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Lokales „Die Händler legen sich immer mehr ins Zeug“
Leipzig Lokales „Die Händler legen sich immer mehr ins Zeug“
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09:36 23.11.2018
Walter Ebert und Alexander Gruß mit den neuen Weihnachtsmarkttassen 2018 auf dem Weihnachtsmarkt in Leipzig. Quelle: Kempner
Leipzig

Am kommenden Dienstag beginnt wieder der Leipziger Weihnachtsmarkt – und schon zum fünften Mal wird dabei auch der große LVZ-Glühweintest stattfinden. Marktamtschef Walter Ebert (58) und Alexander Gruß (39), der Organisator vor Ort, sprechen im Interview über unterschiedliche Geschmäcker, gestiegene Qualität und den Unterschied zwischen Glühwein und Punsch.

Herr Ebert, das
Leipziger Marktamt und die LVZ organisieren zum fünften Mal gemeinsam den Glühweintest
. Wie ist es überhaupt dazu gekommen?

Walter EbertUm es auf einen einfachen Nenner zu bringen: Wir wollten die Qualität in den Tassen steigern. Denn das Bild, das sich uns in den Jahren 2012 und 2013 zeigte, war: An so manchem Stand wurde ohne schlechtes Gewissen die berühmt-berüchtigte Massenware aus den handelsüblichen Ein-Liter-Tetrapacks zum Billigpreis ausgeschenkt. Gleichzeitig hatten wir damals schon viele Stände, die Winzerware anboten. Diese Händler hatten wegen der grassierenden Geiz-ist-geil-Mentalität aber immer wieder mit Problemen zu kämpfen, ihre sowohl im Einkauf als auch am Stand teureren Glühweine an die Frau und den Mann zu bringen.

So sehen die diesjährigen Tassen auf dem Weihnachtsmarkt in Leipzig aus. Foto: Andre Kempner Quelle: Kempner

Es geht also um die edlen Geschmacksknospen?

Alexander Gruß: Ja und nein. Dass Geschmäcker verschieden sind, darüber müssen wir nicht diskutieren – wir wollten aber von der Massenware weg, die Qualität insgesamt anheben. Und dafür haben wir einen Partner gesucht, den wir mit der LVZ zum Glück gefunden haben. Ich bin jedes Jahr begeistert, was für ein großer Zuspruch durch die Leser kommt und wie viele positive Rückmeldungen wir haben. Beim Gang über den Markt sehen wir immer wieder Menschen mit der LVZ-Glühweintabelle oder dem Ranking. Jeder kann das für sich passende Getränk finden, ob nun süß oder kräftig. Mittlerweile kann man sagen, dass der gemeinsame Test zu einer Institution geworden ist – und die Urkunden, nebenbei gesagt, bei den Händlern begehrte Trophäen sind.

Beschwerden über „das süße, klebrige Zeug

Nun ist die Idee ja so neu nicht. Es gab schon diverse Verkostungen vorher.

Alexander Gruß: Das stimmt, es gab in den Jahren immer mal wieder unabhängig organisierte Tests von diversen Medienhäusern – aber es wurde immer nur eine Hand voll Stände bewertet, die häufig nur die private Präferenz des Autors widerspiegelte. Uns ging und geht es aber um einen umfassenden Vergleich.

Walter Ebert: Glühwein hatte bei vielen Besuchern keinen guten Ruf – immer wieder las und hörte man Beschwerden über das süße klebrige Zeug, das nicht selten auch noch zu überhöhten Preisen verkauft wurde. Außerdem suchten manche Besucher nur den billigsten Wein, immer nach dem Motto: Hauptsache, es wirkt. Dagegen waren zum Beispiel weiße Glühweine nahezu unbekannt oder wurden verkannt. Dabei sind sächsische Weine meist weiß – und somit natürlich auch die Glühweine, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts daraus gemacht wurden. Immerhin ist der Glühwein ja auch in Sachsen erfunden worden: Schloss Wackerbarth hat diese Tradition nicht nur begründet, sondern führt sie heute noch fort, auch auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt.


Das Angebot hat sich also inzwischen geändert?

