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Lokales Heimat, Gefühl, Witz und Wirklichkeit – ein Treffen mit Kabarettist Meigl Hoffmann
Leipzig Lokales Heimat, Gefühl, Witz und Wirklichkeit – ein Treffen mit Kabarettist Meigl Hoffmann
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08:01 10.07.2019
Trafen sich „auf ä Schälchen Heeßen“ im Café Satz in der LVZ: Guido Schäfer (l.) und Kabarettist Meigl Hoffmann. Quelle: André Kempner
Leipzig

Meigl Hoffmann (51) und Schäfer (54). Man kennt sich. Früher vornehmlich aus Kneipen, in denen Umdrehungen und Wirkung wichtiger als Rebsorte und Abgang waren. In jüngerer Vergangenheit von der Hundewiese und vom Kaffee vorm Konsum in der Haydnstraße. Wer der Annahme ist, schnell im Kopf zu sein, sollte sich nicht mit Hoffmann treffen. Der Kabarettist, Fußball-Fan, Tierfreund, Ehemann, Raum- und Zeitdeuter ist schneller.

5000 Auftritte in 30 Jahren

Und er springt zwischen seinen 5000 Auftritten in 30 Jahren, Ulbricht-Witzen, Steimles Volk ohne Traum, West-Fett, den Trümmeraufsammlern von der AfD, demokratischem Wachkoma – und Bananen-Flanken à la Manni Kaltz im Rosental. Hoffmann ist überzeugt: „Eine Gesellschaft kommt nur in Kooperation weiter.“ Wettstreit? Ja. Einen um die besten Ideen.

Rosentalteich, zwei Männer aus Ost (Leipzig) und West (Mainz), zwei uralte Eichen, eine Parkbank – und eine Idee fürs gedeihliche Miteinander. „Wir spielen uns die Bälle zu“, sagt Hoffmann, „das kennst Du doch vom Kicken.“ Aus grauen Zweitliga-Vorzeiten auf den Rübenäckern zwischen Mainz und Meppen, als mancher Fußballer nach zehn Profijahren 0,0 West-Fett auf der hohen Kante hatte. Wohin die Kohle ist? Geblieben auf dem Feld der, sagen wir, Ausschweifungen.

Fußball im Rosental

Klein-Meigl hat im Rosental Fußball gespielt. „Die beiden Bäume waren unser Tor.“ Eine Bananen-Flanke wie Kaltz hat er nie hingekriegt. „Aber an mir haben sich die Mitspieler orientiert, ich war ja auch immer der Längste.“ Die Bäume atmen Geschichte. „Mein Vater hat hier schon 1945 gegen die Russen Fußball gespielt.“ 1995 lernte Hoffmann im Bachstübl eine Reisegruppe überlebender Leipziger Juden aus der ganzen Welt kennen. Einer davon war 1937 als Kind geflohen. Man kam ins Gespräch. „Der alte Mann hatte auch im Rosental Fußball gespielt. Auf meine beiden Bäume.“ Heute spielt hier keiner mehr, das Tor ist zugewachsen. Bekommt Hoffmann beim Wort Heimat Gefühle? „Heimat ist für mich kein Ort, den man einzäunt und draußen dran schreibt: Berühren verboten! Heimat ist eine Zeit, eine Idee.“ Heimat kann man mit anderen teilen, Heimat kann aber auch fremd werden. Horst Seehofer sprach unlängst nicht vom Heimatministerium, sondern vom Heimatmuseum. Hoffmann: „Das ist für viele Heimat: ein verklärtes Gestern. Gestern war aber nicht alles besser, sondern nur alles anders.“ Hoffmann ist der Thomas Müller des Kabaretts. Vielseitig, dehnfähig, selbstgewiss. Er hat das Gohglmohsch-Kabarett gegründet, Otto Reutter reanimiert und mit „Alles Gehalt geht dem Volke aus“ den Academixer-Keller gerockt. Nach zehn Jahren und 17 Programmen sagt er dem Central-Kabarett am Jahresende adieu. Nächster Halt: Pfeffermühle.

Meigl Hoffmann über Görlitz, die AfD und Ministerpräsident Kretschmer

Zurück ins Rosental. Zigarettchen, Meigl? Nö, er raucht nicht mehr. Und der frühere Wirkungstrinker zieht auch nicht mehr um die Häuser. „Ich habe vor 15 Jahren die Frau meines Lebens kennengelernt.“ Der nächste lose Faden: gescheitelte Rechtsaußen, Görlitz, die Beinahe-Wahl eines AfD-Oberbürgermeisters. „Glückwunsch. Leider war es keine Wahl für den CDU-Kandidaten, sondern ein Bekenntnis gegen die AfD. Wenn aber die Wahl des kleineren Übels jetzt schon gefeiert wird – gute Nacht.“ Zum AfD-Hoch im Osten: „Hier ist eine Partei irgendwie dagegen.“ In dieses irgendwie laden Unzufriedene ihren Unmut ab. Rente, Sicherheit, Löhne, Flüchtlinge und so weiter. „Und mit diesem ,irgendwie dagegen‘ werden Stimmung und Stimmen gemacht.“ Und wie reagieren die anderen P

