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Lokales Gremium engagiert sich für den Schutz von Kindern vor Gewalt
Leipzig Lokales Gremium engagiert sich für den Schutz von Kindern vor Gewalt
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19:03 31.05.2019
Gehören zum Koordinierungsgremium gegen häusliche Gewalt und Stalking in Leipzig: Lynn Huber, Wolfram Palme, Susanne Helweg und Jana Dittrich (v. l.). Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Die Nachricht ging vor drei Wochen durch die Medien: In der Dresdner Neustadt wurden zwei Kinder im Alter von zwei und fünf Jahren umgebracht – mutmaßlich von ihrem Vater. Der 55-Jährige soll auch die Mutter der beiden verletzt haben. Ermittelt wird zu einem Familien- und Beziehungsstreit. Nur ein Beispiel von bundesweit vielen, der in der dramatischsten Form endete. Das Leipziger Koordinierungsgremium gegen häusliche Gewalt und Stalking nimmt den Kindertag am 1. Juni zum Anlass, auf seine Arbeit hinzuweisen – die zusätzlich herausfordert, wenn Kinder und Jugendliche zu den Leidtragenden gehören.

Häufig kommt es zu Traumata

Psychisch und physisch tragen mit Gewalt konfrontierte junge Menschen Wunden davon, die schlecht verheilen und besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. „Die Folgen sind gravierend“, sagt Familienrechtlerin Susanne Helweg, „häufig kommt es zu Traumata – egal, ob das Kind selbst geschlagen oder Zeuge von Misshandlungen wurde“. Gewalt und Stalking zählen zu ihren Arbeitsschwerpunkten; Helweg sorgt beispielsweise dafür, dass nach Übergriffen zügig ein Kontakt- und Näherungsverbot vom Gericht verhängt wird. Als Rechtsanwältin gehört sie zu einem Netz, dessen Fäden 2003 in Leipzig miteinander verknüpft sind.

Interventionskette beginnt bei der Polizei

Auch Triade GbR ist ein Teil davon. Als Täterberatungsstelle bietet sie auch Hilfen zur Erziehung sowie Familientherapie an, um Menschen mit Aggressions- und Gewaltpotenzial zu unterstützen. Die Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking, kurz KIS, bietet Krisenintervention für diejenigen, die körperlicher, seelischer Gewalt oder sexualisierter Gewalt in sozialen Nahbeziehungen ausgesetzt sind. An erster Stelle der Interventionskette steht oft die Polizei. „Sind bei Einsätzen zu häuslicher Gewalt Kinder und Jugendliche betroffen, informiert der Polizeivollzugsdienst das Jugendamt und die KIS per Fax“, erklärt Kriminalhauptkommissarin Jana Dittrich von der Polizeidirektion Leipzig, verantwortlich dort für Opferschutz. „Die Daten des Opfers werden auf der Basis eines bestehenden Kooperationsvertrages weitergegeben, und die KIS nimmt schnell Kontakt auf, um weiterführende Beratung und Unterstützung anzubieten.

Hohe Hemmschwelle bei misshandelten Männern

Zur KIS kommen sehr viele Opfer der klassischen Konstellation „Mann schlägt Frau“, aber auch Partner aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen und misshandelte Männer. „Deren Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, ist aufgrund der gängigen Rollenklischees besonders hoch“, so Mitarbeiterin Lynn Huber. Zudem bietet die KIS seit 2016 auch Beratung für Kinder und Jugendliche an, die in Familien leben, in denen häusliche Gewalt oder Stalking ein Thema ist. Es ist gerade dieses Aktivwerden, das den Anstoß für eine Verbesserung der Situation ermöglicht. Auch für diejenigen, die die Übergriffe ausüben. „Viele Täter und Täterinnen haben Gewalt vorgelebt bekommen, leiden unter Schuldgefühlen, kommen aber nicht allein aus der Spirale heraus“, beschreibt es Sozialpädagoge und Therapeut Wolfram Palme (Triade).

Enorme Dunkelziffer

Bis es zum Outing und der Suche nach Hilfe kommt, ist meist schon eine lange, qualvolle Vorgeschichte durchschritten. „Die Dunkelziffer bei diesen Delikten ist sehr hoch“, weiß Jana Dittrich. „Die emotionale, soziale oder auch finanzielle Abhängigkeit vom Partner, Existenzangst, Schamgefühl oder auch die Einstufung der Gewalttätigkeit als Privatsache sorgt oft dafür, dass Betroffene keine Strafanzeige erstatten – oder diese wieder zurückziehen.“

„Kinder fühlen sich oft schuldig“

Die Standard-Beschwichtigung von Tätern lautet: „Mir ist nur mal die Hand ausgerutscht.“ Die Bagatellisierung, dieses „Nur mal“, ist Teil eines schwer zu zerschlagenden Konstrukts. Es aus Angst fortbestehen zu lassen, verlängert das Leiden – auch und erst recht von Kindern. „Gibt es Gewalt zwischen den Elternteilen, sehen sich manche als Ursache für Streitereien und fühlen sich schuldig“, sagt Susanne Helweg. „Im schlimmsten Fall sind sie selbst die unmittelbaren Opfer – und sogar ihr Leben kann bedroht sein.“

An Vertrauensperson wenden

Natürlich können auch Kinder sich an die genannten Stellen oder an das mit dem Netzwerk kooperierende Jugendamt wenden. Doch gerade bei Heranwachsenden ist die psychologische Hürde hoch. Jana Dittrich rät: „In dem Fall sollten sie sich einer erwachsenen Vertrauensperson, Freunden oder Verwandten anvertrauen, die dann aktiv werden können.“

Gewalt geht durch alle Schichten

Entgegen der landläufigen Meinung ist häusliche Gewalt kein exklusives Phänomen aus dem sozial schwachen Milieu, sondern zieht sich durch alle gesellschaftlichen und Bildungs-Schichten. Immerhin verzeichnet das Netzwerk eine positive Entwicklung: Das Problembewusstsein bei häuslicher Gewalt ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

Fälle wie der in Dresden sorgen auch bei den Helfern im Bündnis für Schockwellen – und belegen dessen Unverzichtbarkeit. „Unser klares Ziel lautet: Herstellung von Gewaltlosigkeit“, betont Wolfram Palme. „Und das so schnell wie möglich.“

www.gewalt-leipzig.de

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