Walter Ebert: Wir sehen, dass das allgemeine Niveau gestiegen ist. Viele Stände haben auch optisch und technisch nachgerüstet. So sind inzwischen Durchlauferhitzer und Tassenvorwärmer in den meisten Ständen zu finden, außerdem wurden viele Hütten in den vergangenen Jahren auch schöner und aufwendig neu gestaltet, wie zum Beispiel das Sachsen-Sail-Schiff in der Grimmaischen Straße oder der Schwibbbogen in der Reichsstraße. Und: Die allermeisten Händler haben sich deutlich höherwertige und auch höherpreisige Lieferanten gesucht oder bieten parallel Winzerqualität an. Das bedeutet: Die Händler legen sich immer mehr ins Zeug – weil sie wissen, dass sie ansonsten kaum noch eine Chance bei den Besuchern haben. Wir konnten die Billigware also weitgehend verbannen.

Glühwein auch mit Sanddorn oder Aronia

Also sind wir auf dem Weg zum Einheitsgeschmack?

Walter Ebert: Überhaupt nicht – im Gegenteil! Jeder soll den Glühwein trinken, der ihr oder ihm am besten schmeckt. Das ist doch klar. Dank des Tests bekommt man aber einen allgemeinen Überblick, was alles angeboten wird. Ich kann jetzt auf der Stelle sieben bis acht Stände nennen, an denen ich Freunde auf einen qualitativ sehr guten Glühwein einladen würde. Außerdem lernt man die Vielfalt kennen und schätzen. So bietet zum Beispiel Sachsen-Obst einen sehr schönen alkoholfreien Punsch an, der nicht nur etwas für Kinder oder Autofahrer ist, und daneben auch interessante Richtungen wie Sanddorn, Bratapfel oder Aroniabeere. Die Sorten werden inzwischen auch von einigen anderen Händlern angeboten, was ebenfalls ein Qualitätsmerkmal ist.

Apropos: Wein und Punsch – was ist der Unterschied? Beim LVZ-Glühweintest kommen ja beide heißen Varianten in die Wertung.

Alexander Gruß: Kurz gesagt: Ein Glühwein wird aus rotem oder weißem Wein mit verschiedenen Gewürzen hergestellt – beim Punsch sind die Grundlagen Obst und/oder Beeren. Wir unterscheiden beim LVZ-Glühweintest nicht zwischen beiden, weil es die meisten Besucher auch nicht machen. Uns ist wichtig, dass die Qualität stimmt. Es ist auch einfach wunderbar, jedes Jahr Neues zu entdecken. So haben mittlerweile auch Exoten eine gute Chance bei den Gästen.

Welche sind das denn beispielsweise?

Walter Ebert: Da kann ich unter anderem den Ski-Hütten-Glühwein von Waldemar Böhmer aus dem vergangenen Jahr nennen, der letztlich auf dem zweiten Platz eingekommen ist. Dieser Wein war im Barrique-Fass gereift, wurde im Stielglas ausgeschenkt und kostete immerhin vier Euro für 0,1 Liter. Solche Weine hätten noch vor fünf bis sechs Jahren auf verlorenem Posten gestanden. Genauso sind Michael Oese, der seine roten und weißen Glühweine selbst ansetzt, in der Petersstraße und Wilhelm Wenin auf dem Markt feste Größen. Oder schauen Sie sich nur die Vielfalt und die Spezialitäten bei der Brennerei Kapaurer am Augustusplatz an. Und, ein kleiner Tipp: Nicht selten haben kleinere Stände einen richtig guten Tropfen, wie Walter Hecht, der Sieger von 2017, auch auf dem Augustusplatz. Ich kann hier auch mal mit einer Legende aufräumen: Als Marktamt geben wir keine Preise vor – die Entscheidung trifft das jeweilige Unternehmen.

Wirkt sich der Trend zum guten Heißgetränk eigentlich auch auf die Besucherzahlen aus?

Walter Ebert: Das ist ganz offensichtlich, wie wir an den Zahlen ablesen können. Das heißt: Mit dem Qualitätsgedanken können wir durchaus punkten. Wir Leipziger sind mittlerweile sogar Vorbild für andere Märkte. Ich erinnere mich gut, wie wir vor zwei Jahren auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover gewesen sind: Der dortige Verantwortliche konnte auf die Frage nach einem guten Glühwein spontan keine Antwort geben. Was uns schließlich als der Beste am Platz vorgestellt wurde, war ganz okay – doch dieser Glühwein wäre in Leipzig nur absolutes Mittelfeld gewesen. 2017 waren im Gegenzug die Hannoveraner bei uns und wollten es darauf ankommen lassen, ob unsere Ansprüche mit der Realität übereinstimmten – sie haben die damaligen Plätze eins bis drei probiert und waren begeistert.

Interview: Andreas Debski

Von Andreas Debski

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