenn er gerade als Ringer beim SC DHfK angefangen hatte. Bis 1975 trat er im Freistil an. Es gab einen Weiteren, der ähnlich talentiert war: Lutz Remus. Für diesen entschieden sich die Sportfunktionäre, als es um gezielte Förderung ging. Ringer Remus wurde Europameister, Schramm Fußballer.

Er begann bei der Betriebssportgemeinschaft des VEB Metallgußwerk Leipzig, bis die Abteilung 1992 auf den Charlottenhof im Leipziger Westen zog und in den SV Lindenau 1848 überging. Bis heute ist Schramm am Ball aktiv, jeden Mittwochabend im Alte-Herren-Team, Stammposition Mittelfeld. „Für hinten zu langsam, für vorn zu langsam“, beschreibt er selbstironisch. Wie dieser sympathische Mensch auf dem Platz agiert, lässt sich ohne Trainingsbesuch erahnen. Harry Schramm, Betriebshandwerker bei einer Gebäudereinigungsfirma, ist ein Typ, der auch verbal nicht umständlich den Ball vertändelt, sondern den direkten Pass bevorzugt.

Unparteiisch ist er schon seit 43 Jahren, 1976 bekam er seine Schiri-Lizenz. Die Aufwandsentschädigung als Referee beträgt schlappe 25 Euro pro Spiel. Aber ums Geld geht’s eh nicht, sondern um Teilhabe an der Faszination Fußball. Zu den außergewöhnlichen Spielen, die er gepfiffen hat, gehört das Bezirkspokalfinale zwischen dem SV Tresenwald und dem FC Bad Lausick anno 2000 in Machern. Knapp 1000 Zuschauer, 40 Grad Hitze, irres Spiel – 4:5 nach Verlängerung.

Verein vermittelt wichtige Werte

Trainer ist Schramm ebenfalls schon seit über 40 Jahren; seit 1978 hat er den Schein. Kinder an den Sport heranzuführen, das macht ihm Spaß. Denn hier werden hohe Werte vermittelt: Zusammenhalt, Disziplin, Fairness. Beim SV Lindenau nicht zuletzt Toleranz und Offenheit. Der DFB-Preis kommt nicht von ungefähr und ist nicht der einzige im Bereich Integration. Die wird im Trainerstab ebenfalls vorgelebt: Die F-2-Jugend betreut außer Schramm auch Rami Ben Hamadi. Der Libyer, vor eineinhalb Jahren nach Leipzig gekommen, ist eine feste Größe im Verein. Auch viele ausländische Studenten treten auf dem Areal an der Erich-Köhn-Straße 24 vor die Kugel – Brasilianer, Japaner, Franzosen, Albaner. Beim gemeinsamen Kämpfen, Jubeln oder Ärgern sind Sprache, Herkunft oder Glaube schnuppe.

Zu den Prinzipien beim in der Fairplay-Liga spielenden Nachwuchs des SV Lindenau gehört, dass die Kinder die Entscheidungen im Spiel eigenverantwortlich treffen, ohne Schiedsrichter. Zudem hat niemand eine Stammposition. „Buden machen und jubeln, das mögen alle“, sagt Schramm, „aber wie schwer man es als Torwart haben kann, sollte jeder genauso wissen.“

Im Schnitt kommt er auf mindestens zwei Stunden täglichen Zeitaufwand für den Sportverein. Eine Abteilungsleiter-Versammlung kann auch schon mal bis 22 Uhr gehen; und wenn der Platzwart urlaubt, wird eben der Rasen gemäht. Der Vater eines 35-jährigen Sohnes – „könnte auch schon bei den Alten Herren kicken“ – ist dankbar für das Verständnis seiner Frau. „Rückhalt aus der Familie ist ganz wichtig, sonst kann man so etwas nicht machen.“

Ehrenamtliche werden überall gesucht

Im Sportbereich engagieren sich knapp 99 000 Leipziger für 401 Vereine in 15 Verbänden, so der Stadtsportbund. Präsident Uwe Gasch betont: „Ohne die Ehrenamtlichen würde es nicht funktionieren.“ Gesucht werden immer welche – auch beim SV Lindenau, vor allem Trainer und Mannschaftsbetreuer, denn der Verein wächst kontinuierlich.

Die Mitgliederzahl der Abteilung Fußball ist von 221 vor zehn Jahren auf aktuell 402 angestiegen. Auch deshalb treibt der Club ein großes Vorhaben voran, das den Trainingsbetrieb verbessern soll: einen Kunstrasenplatz mit Flutlicht. Der Baugenehmigung folgten kurz vor Weihnachten die Förderbescheide von Stadt und Freistaat. In diesem Jahr soll das 800 000 Euro-Projekt realisiert werden.

Noch fehlen 15 000 Euro zum beizusteuernden Eigenanteil von 157 000 Euro. Am Charlottenhof hofft man auf weitere Spender. „Werden wir schon schaffen“, sagt Schramm. Denn man hält zusammen beim SV Lindenau, der für so viele andere Vereine steht, den Ehrenamtliche am Leben erhalten. Wie gut, dass es Menschen gibt, die ein bisschen bekloppt sind.

Wer das Kunstrasenprojekt unterstützen will, kann sich auf www.kunstrasen.lindenau1848.de informieren. Potenzielle Trainer und Mannschaftsbetreuer wenden sich an harry.schramm@lindenau1848.de, Telefon 0163 2780562.

Von Mark Daniel