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Lokales Großkonzerne wollen deutsche Tierarztpraxen kaufen – Leipziger Tierarzt in Sorge
Leipzig Lokales Großkonzerne wollen deutsche Tierarztpraxen kaufen – Leipziger Tierarzt in Sorge
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10:18 24.04.2019
Der Leipziger Tierarzt Volker Jähnig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Was haben Schokoriegel-Hersteller mit erkrankten Hunden oder Katzen zu tun? Der Lebensmittelriese Nestlé ist gerade bei der Tierarztkette Evidensia eingestiegen und seit Herbst 2018 gehört die Kette AniCura zum Mars-Konzern. Viele Fachleute sehen mit Unbehagen, dass milliardenschwere Firmen immer mehr Tierarztpraxen und -kliniken in Europa und neuerdings auch in Deutschland kaufen. Wir sprachen darüber mit dem Leipziger Tierarzt Dr. Volker Jähnig, zugleich Vizepräsident der Sächsischen Tierärztekammer.

Infolge der Null-Zins-Phase im Finanzsektor versuchen große Investoren, ihr Geld in Immobilien und nun auch in Tierarztpraxen anzulegen. Die Sächsische Tierärztekammer hält davon gar nichts – warum?

Tierärzte gehören wie Ärzte und Apotheker zu den freien Berufen. Sie arbeiten selbstständig und unabhängig. Unsere Berufs- und Gebührenordnung garantiert dem Tierbesitzer Schutz vor überzogenen Forderungen und einen Wettbewerb, der allein auf Leistung ausgelegt ist. Hingegen kaufen Investoren wie bei AniCura große Kliniken oder Praxen auf, um Gewinne als Anlage zu generieren. Andere Investoren wie die activet-Gruppe des Tierfutter-Riesen Fressnapf binden einen Tierarzt an eine Fressnapf-Filiale und versuchen, über Niedrigpreise Kunden aus Hausarztpraxen in die Fressnapf-Filialen umzuleiten. Dem Investor gehören dann 49,9 Prozent der Tierarztpraxis.

Ihre Kammer sagt, ein Systemwechsel von Tierärzten, denen die Praxis gehört, zu nur noch angestellten Tierärzten gefährde die Therapiefreiheit. Was meint das genau?

Die Zahl niedergelassener TierärztInnen ist auch in Sachsen leicht rückläufig, die Zahl angestellter Tierärzte in den Praxen steigt dagegen. Das hat auch etwas mit der viel beschworenen work-live-Balance zu tun. In unserem Beruf sind seit Jahren mehr als 85 Prozent weibliche Studierende. Diese haben es natürlich schwerer, Freiberuflichkeit und Familie in Einklang zu bringen. Es bedarf aber keiner Investoren-Ketten, um Arbeitsbedingungen zu verbessern. Das beweist die schwierige Lage vieler junger Ärzte in privaten Krankenhäusern. Am Ende entscheidet der Besitzer, welches Spezial-OP-Besteck für die Operation von zum Beispiel Kreuzbandrissen beim Hund angeschafft wird – damit ist die Therapiefreiheit des Tierarztes spätestens hier zu Ende.

Kennen Sie Fälle, bei denen die Kettenbetriebe für den Tierhalter teurer sind als bei den uns bisher vertrauten Tierarztpraxen?

Ursprünglich stammten AniCura und Evidensia aus Skandinavien, wo sie etwa in Schweden für gleiche Leistungen wie in Deutschland mehr als das Doppelte abrechnen. Aus ihrer Sicht ist Deutschland ein Billigmarkt, der Investoren über das Potenzial steigender Preise lockt.

Die Investoren sagen, es gehe ihnen nicht nur um Gewinne. Man nehme den angestellten Ärzten Verwaltungsaufgaben und Marketing ab, so könnten sie sich ganz auf die Behandlungsqualität konzentrieren.

