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Lokales „Gretas Unbeirrtheit hat auch mit Asperger zu tun“
Leipzig Lokales „Gretas Unbeirrtheit hat auch mit Asperger zu tun“
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08:01 05.04.2019
Sowohl verehrte als auch umstrittene Klimaaktivistin: Greta Thunberg, bei der das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde. Quelle: Foto: dpa
Leipzig

Die schwedische junge Umwelt-Aktivistin Greta Thunberg macht nicht nur mit ihrem Engagement für Klimaschutz und den „Fridays for Future“-Demos auf sich aufmerksam, die auch an diesem Freitag wieder in Leipzig stattfinden. Die bewunderte wie kritisierte 16-Jährige spricht auch offen über das bei ihr diagnostizierte Asperger-Syndrom. Andries Korebrits, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Leipziger Helios Park-Klinikum, äußert sich im Interview über die Erkrankung und die Schwierigkeiten für Leipziger Betroffene, Anlaufstellen zu finden.

Zunächst einmal die Greta- oder besser Gretchenfrage: Finden Sie richtig, was die 16-Jährige macht?

In mehrerer Hinsicht: ja. Der Zeitpunkt ist der richtige, weil das Problembewusstsein beim Thema Umwelt steigt – wegen der Diskussion um Diesel, Braunkohle oder Plastikmüll. Das alles gehört zusammen. Und dass Greta Thunberg so unbeirrt und konsequent handelt, ist ebenfalls richtig, sie treibt den Prozess des Umdenkens voran. Außerdem kann gar nicht anders, und das hat mit dem Asperger-Syndrom zu tun.

Inwiefern?

Ohne diese Erkrankung wäre sie nicht so weit gekommen. Normalerweise ist man in der Pubertät nicht auf ein Thema fokussiert, sondern von vielen Einflüssen animiert oder abgelenkt. Greta aber konzentriert sich einzig auf das Thema. Der Mensch weiß um den Klimawandel, macht aber nichts dagegen. Asperger-Betroffene halten keine Widersprüchlichkeit aus, deshalb fehlt ihr dafür jegliches Verständnis. Und deshalb hat sie diese Unbeirrtheit und Hartnäckigkeit.

Was ist noch charakteristisch bei Asperger?

Bei dieser besonderen Form des Autismus sind die Betroffenen mindestens normal bis überdurchschnittlich begabt, das unterscheidet sie von den meisten anderen Autisten. Häufig wird Asperger erst im Grundschul- oder Jugendalter diagnostiziert, wenn auch die Anforderungen im sozialen Verhalten steigen. Typisch ist eine Fixierung auf spezielle Interessen mit bestimmten Themen, zum Beispiel Dinosaurier oder Zweiter Weltkrieg. Sie verstehen Ironie nicht, können die Mimik des Gegenübers schlecht deuten und keinen Smalltalk halten. Außerdem reagieren sie häufig empfindlich auf Lärm, Gerüche oder bestimmte Geschmacksempfindungen.

In manchen Fachkreisen wird der Asperger-Begriff abgelehnt, weil er sehr auf die Erkenntnisse des Erstbeschreibers Johann Asperger beschränkt ist. Bevorzugt wird dann der Terminus Autismus-Spektrum-Störung. Welchen benutzen Sie?

Grundsätzlich stellt sich die nachvollziehbare Frage, ob man sich in der Medizin von den Namen der Entdecker oder Beobachter irgendwann verabschieden sollte. Unter uns Wissenschaftlern wird jedoch stets der Asperger-Begriff benutzt. Für die Patienten ist diese Unterscheidung ohnehin unerheblich.

Greta Thunberg bezeichnet Asperger als Geschenk? Ist das nicht etwas zu schön gefärbt?

Es gibt unterschiedlich starke Ausprägungen von Asperger. Thunberg hat offenbar keinen Leidensdruck und keine negative Konnotation, und es wird offen darüber geredet. Und wie gesagt: Ihre Unbeirrtheit hat mit Asperger zu tun. Natürlich ist die Einschränkung mit Hürden verbunden. Es geht darum, im normalen sozialen Miteinander klar zu kommen, einen passenden Arbeitsplatz zu finden und einen passenden Lebenspartner, der sich mit den Besonderheiten arrangiert.

Wie sind die Behandlungsmöglichkeiten in Leipzig?

Nicht nur in Leipzig ist das ein Problem. Denn wirklich behandeln lässt sich Asperger Syndrom nicht. Die Ursachen sind noch immer unbekannt, und es gibt keine heilende Therapiemöglichkeit. Dennoch brauchen die Betroffenen vor allem gute Diagnostik, Beratung und fachkompetenten Rückhalt.

Wie sieht es da in Leipzig aus?

Unsere Institutsambulanz für Kinder und Jugendliche im Helios Park Klinikum bietet eine Spezialdiagnostik an, aber die Wartezeiten sind lang. Auch in der Erwachsenenpsychiatrie ist das der Fall, teilweise über ein Jahr. Nach erfolgter Diagnostik sind der Verein LunA und die Autismusambulanz Anlaufpunkte für Begleitung, Förderung, Gruppen et cetera. Aber es gibt zu wenig Personal, erst für Diagnostik und danach für die weitere Begleitung bei dieser Krankheit. Da müsste es mehr geben.

Bietet Leipzig genug Unterstützung im öffentlichen Raum?

Eine spezielle Unterstützung für Asperger-Betroffene ist schwierig. Piktogramme für Autisten wie im Bach-Museum sind natürlich hilfreich, sie zeigen Orientierung und Ruheorte. Priorität hätten aus meiner Sicht Angebote im nonverbalen Bereich wie Kunst, Musik oder Bewegungstherapie, die für Entspannung sorgen. Und natürlich eine wachsende Zahl psychotherapeutischer Begleitung.

Noch mal zu Greta Thunberg. Sie steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, was für Asperger-Erkrankte nicht leicht ist. Kann sie, die 16-Jährige, den Rummel verkraften?

Man muss durchaus aufpassen, dass sie das Gezerre um ihre Person nicht überfordert und daraus eine Krise entsteht. Als 16-Jährige befindet sie sich natürlich in einer sensiblen Entwicklungsphase. Es ist gut, dass ihre Eltern mit ihr reisen.

Gerade bekam sie für ihr Engagement die „Goldene Kamera“ und soll für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen werden. Besteht die Gefahr, abzuheben?

Davor schützt sie das Syndrom. Für Greta Thunberg sind Geld und Ruhm uninteressant, sie möchte etwas bewirken, ein Ziel erreichen. Die Überlegung, ihr den Friedensnobelpreis zu geben, ist allerdings ein typischer, übereilter Reflex der Gesellschaft. Die junge Frau wird sich davon nicht beeindrucken lassen.

FDP-Chef Christian Lindner kritisiert Thunberg und rät, die Klimapolitik den Profis überlassen.

Eine Panikreaktion des Establishments. Und ist er denn Profi? Die Sache bekommt durch Thunberg einen eigenen Drive, an den Politikern vorbei. Das verunsichert sie, deswegen ziehen sie sich darauf zurück, auf die Schulpflicht zu pochen.

Beeinflusst Greta Thunberg auch Sie in punkto Umgang mit der Umwelt?

Mein Bewusstsein dafür war bei meiner Familie und mir schon länger geschärft. Trotzdem ist ihr Engagement gut, um dieses Bewusstsein zu stärken.

Von Mark Daniel

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