Meigl Hoffmann: „Wenn die Wahl des kleineren Übels jetzt schon gefeiert wird – gute Nacht.“

arteien? „Die stehen nicht für etwas ein, sondern sind in erster Linie gegen die, die dagegen sind. Die Solidarität, die eine Gesellschaft am Laufen hält, fliegt uns um die Ohren.“ Gespenstische Wandelhalle: Hoffmann schaute nach der Europa-Wahl im Rathaus nicht nur nach den Rechten, da hallten Nazi-raus-Schreie durch die Wandelhalle. „Das war gespenstisch. Der Ton ist ein anderer geworden. Der aus der AfD, auch das Kontra ist nicht kommunikativ. Schreiereien hier wie da, da fällt das Argument hinten runter. Das macht dem normalen Wähler Angst. Manche verfallen ins demokratische Wachkoma.“ Ministerpräsident Michael Kretschmer (44/CDU)? „Er geht auf die Leute zu. Das passiert aber zehn Jahre zu spät. Die CDU hat viele Fragen an sich selbst, NPD und neofaschistische Kräfte waren nie ein Thema, durften nie Thema sein. Weder unter Biedenkopf noch unter Milbradt.“

Der politische Witz

Die Blätter der Eichen rauschen, böige Winde von rechts, unser Kaffee ist leer, ein Hoffmann-Witz muss her.

Am Rostocker Überseehafen wird ein Schiff getauft, Partei- und Staatsführung drängeln am Kai. Ein Mädchen fällt ins Wasser, Walter Ulbricht hinterher, rettet das Mädchen. Das DDR-Fernsehen lobt die Heldentat. Ulbricht: „Genossen, das steht doch gar nicht zur Debatte. Zur Debatte steht, wer mir den Tritt in den Hintern verpasst hat.“ Money, money, money: Die Wirtschaftsgrenzen sind gefallen, die moralischen gleich mit. „Die einzige Schranke, die wir jetzt noch haben, ist die Bezahlschranke. Hinter der treffen sich die, die es sich leisten können. Alles wird nur noch verpreist.“ Die Alt-Parteien? „Springen über die Stöckchen der Wirtschaft. Die Besitzenden machen Geld mit Geld.“ Leistungslos in einer sogenannten Leistungsgesellschaft. Die Konzerne? „Bestellen sich die Gesetze bei der Politik, die Politik liefert.“ Und die Bürger sind geliefert.

Amazon oder Starbucks zeigen den deutschen Steuerbehörden den Längsten ihrer Finger. Wer beim Kilometergeld um 24,30 Euro schummelt, wird gevierteilt, das Milliarden-Schlupfloch für die Großen bleibt. Hoffmann: „Da wurde beim Bürger aus Unverständnis Enttäuschung und aus Enttäuschung Wut.“ Sammelt die AfD die Trümmer auf, die die etablierten Parteien zurückgelassen haben? Ist die aktuelle Zeit die der Sprünge mit (leerem) alternativem Beutel und kurzen Antworten? „Auf jeden Fall ist es Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Für sich, die Zukunft und die Gesellschaft.“ Reicht dazu eine gute Herzensbildung? „Vollkommen.“ Es gehöre sich nicht, die Tür vor Asylanten oder AfD-Wählern zu verschließen. „Aber dazu gehört auch, den anderen verstehen zu wollen.“ Was macht das Haben mit dem Sein? Hoffmann ist mit dem Radl da, sein einziger Luxus ist die Größe seiner Miet-Wohnung im Musikviertel. Vor 100 Jahren hatte der Deutsche 150 Dinge, heute über 10 000. Sind wir die Museumswächter unserer eigenen Ausstellung? „Ja, wir haben zu viel Gelumpe. Wir sind nicht auf dem blauen Planeten, um einzukaufen, sondern um etwas zu erleben.“ Wenn der Ossie auf den Wessi trifft...

Hoffmann: „Das Brot hat in der DDR eine Mark gekostet, die Miete 35, fürs Bier hat es auch immer gereicht. Und wir haben der Omi einen Platz in der Straßenbahn angeboten.“ Wir hatten im Westen auch Omis und haben für sie eingekauft.

„Qualifiziere dich zum Menschen, nicht zum Arschloch“

Hoffmann: „Es gab ein Beziehungsgeflecht zwischen den Leuten.“ Und eine Trabi-Lichtmaschine gab es im Tausch gegen einen Präsentkorb oder West-Fett.

Beziehungen gab es zwischen Flensburg und Garmisch übrigens auch. Und der Hausmeister in unserer Platte roch nach Old Spice. Das Zeug vertrieb auch Stechmücken.

Ressentiments vor und nach der Wende? Hoffmann: „Hatten wir. Gegenüber Arschlöchern.“ Einigkeit auf der Parkbank: Die gab und gibt es überall.

Wie geht’s weiter mit dem Kabarett? „Die Leute wollen keine Vorhaltungen. Aber zum Lachen gehört die heitere Gelassenheit. Wir brauchen die Geschichten am Lagerfeuer unserer Fantasie, mal lustig, mal nachdenklich.“ Vorbilder? Dieter Hildebrand. Matthias Beltz. Wolfgang Neuss, Schauspieler, materieller Verweigerer mit lückenhafter Kauleiste. Auch Bernd-Lutz Lange gefällt ihm. „Ein verbindlicher, schöner Volkshumor.“ Wie auch Ringelnatz, Morgenstern. Und Otto Reutter.

Der Sinn des Lebens? „Aus Fehlern lernen. Qualifiziere dich zum Menschen, nicht zum Arschloch.“

Von Guido Schäfer

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