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Lokales Hartz-IV-Empfänger wirft Stadtwerken Leipzig Willkür vor
Leipzig Lokales Hartz-IV-Empfänger wirft Stadtwerken Leipzig Willkür vor
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22:33 18.12.2018
Auch wenn Heribert Sowinski nicht viel Geld hat: Gefallen lässt er sich nichts. Er kuscht auch nicht vor Leipzigs mächtigen Stadtwerken.
Auch wenn Heribert Sowinski nicht viel Geld hat: Gefallen lässt er sich nichts. Er kuscht auch nicht vor Leipzigs mächtigen Stadtwerken. Quelle: André Kempner
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Ein Hartz-IV-Empfänger erhebt schwere Vorwürfe gegen die Stadtwerke: Das Unternehmen springe mit wirtschaftlich schwachen Kunden wie ihn rüde um, heißt es. Die Rede ist unter anderem von Schikanen bei den Zahlungsterminen und willkürlicher Androhung von Stromabschaltungen. Das stadteigene Unternehmen widerspricht dieser Darstellung.

„Die wollen Geld, das ihnen nicht zusteht“

„Die Stadtwerke wollen Geld haben, das ihnen nicht zusteht“, schimpft Heribert Sowinski und meint damit Mahngebühren, die ihm das stadteigene Unternehmen für seinen Stromanschluss in der Saarbrückenstraße in Rechnung gestellt hat. Denn der Hartz-IV-Empfänger erhält seine Zahlungen immer erst am Monatsende – die Stadtwerke pochen aber auf eine Überweisung ihrer Abschläge bis zum 21. jedes Monats. „Bei jeder normalen Rechnung habe ich 14 Tage Zeit, bis ich sie beglichen haben muss“, sagt der 61-Jährige. „Nur die Stadtwerke wollen, dass ich sofort zahle. Die wollen Geld, das ihnen nicht zusteht.“ Das Unternehmen antworte ihm auch nicht auf Einschreiben per Post. „Meine Einwände werden seit Jahren ignoriert“, klagt er. Ihm werde zum Beispiel nicht die Frage beantwortet, auf welcher Rechtsgrundlage das Unternehmen auf seine ungünstigen Zahltermine pocht.

Außerdem ärgert ihn, dass in seinen Jahresendabrechnungen die berechneten Mahngebühren nicht separat aufgeführt würden. „Diese Mahngebühren werden als Gesamtbetrag meiner Stromrechnungen deklariert – damit das Unternehmen behaupten kann, ich hätte meine Stromrechnungen nicht komplett gezahlt“, wirft er dem Energielieferanten vor.

Stadtwerke: Abschläge sind keine Vorkasse

Leipzigs Stadtwerke widersprechen all diesen Darstellungen vehement und betonen, ihr Kundenservice agiere nicht rüde. Die von Sowinski beanspruchte Zahlungsfrist sei bereits in dem ihm mitgeteilten Zahlungstermin eingerechnet, heißt es weiter. Denn seine eigentliche Rechnung datiere vom 6. jedes Monats.

Für die Stadtwerke sind die gezahlten Abschläge auch keine Vorkasse: Mit solchen Zahlungen werde nur der Energieverbrauch beglichen, heißt es im Unternehmen. Der Stromlieferant betont auch, dass die Zahlungsfälligkeit der sogenannten unterjährigen Abschläge vom 21. eines jeden Monats problemlos auf andere Termine verlegt werden könne, „wenn Abhängigkeiten von der Zahlung beispielsweise des ALG II bestehen“.

Mahngebühren treiben Rechnung in die Höhe

Sowinski hat nach eigenen Angaben darauf schon sei mehreren Jahren vergeblich gepocht. „Je nachdem, welchen Bearbeiter man bei den Stadtwerken erwischt, wird das anders gehandhabt“, schildert er. „Die aktuelle Mitarbeiterin, die seit 2013 für mich zuständig ist, ist dazu nicht bereit. Das interessiert sie gar nicht.“

Der Mann aus Anger-Crottendorf hat seine Abschläge immer bezahlt, sobald er das Geld vom Amt bekam. Aktuell tobt der Streit zwischen ihm und dem Stadtunternehmen deshalb auch nur um die Jahresrechnung, die seit 6. April 2018 fällig ist und neun Mahnbescheide enthält. Durch diese neun Mahngebühren von jeweils 2,30 Euro stieg der Rechnungsbetrag von 92,96 Euro auf 113,66 Euro.

Kappung der Stromlieferung angedroht

Der Hartz-IV-Empfänger berichtet auch, dass die Stadtwerke ihm angekündigt haben, ihm die Stromlieferung zu sperren. Auch ein konkreter Termin sei ihm bereits mitgeteilt worden, allerdings nur telefonisch. „Schriftlich geben die mir nichts“, sagt er. Auf LVZ-Anfrage dementierte das Unternehmen eine beabsichtigte Kappung der Stromlieferung. In den internen Unterlagen sei nichts über eine kurzfristige Sperrung vermerkt, heißt es.

Der 61-Jährige will trotzdem auf keinen Fall „die Mahngebühren“ zahlen – und sucht deshalb schon fieberhaft nach Möglichkeiten, seinen Insulin-Vorrat zu retten, den er in seinem Kühlschrank aufbewahrt. „Das ist ein Vorrat für ein Vierteljahr“, erzählt er. „Wenn mir der Strom abgestellt wird, sind ein bis zwei Tage später einige hundert Euro vernichtet.“

Insulin-Vorrat gefährdet

Die Stadtwerke betonen, dass sie erst durch die LVZ-Anfrage von dem Insulin erfahren haben und es jetzt nicht zu einer Sperrung kommen lassen wollen. „Insbesondere für Kunden, die aus gesundheitlichen Gründen auf eine dauerhafte Stromversorgung angewiesen sind – und das durch ein ärztliches Attest bestätigt wird – wurde immer eine Lösung gefunden und die Sperrung abgewendet“, sagt Sprecherin Nicole Rühl. „Für Herrn Sowinski liegt uns ein solches Attest nicht vor. Umso wichtiger ist es für solche Kunden, sich mit unserem Kundenservice in Verbindung zu setzen, um rechtzeitig reagieren und eine gute Lösung zur vertragsgemäßen Begleichung von Rechnungen und Abschlägen zu finden.“

Gleichzeitig betont das Unternehmen, dass es kein Interesse daran habe, Mahnentgelte zu erheben oder es zu Liefereinstellungen kommen zu lassen. „Unsere Kollegen beraten die Kunden mit dem Ziel, eine gute und einvernehmliche Lösung, beispielsweise über eine Ratenzahlungsvereinbarung oder eine Verschiebung von Zahlungsfälligkeiten, zu finden“, so Sprecherin Rühl. „Denn der Aufwand für Mahnungen ist in jedem Unternehmen mit erheblichen Kosten verbunden – verursacht von einer Minderheit der Kunden.“

Heribert Sowinski glaubt diese Äußerungen nicht. „Ich habe ganz andere Erfahrungen gemacht“, sagt er. „Ich gehe jetzt zu meinem Arzt und schicke den Stadtwerken dann mein Insulin-Attest.“

Von Andreas Tappert

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