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Lokales Häusliche Gewalt: „Es ist alles krasser geworden“
Leipzig Lokales Häusliche Gewalt: „Es ist alles krasser geworden“
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09:01 24.11.2018
Was ist eigentlich Gewalt? Dazu diskutierte und reflektierte Brunhild Fischer von den Selbsthilfegruppen Alleinerziehender (SHIA) im Rahmen der Sächsischen Frauenwoche mit Interessierten. Quelle: Kempner
Leipzig

In Deutschland sind Opfer häuslicher Gewalt in 82 Prozent der Fälle Frauen, das zeigt eine Auswertung des Bundeskriminalamtes. Auch in Leipzig wenden sich meist Frauen an Beratungsstellen oder suchen Zuflucht in Frauenhäusern. In der Sächsischen Frauenwoche mit dem Motto „Gewalt beginnt nicht mit Schlägen“, die der Landesfrauenrat Sachsen e.V. zum internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am Sonntag organisiert, wird die Problematik in über 60 Veranstaltungen beleuchtet. Seit Mitte des Monats verkaufen Leipziger Bäcker ihre Ware etwa in Tüten mit Verweis auf die Frauenwoche.

„Es ist alles krasser geworden“, ist der Eindruck von Susanne Sucher. Sie kümmert sich seit zweieinhalb Jahren um die Gewaltopfer im Frauen- und Kinderschutzhaus Leipzig. Die Auseinandersetzungen seien brutaler, soziale Netzwerke gestalteten eine Trennung vom gewalttätigen Partner schwieriger.

In Leipzig gibt es vier Einrichtungen, die Opfern Schutz bieten. In den beiden Frauenhäusern kommen aktuell 28 Frauen und 23 Kinder unter. In einem Frauenschutzhaus nur für Geflüchtete leben sechs Frauen und zwei Kinder. Im Männerhaus haben drei Männer Unterschlupf gefunden. Die Einrichtungen seien derzeit völlig ausgelastet, heißt es von der Stadtverwaltung.

2017 registrierte Polizei Leipzig 2771 Fälle häuslicher Gewalt

Auch die Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking (KIS) hat reichlich zu tun: Im Vorjahr ließen sich 668 Personen beraten, davon 30 Männer. 2016 zählte die KIS noch 505 Beratungen, darunter 28 mit Männern. Die Polizeidirektion Leipzig registrierte im Vorjahr 2771 Fälle häuslicher Gewalt und 279 Fälle von Stalking, 2016 waren es 2821 Fälle häuslicher Gewalt und 336 Fälle von Stalkings.

Etwa die Hälfte der Frauen, die im Beratungszentrum Hilfe suchten, wurden von der Polizei dorthin vermittelt, weiß Leiterin Gabi Eßbach. Sie hat die KIS vor 28 Jahren mitgegründet, im Frauenhaus Töchter und Enkelinnen von ehemaligen Schutzsuchenden betreut. „Das ist ein Generationenproblem“, sagt sie. Um den Gewaltkreislauf zu durchbrechen, sei es sehr wichtig, mit den Kindern der Opfer zu arbeiten. Denn auch hier ist die Zahl der Betroffenen groß: In Familien in denen es zu Gewalt zwischen Erwachsenen kam und welche die KIS beraten hat, haben im Vorjahr 537 Kinder gelebt. 295 der Kinder haben Gewalt am eigenen Leib erleben müssen.

Frauen aus allen Bevölkerungsschichten werden Opfer von Gewalt

Insgesamt habe sich häusliche Gewalt nicht verstärkt, beobachtet Eßbach in der Beratungsstelle. In den vergangenen 20 Jahren habe sich aber viel getan: Das Thema wurde etwa durch neue Gesetze öffentlicher. „Dadurch erhellt sich das Dunkelfeld“, sagt sie. Die Frauen, die Eßbach berät, kommen aus allen Bevölkerungsschichten. Häufiger publik würde häusliche Gewalt in Mehrfamilienhäusern, sagt die Sozialarbeiterin. Das läge daran, dass Nachbarn die Vorgänge eher mitbekämen und die Polizei informierten. Im Jahr seien höchstens zehn Prozent der gewalttätigen Partner ihrer Klientinnen Migranten, so Eßbach.

