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Lokales Gesprengte Paulinerkirche: Kanzel kommt nicht ins Paulinum – Streit nach Senats-Votum
Leipzig Lokales Gesprengte Paulinerkirche: Kanzel kommt nicht ins Paulinum – Streit nach Senats-Votum
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08:42 12.09.2019
Die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli auf dem Leipziger Karl-Marx-Platz am 30. Mai 1968 – veranlasst durch das DDR-Regime. Mit dem Bau der neuen Unikirche am heutigen Augustusplatz sollte die schwere Wunde ein Stück weit geheilt werden. In diesem Sinne war vorgesehen, auch die aus der Kirche gerettete Kanzel Platz im Neubau zu installieren. Der Senat hat das jetzt aber abgelehnt. Quelle: epd
Leipzig

Am Mittwoch wurde sie schon wieder abgebaut: die Nachbildung der historischen Kanzel in der Universitätskirche St. Pauli. Für die Uni ist die Debatte um eine Installation der Original-Kanzel beendet. Für die Befürworter des Einbaus nicht. Die Wellen schlagen hoch; auch der Freistaat ist verwundert.

Es war eine Anordnung des DDR-Regimes: Die Sprengung der Paulinerkirche am 30. Mai 1968.

Wie berichtet, hatte der Senat am Dienstag einstimmig (bei einer Enthaltung) entschieden: Das 1738 von Valentin Schwarzenberger geschaffene Kunstwerk wird nicht im Nachfolgebau der 1968 durch das DDR-Regime gesprengten Paulinerkirche installiert. Ein Klima-Monitoring während der letzten drei Semester habe ergeben, dass das Raumklima deutlich zu trocken sei und großen Schwankungen unterliege. Und: Bei Veranstaltungen würde es mit der Kanzel von vielen Plätzen aus nur noch eine eingeschränkte Sicht geben. Zur Entscheidungsfindung war nochmals die Kanzel-Attrappe in dem Aula-Kirche-Bau errichtet worden, die dort bereits 2015 zeitweise hing, um die Raumwirkung zu testen.

Die historische Kanzel aus der alten Paulinerkirche. Quelle: Archiv

„Uni-Leitung hat Ferien für schnelles Votum genutzt“

Der Initiativkreis „Wort halten“ übt scharfe Kritik: Jost Brüggenwirth (zugleich Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli“) und die frühere CDU-Landtagsabgeordnete Christine Clauß (CDU) hatten den Senatoren kurz ihrem Votum ein Schreiben übergeben sowie eine Dokumentation zu den Vorgängen der vergangenen Wochen, Monate und Jahre. Alle Brücken bauenden Vorschläge des Initiativkreises seien aber ignoriert worden, schimpft Brüggenwirth. Die Unileitung habe die Sitzung in den Semesterferien mit nur elf stimmberechtigten Senatoren genutzt, „um sehr kurzfristig die Beschlussvorlage durchzubringen“. Der Sprecher der Initiative moniert auch, dass es keine mit dem Freistaat (Bauherr) koordinierte Auswertung des Klimamonitorings und auch keine koordinierte Entscheidung gegeben habe, obwohl Finanzminister Matthias Haß (CDU) dazu bereit gewesen sei.

Die Initiative „Wort halten“ verweist auf den sogenannten Harms-Kompromiss, mit dem 2008 mehrere Konflikte befriedet werden sollten. Da ging es nicht nur um die Bezeichnung des Neubaus auf dem Augustusplatz (Aula oder Kirche?), sondern auch um die Berücksichtigung historischer Elemente aus der alten Paulinerkirche. Im Kompromiss-Papier heißt es: „Es besteht ... Einigkeit darüber, die vor der Sprengung 1968 geretteten Teile ... nach ihrer Restaurierung an den historischen Ort zurückzubringen.“ Zu diesen Teilen zählt auch die Kanzel.

Die maßstabsgetreue Nachbildung der Kanzel. Quelle: Swen Reichhold / Universität Leipzig

Universitätsprediger spricht von Kaltschnäuzigkeit

Die aktuelle Uni-Leitung fühle sich offenbar nicht mehr an diesen Kompromiss gebunden, beklagt Peter Zimmerling. „Das widerspricht bisherigen Gepflogenheiten.“ Der Universitätsprediger war nach eigenen Angaben erst einen Tag vor der Sitzung als Gast eingeladen worden. Doch vor allem ärgert er sich darüber, dass auch der Senat erst eine Woche zuvor den Beschlussvorschlag erhalten habe. „Es gab keinen Meinungsbildungsprozess“, sagt Zimmerling und spricht von einer Hau-Ruck-Entscheidung. „Es ist eine gewisse Kaltschnäuzigkeit, mit der hier über – nicht nur kirchliche – Leipziger hinweggegangen wird.“

Die Tagesordnung der hochschulöffentlichen Senatssitzung – und die Tatsache, dass die Entscheidung über die Kanzel darauf ganz oben stand – sei allerdings keineswegs verheimlicht, sondern wie üblich über das Unimagazin kommuniziert worden, so Uni-Sprecher Carsten Heckmann. „Es war ja auch hinlänglich bekannt, in welchem Zeitrahmen das Klima-Monitoring erfolgen würde und dass jetzt die Ergebnisse vorliegen.“

„Zu trockene Luft für Holz-Kunstwerke“

Rektorin Beate Schücking sieht die Uni als Eigentümerin der Kanzel in erster Linie in der Pflicht, den barocken Kunstschatz zu bewahren. Dazu gehöre auch, ihn öffentlich zugänglich zu machen – für die Wissenschaft, für die breite Bevölkerung und künftige Generationen. Irreversible Schäden zu riskieren, sei schon wegen des Denkmalschutzes keine Option. „Das könnte ich nicht verantworten.“

