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Lokales Gregor Gysi besucht Gymnasium in Leipzig
Leipzig Lokales Gregor Gysi besucht Gymnasium in Leipzig
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20:47 13.11.2018
Gregor Gysi und Jens-Uwe Jopp auf dem Podium im Schillergymnasium.
Gregor Gysi und Jens-Uwe Jopp auf dem Podium im Schillergymnasium. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Die Aula des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Gohlis ist brechend voll, jeder der 230 Stühle ist besetzt. 30 junge Leute sitzen auf den Fluren und verfolgen das Geschehen via Live-Stream. Der Linken-Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi (70) ist zu Gast – und alle wollen ihn sehen. Von Politikverdrossenheit junger Menschen ist hier nichts zu spüren.

Grundfragen des Zusammenlebens diskutieren, junge Schüler zu aktiven Persönlichkeiten mit festen demokratischen Überzeugungen befähigen – das ist das Ziel eines Lehrers, der sich für humanistische Werte engagiert. Dieser Lehrer heißt Jens-Uwe Jopp, er unterrichtet Geschichte und Deutsch am Friedrich-Schiller-Gymnasium.

Podiumsdiskussion am Schiller-Gymnasium

Nachdem Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer im April zu Besuch im Gymnasium in Gohlis ist, schreibt der Pädagoge einen langen Brief an Gysi. Er lädt den Präsidenten der Europäischen Linken zur Diskussion ein. Fragestellung des Podiums: „Zwischen Kapitalismus und Demokratie gehört kein ODER – oder?“

Gysi sagt zu – und sitzt nun vor 230 gespannten Gesichtern unter dem Dach der Schule. Die Diskussion ist eine Veranstaltung der Schiller-Akademie des Gymnasiums, in der es um politische Bildung geht. Eintrittskarten, Live-Stream, Ansteckmikrofon: Um die Organisation kümmern sich allein die Schüler.

Der Linken-Politiker stellt sich allen Fragen. Es geht um die Vergangenheit, um die Geschichte der neuen und alten Bundesländer. Die Aufmerksamkeit ist den Zuhörern anzusehen, die Blicke richten sich auf das Podium, die Smartphones bleiben in den Taschen. Das Gespräch betrifft und interessiert die Jugendlichen, das ist spürbar.

Fragen zu Kapitalismus, Bildungspolitik und Europa

Gysi erzählt von seiner eigenen schulische Laufbahn. Darüber, dass er schlechte Laune bekam, wenn sich das Ende der Ferien näherte. Er spricht über politische Bildung. Er erklärt, was Kapitalismus möglich macht und was nicht. Dass dieser Kapitalismus demokratisch sein kann, aber nicht zwangsläufig demokratisch sein muss. „Der Kampf um Demokratie ist wichtig. Die Wirtschaft erzwingt die Demokratie nicht, nur die Menschen können Demokratie erzwingen“, sagt er.

Ob es Fragen zu seiner Version von Europa oder zur Bildungspolitik sind, die von den Schülern der zehnten, elften und zwölften Klassen gestellt werden: Gysi liefert Antworten, zwei Stunden lang. Der Nachmittag endet mit einer Frage, die Gysi selbst stellt – und selbst beantwortet: Was ist der Unterschied zwischen einem Spezialisten und einem Generalisten? „Ein Spezialist ist einer, der alles weiß, aber nichts erklären kann – ein Generalist ist einer, der nichts versteht, aber alles erklären kann“, sagt Gysi. „Und so ein Generalist bin ich.“

Besuch in der Propsteikirche

Der Applaus hallt nach, bis der Politiker die Aula verlässt. Lehrer Jens-Uwe Jopp strahlt und ist sichtlich stolz auf das, was die Schule und seine Schüler auf die Beine gestellt haben. Gregor Gysi ist schon los zum nächsten Termin in die Propsteikirche St. Trinitatis. Dort diskutiert er auf Einladung der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen mit dem Magdeburger Bischof Gerhard Feige. Thema hier: sinkende Hemmschwellen, Verleumdungen gegen Andersdenkende, Flüchtlinge oder Politiker, Hass und Hetze. Auch wenn Gysi nicht gläubig ist, misst er den Kirchen mit ihren Moralnormen große gesellschaftliche Bedeutung zu.

Von Maria Sandig