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Lokales Gefängnis statt Promotion
Leipzig Lokales Gefängnis statt Promotion
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00:31 26.05.2018
Studentenpfarrer a.D. Nikolaus Krause in der neuen Paulinierkirche. Im Hintergrund: der Paulineraltar. Quelle: Armin Kühne
Leipzig

Am 30. Mai 1968 wurde die Universitätskirche St. Pauli auf Beschluss der SED-Machthaber gesprengt, um auf dem damaligen Karl-Marx-Platz neue Gebäude für die Karl-Marx-Universität errichten zu können. Daran will die LVZ-Serie „Der Fall Unikirche – 50 Jahre danach“ erinnern. Im heutigen vierten Teil geht es um Nikolaus Krause, 1968 Theologie-Student und Assistent an der Alma Mater. Er protestierte gegen die Vernichtung des Gotteshauses, wurde festgenommen und zu einer Haftstrafe von 22 Monaten verurteilt.

„Mensch Niko …“ Diese Worte hat Nikolaus Krause, heute 73 Jahre alt, in seinem Leben wohl oft gehört. Und sie treffen ja auch, doppeldeutig gesehen, zu auf das, was Krause alles widerfuhr, beziehungsweise was er selbst bewegen konnte. Krause stammt aus einem Pfarrershaus im Vogtland. Vater und Mutter waren Theologen, beide hatten in Leipzig studiert, wobei Mutter Dorothea Ende der 1920er-Jahre die erste Frau war, die an der hiesigen Universität dieses Fach belegte. Auch Vater Krause hat seine Meriten. Er trat für in Konflikt mit dem Nazi-Regime gekommene Pfarrer ein und wurde 1933 selbst für einige Monate im KZ Sachsenburg in Frankenberg interniert.

„Wir kannten uns aus mit Marx, Kant und Hegel“

Diese familiäre Widerstands-Vita war es, die es Nikolaus gegen die damals übliche Norm ermöglichte, als Pfarrerskind die Erweiterte Oberschule zu besuchen und das Abitur abzulegen. Von 1963 bis 1968 studierte er Theologie an der Karl-Marx-Universität. Krause lacht, er ist ja überhaupt ein lebensfroher Zeitgenosse: „Der liebe Gott und Karl Marx, das volle Programm. Bei uns waren die besten ML-Lehrmeister im Einsatz, man wusste, bei denen geht es zur Sache. Wir kannten uns aus mit Marx, Kant und Hegel. Als ich meine erste Pfarrstelle in Sebnitz antrat, bin ich zum Schulleiter gegangen und habe ihm angeboten, ich könnte Staatsbürgerkunde unterrichten, was natürlich nicht ernst genommen wurde.“

Bevor Krause in die sächsische Provinz kam, erlebte er freilich dramatische Zeiten. Als Seminargruppensekretär hatte er unter den Theologiestudenten eine Unterschriftensammlung gegen die beabsichtige Sprengung der Unikirche initiiert. Den Brief mit der Diktion „Man habe gehört …“ und „Das dürfe doch nicht sein …“ brachte er ins Neue Rathaus, adressiert an Stadtarchitekt Siegel. „Antwort auf unsere Eingabe gab es nicht“, erinnert sich Krause wie auch an die Proteste vor der abgesperrten Kirche: „Wir trafen uns Ende Mai jeden Abend, sprachen mit den Menschen, wurden von der Stasi weggeschickt, kamen aber an der anderen Ecke wieder. Die Stimmung war geprägt von Angst und Traurigkeit.“ Verhindern konnten auch Krause und Co. die Liquidierung der Kirche nicht. Dass die Studenten der Theologie im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit der Bürger der Stadt nicht still kapitulierten, stand sogar in der Leipziger Volkszeitung, es hieß, die Theologische Fakultät der Karl-Marx-Universität sei „ein Hort der Konterrevolution“. Die aufmüpfigen Studenten wurden von Dekan Ernst-Heinz Amberg ermahnt: „Sie setzen die Zukunft der Fakultät aufs Spiel.“

Deutschlandfunk gehört und mitgenommen

Die Kirche war entsorgt, Krause wurde Assistent, um seine Doktorarbeit zu schreiben. Der 19. September 1968 veränderte sein Leben: „In meiner Bleibe in der Mottelerstraße in Gohlis erschienen zwei Herren, schalteten in meinem Zimmer als erstes das Radio ein, Deutschlandfunk!, was sonst, und nahmen mich mit. Was folgte war die mehrmonatige U-Haft in der Beethovenstraße. Man meinte, ich sei ein Mitorganisator der Protestaktion in der Kongresshalle und legte mir das Plakat mit der Forderung nach Wiederaufbau der gesprengten Kirche vor: Das haben Sie doch gemalt …“ Krause war es nicht und war auch nicht an der Aktion beteiligt.

Wegen Staatsverleumdung und Organisation einer Unterschriftensammlung wurde er dennoch verurteilt, saß erst in Leipzig und zuletzt in Cottbus ein, wo er als gelernter Betonbauer das Glück hatte, im Außeneinsatz beim Bau von Pionierlagern arbeiten zu dürfen. Vom Vater bekam er in dieser Zeit schriftlich Beistand: „Niko, ich weiß, wie es Dir geht. Ich war ja auch mal im KZ …“ Als ihm sein Anwalt eines Tages überraschend vorschlug, es gebe die Möglichkeit der Abschiebung in den Westen, entgegnete Krause: „Weggehen? Ich bleibe. Das Reich Gottes macht um den Sozialismus keinen Bogen.“

Ökumenisches Seelsorgezentrum aufgebaut

Nach der Haft arbeitete Krause als Pfarrer und ist seit vielen Jahren und auch noch als Pensionär als Klinikseelsorger im Bereich der Palliativmedizin des Universitätsklinikums Dresden tätig. Er organisierte mit Unterstützung von Sachsens damaligen Finanzminister Georg Milbradt den Bau eines Ökumenisches Seelsorgezentrums. Der Freistaat stellte den Baugrund zur Verfügung, Krause und Sympathisanten sorgten für die privaten Investoren. „Nachdem ich die Sprengung der Unikirche nicht verhindern konnte, baute ich eben eine neue“, sagt Mensch Krause. Und kann sich freuen über den Neubau der Unikirche: „Das Äußere finde ich in seiner Stimmigkeit von Moderne und Erinnerung genial gelöst, und innen, in der alten Unikirche war es sehr dunkel, ist der Bau hell und leicht – als würde er auf einer Wolke fliegen.“

Von Thomas Mayer

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