Das Klima-Monitoring ergab in zehn von zwölf Monaten eine relative Luftfeuchte von nur rund 30 Prozent – laut Uni zu trocken für Holz-Kunstwerke, die nach Expertenmeinung Werte zwischen 50 und 60 Prozent benötigen. „Der Holzkörper wird schrumpfen, Risse bilden sich, die Farbschicht blättert“, erläutertUni-Kustos Rudolf Hiller von Gaertringen. „Das ist schlichte Physik.“ Auch starke tägliche Schwankungen – vor allem bei Veranstaltungen mit vielen Besuchern – würden für das Kunstwerk extremen Stress bedeuten. „Das einzigartige Original darf einer solchen Schädigung nicht sehenden Auges ausgesetzt werden“, sagt er. Überdies halte er es für „ästhetisch fragwürdig“, die Kanzel „an einem leuchtenden Glaspfeiler“ anzubringen. Universitätsprediger Zimmerling moniert, lediglich der Kustos habe seine Expertise einbringen könne, es gebe aber auch andere Einschätzungen dazu, welches Raumklima nötig sei.

Quelle: Grafik: Patrick Moye, Quelle: Uni Leipzig

Im Altarbereich der Aula, in dem auch einige der früheren Epitaphien der Paulinerkirche hängen und den eine Glaswand abtrennt, wird zwar das passende Klima künstlich erzeugt. Doch dort ist nicht genug Platz für die Kanzel. Eine Klimatisierung des Gesamtraums habe die Staatsregierung seinerzeit abgelehnt, so Hiller, und der Uni die Kosten der Klimaanlage im Altarraum überlassen.

Schwierige Suche

Erst jetzt, da das Gremium eine Entscheidung gefällt hat, beginnt die Suche nach einem künftigen Aufbewahrungsort. „Das wird nicht einfach“, glaubt Schücking. Die Kanzel brauche viel Platz. Auf die Suche gehen will die Uni-Leitung im Einvernehmen mit dem Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB), das dem Finanzministerium unterstellt ist. Minister Matthias Haß (CDU) habe vor der jetzigen Entscheidung frühzeitig signalisiert, an der Sitzung teilnehmen zu wollen, bestätigt Schücking, dann aber auf mehrere konkrete Einladungen nicht reagiert und schließlich abgesagt. Universitätsprediger Peter Zimmerling habe sie vor längerer Zeit über die geplante Senatsbefassung informiert, zudem kurzfristig persönlich eingeladen. Er habe nicht kommen können, die Theologische Fakultät sei aber durch ihren Dekan vertreten gewesen. „Es war kein Kalkül, dass weder Haß noch Zimmerling da waren“, sagt die Rektorin.

Finanzministerium ist überrascht und verwundert

Das Finanzministerium teilt dazu mit, dass Minister Haß mehrfach angeboten habe, für ein Gespräch zur Verfügung zu stehen. Die Terminfindung mit der Universität sei noch nicht abgeschlossen gewesen. „Umso überraschter sind wir jetzt, wenn wir lesen, dass ohne diesen Termin abzuwarten, vom Senat entschieden wurde“, sagt Sprecherin Sandra Jäschke, vor allem, weil man „die beiderseitigen Erfahrungen aus dem Bereich der Klimadatenanalyse austauschen wollte“. Der Freistaat könne als ehemaliger Bauherr nur beratend zur Verfügung stehen. „Dieses Angebot hat der Senat offenkundig abgelehnt, sodass wir jetzt das Ergebnis lediglich mit einer gewissen Verwunderung zur Kenntnis nehmen.“

Nicht alle Kunstschätze passen in den Raum

Dem Geiste des Harms-Kompromisses fühle man sich sehr wohl verpflichtet, so Schücking, die 2008 noch nicht im Amt war. Doch habe das Finanzministerium als Bauherr versäumt, die räumlichen Bedingungen zu schaffen, um alle geretteten Kunstschätze im Paulinum unterzubringen. „Ich kann nur unterbringen, was Platz hat.“ So haben auch etliche der Epitaphien nicht mehr in den Raum gepasst. „Die Kanzel wurde unter erheblichem Einsatz Leipziger Bürger gerettet. Sie braucht einen würdigen, gut zugänglichen Ort, an dem sie nach ihrer vollständigen Restaurierung dauerhaft erhalten bleiben kann“, fordert Schücking. Der mehr als 250 Jahre alte Kunstschatz solle auch die nächsten 250 Jahre überstehen.

Für die Kanzel-Lobby steht weiterhin fest, dass die Kanzel nur in der neuen Kirche Platz finden kann. Jost Brüggenwirth vom Initiativkreis „Wort halten“ fordert, dass der Senat das Thema in seiner Sitzung am 15. Oktober wieder auf die Tagesordnung setzt. Angeregt wird eine „Probeaufstellung der Kanzel“ und ein weiterführendes Monitoring. Uni-Rektorin Schücking gehe offenbar davon aus, dass sie das Thema mit dem aktuellen Beschluss schnell abräumen könne, sagt Peter Zimmerling. „Aber unsinnige Beschlüsse kann man revidieren“, so der Universitätsprediger. „Solange es diese Kanzel gibt, ist das Thema nicht erledigt.“ Zimmerling führt noch eine prominente Befürworterin ins Feld. Bei ihrem Besuch im September 2018 sei die erste Frage von Königin Silvia an ihn gewesen: Wo ist die Kanzel?

Die neue Universitätskirche (Paulinum). Quelle: André Kempner

Von Björn Meine und Mathias Wöbking

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