Besonders wichtig sei die Täterberatung, welche Triade GbR anbietet. „Nur so kann der Gewaltkreislauf durchbrochen werden“, weiß Eßbach. In ihre Beratung kamen Frauen, welche Opfer eines Mannes geworden sind, dessen Ex-Partnerinnen sie schon beraten hatte.

Frauenhaus: Viele Schutzsuchende bekommen Arbeitslosengeld II

„Jede Frau kann mit ihren Kindern bei uns Schutz suchen“, sagt Susanne Sucher vom Frauen- und Kinderschutzhaus Leipzig. Die Sozialarbeiterinnen fangen die Kinder auf, unterstützen die Frauen bei Behördengängen, klären, wie es für die Betroffenen weitergehen soll. Durchschnittlich bleiben die Gewaltopfer 54 Tage im anonymen Haus, alle kommen freiwillig. 74 Frauen suchten seit Januar diesen Jahres Schutz, die jüngste war 18, die älteste 60 Jahre alt. Sie bekommen ein Zimmer, das sie sich mit ihren Kindern teilen. Küche und Bad werden gemeinschaftlich genutzt. Für Frauen, die in einer Nacht- und Nebelaktion ins Haus ziehen, stünden gespendete Zahnbürsten und Duschbäder bereit. Damit die Frau später aus ihrer Wohnung noch Dokumente beschaffen kann, organisiert Sucher immer wieder Polizeischutz.

Vor etwa zwei Jahren habe ein Täter seine geflohene Frau mit Hilfe einer App ausfindig gemacht, erzählt Sucher. Ein Einzelfall. Der Mann habe vor dem Frauenhaus gestanden. Die Frau sei in eine andere Stadt gezogen.

Abhör- und Ortungsgeräte üben psychischen Druck auf Opfer aus

Insgesamt habe häusliche Gewalt durch technische Neuerungen ganz neue Formen angenommen, berichtet Familienanwältin Tanja Müller-Tegethoff. Sie beschäftigt sich in ihrem Berufsalltag häufig mit Stalking und Gewalt in Familien. „Die psychischen Übergriffe haben zugenommen“, sagt Müller-Tegethoff. Abhör- und Ortungsgeräte übten einen enormen Druck auf Opfer aus. Gleichzeitig nehme die körperliche Gewalt aber auch nicht ab. Mit einem Vortrag über die Rechtslage bei häuslicher Gewalt am Montag beteiligte sich ihre Kanzleipartnerin Susanne Helweg an der Sächsischen Frauenwoche. „Wir möchten das Thema in allen Facetten beleuchten“, sagt Susanne Köhler, Vorsitzende des ausrichtenden Landesfrauenrats. In Sachsen gebe es nach wie vor Handlungsbedarf, bei der Polizei müssten Opferbeauftragte etwa hauptamtlich angestellt werden, findet Köhler.

Im Rahmen der Frauenwoche bot der Landesverband Sachsen der Selbsthilfegruppen Alleinerziehender (SHIA) Begegnungs- und Diskussionstage an. Anonym diskutierte Geschäftsführerin Brunhild Fischer mit Gästen im Gohliser Büro und auf Whatsapp über Gewalt. „Eine Frau kam herein und meinte, Schläge sind nur die Spitze des Eisberges“, erzählt Fischer. „Da ist viel dran.“

Die Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking erreichen Sie unter 0341-3068778 oder per E-Mail unter kontakt@kis-leipzig.de.

Im Rahmen der Frauenwoche findet am Montag um 17 Uhr ein Friedensgebet in der Nikolaikirche statt. Um 18.30 Uhr öffnet die Stadtbibliothek ihre Türen für einen TedTalk der Glücksforscherin und Psychologin Andrea Horn und einen Impulsvortrag der Gerichtsmedizinerin Ulrike Böhm.

Von Theresa Held

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