Gewiss müssen selbstständig tätige Tierärzte sich mit Einkauf, Personalführung, Steuerfragen, Mahnwesen, Unfallverhütung, Investitionen und vielem anderen beschäftigen. Dazu muss man sich qualifizieren oder aber Teile davon auslagern – etwa an ein Steuerbüro. Letztlich muss das Geld dafür aber in jedem Fall über die Praxen erwirtschaftet werden. Auch Ketten werden diese Leistungen nicht vorfinanzieren. Sie entnehmen jedoch zusätzlich den Gewinn und legen die Form von Investitionen fest. AniCura hatte 2016 in einem Gespräch mit dem Sächsischen Kammervorstand in Dresden einen Anlagehorizont von fünf bis acht Jahren angegeben. Schon nach drei Jahren wurde die Kette dann jedoch an den Lebensmittelriesen Mars verkauft. Die Sprüche der Marketingleute klingen interessant – zum Schluss entscheidet allein der Gewinn.

Evidensia verwies jüngst darauf, dass diese Kette der einzige Privatbetrieb in Deutschland sei, der auch Nuklearmedizin bei Tieren einsetzt. Ist das kein Vorteil?

In Deutschland wird modernste Veterinärmedizin schon jetzt ohne Kapitalinvestoren angeboten, wie die Tierklinik Hofheim bei Frankfurt täglich beweist. Dort arbeiten über 70 Tierärzte und weitere 100 Angestellte auf höchstem Niveau, um zum Beispiel Tumore bei Hunden mit Strahlentherapie zu versorgen. Wenn jedoch freier Wettbewerb heißt, dass eine private Tierklinik mit 40 Mitarbeitern in Sachsen mit dem milliardenschweren Mars-Konzern aus den USA bei Einkauf von Medizintechnik, Verträgen für Versicherungen, Altersvorsorge, Unfallverhütung, Steuer- und Abrechnungsbüros konkurrieren soll, dann geben wir unseren freien Beruf Tierarzt wirklich auf dem Investorenmarkt auf. Dabei hätten wir als Alternative moderne Praxisformen mit mehreren gleichberechtigten Tierärzten, wo jeder Partner nur seinen Anteil der Investitionskosten und des Gewinns realisiert. Dann wäre ein Verkauf von Praxisanteilen möglich, wenn etwa ein Ortswechsel für die Familie notwendig wird.

Die Investoren bieten mitunter Millionen für einen Praxiskauf. Ist das nicht verlockend als Altersvorsorge für den Tierarzt?

Einfach zu sagen, wir verkaufen die Praxis an einen Investor, ist für den Berufsstand mit Sicherheit schädlich. Es wurde daher nach intensiver Diskussion der Tierärzte in der Kammerversammlung für Sachsen abgelehnt. Unsere Ruheständler leben ganz normal von der Altersversorgung der Sächsischen Ärzteversorgung, in die alle Kollegen einzahlen.

Sachsen ist ein rechtlicher Sonderfall: Hier schließt das Heilberufekammergesetz den Betrieb von Tierarztpraxen durch Nichttierärzte bisher aus. Wer will das ändern?

Derzeit gibt es zwei Tierärzte, die in einer Feststellungsklage erreichen wollen, dass die Sächsische Landestierärztekammer trotz gegenteiliger Gesetzeslage eine Genehmigung zum Verkauf der Praxen an eine Investorengruppe genehmigt. Das Urteil des Landgerichts Dresden dazu wird sicher interessant. Zudem erarbeitet das Staatsministerium für Soziales eine Neufassung des Heilberufekammergesetzes, weil die Juristen des Ministeriums Regelungsbedarf durch die Forderung der EU nach völliger Berufsfreiheit nach der Dienstleistungsrichtlinie sehen, in der wir Tierärzte einbegriffen sind. Hier wird nach meiner Meinung verkannt, dass ein Wettlauf zwischen Freiberuflern und Milliardenkonzernen reine Wettbewerbsverzerrung wäre. Hingegen ist der Wettbewerb unter den Bedingungen einer Kammer für Kunden und Markt viel sicherer.

Von Jens Rometsch

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