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Lokales Hilfe für Geflüchtete in seelischer Not in Leipzig
Leipzig Lokales Hilfe für Geflüchtete in seelischer Not in Leipzig
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22:34 25.03.2019
Corinna Klinger (39) leitet das PSZ seit drei Jahren. Die Erlebnisse, die ihre Klienten in den Beratungsgesprächen aufarbeiten, sind teilweise auch für die Psychologen erschütternd. Quelle: André Kempner
Leipzig

Seit 2016 kümmert sich das Psychosoziale Zentrum für Geflüchtete Leipzig (PSZ) des Vereins Mosaik Leipzig um die seelische Gesundheit von Menschen mit Flucht- und Migrationsbiografien. Neben dem PSZ bietet Mosaik noch eine Migrations- und eine Energieberatung an, finanziert durch Mittel von Bund, Freistaat, Stadt sowie durch Spenden. Mittlerweile sind 20 Menschen fest angestellt: Sozialarbeiter, Psychologen, Sprachmittler und Teamassistenten. Corinna Klinger (39), die den Verein 2013 mitgegründet hat, leitet das PSZ seit drei Jahren zusammen mit Janko Kunze. Die Erlebnisse, die ihre Klienten in den Beratungsgesprächen aufarbeiten, sind teilweise auch für die Psychologen erschütternd.

Woher kommen die Menschen, die im Psychosozialen Zentrum Hilfe suchen?

Im vergangenen Jahr kamen die meisten aus Afghanistan. Auch viele Menschen aus Syrien und Kamerun ließen sich beraten; ebenso aus Russland, speziell aus Tschetschenien. Insgesamt waren etwa 150 Klienten in Einzelberatung. Der Großteil lebt schon eine Weile in Deutschland. Bei vielen ist die seelische Erkrankung bereits chronisch.

Wie kommt es, dass sich die Leute dann ans PSZ wenden?

Häufig benötigen die Klienten nach ihrer Flucht etwas Zeit. Wenn sie dann Ruhe haben, brechen die psychischen Probleme auf. Selten melden sie sich persönlich bei uns an, öfter vermitteln Mitarbeiter von Unterkünften die Notleidenden zu Mosaik oder Kliniken fragen, ob wir ihre Patienten mit Migrationshintergrund nach der Entlassung weiterbetreuen können.

Und wie läuft solch eine Behandlung ab?

Zunächst gibt es ein Screeninggespräch, in dem geklärt wird, mit welchen Problemen der Klient zu kämpfen hat und ob er beim PSZ richtig ist. Danach kann er an verschiedenen Angeboten teilnehmen, die ihn zunächst auffangen sollen. Dazu zählen Theater- und Entspannungsgruppen sowie Gesprächskreise für Frauen, Männer – auch speziell nach Herkunftsregionen. Derzeit beträgt die Wartezeit bis zum ersten Beratungsgespräch nämlich etwa ein halbes Jahr. Aktuell warten 50 Personen. Zwischen fünf und zehn Einzelsitzungen bieten wir den Betroffenen, eine weitere Behandlung ist nur in Ausnahmefällen möglich. Um allen gerecht zu werden, bräuchten wir viel mehr Mittel und Personal.

Wird jedes Detail der Gespräche von einem Dolmetscher übersetzt?

In etwa 90 Prozent der Fälle finden die Gespräche in der Muttersprache des Klienten statt. Ganz tiefe Empfindungen stehen im Fokus der Beratungen. Diese auszudrücken ist ja häufig schon in der vertrauten Sprache schwierig. Die Sprachmittler sind bei der Arbeit extrem wichtig: Bei psychologischen Gesprächen wird häufig mit Metaphern gearbeitet. Die müssen sie möglichst ungefiltert wiedergeben. Um die Sprachbarriere zu umgehen, arbeiten wir mit vielen Bildern. Wir sind froh, auch Psychologen im Team zu haben, die selbst Erfahrungen mit Migration gemacht haben und die Sprachen der Klienten sprechen: Mitarbeiter stammen aus Belgien, Chile, Syrien, Tadschikistan.

Mit welchen seelischen Belastungen kommen die Menschen zu Ihnen?

Hinter der dramatischen Fluchterfahrung stehen häufig bereits frühere psychische Belastungen. Bereits aus der Kindheit sind manche Klienten durch Kriege und Gewaltexzesse unvorstellbaren Ausmaßes traumatisiert. In Deutschland kämpfen unsere Klienten dann mit Einsamkeit und auch mit Rollenbildern der neuen Kultur.

Solche Themen belasten bestimmt auch die Psychologen.

Ja, sehr. Ein Bürgerkrieg ist in Deutschland nicht normal. Die tägliche Konfrontation mit den Schicksalen kratzt am Urvertrauen, dass die Welt grundsätzlich gut ist. Es ist schwer auszuhalten, wenn eine afghanische Frau sagt, sie habe nichts Schönes in ihrem Leben gesehen. Um uns zu stützen, sprechen wir im Team viel über die Arbeit, ich schreibe meine Gedanken dazu auch auf. Versuche, sie nicht mit nach Hause zu nehmen. Es hilft, eine Haltung nach außen zu tragen, sich etwa politisch zu engagieren und das Leid der Klienten öffentlich anzuerkennen.

Ist eine Heilung der Betroffenen überhaupt möglich?

In den wenigsten Fällen ist der Klient nach der Betreuung gesund. Aber wir können ihn stabilisieren, er kann lernen, mit der Belastung zu leben. Manchen hilft es auch, Menschen zu treffen, die ihre Erfahrungen teilen. Etwa wissen, wie es im Tschetschenienkrieg war. Da muss dann gar nicht viel gesprochen werden.

Gibt es auch Menschen, die sich von psychischen Krankheiten bessere Chancen für einen Aufenthaltstitel erhoffen?

Wir nutzen wissenschaftliche Diagnoseinstrumente, mit denen wir Befunde erstellen. Diese fließen häufig auch in Asylentscheidungen mit ein. Wenn jemand aber nur eine Depression hat, dann schreiben wir das auch so. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass geflüchtete Frauen teilweise gar nicht erzählen, dass sie vergewaltigt wurden. Einfach, weil das in ihrem Umfeld zur Normalität gehörte.

www. mosaik-leipzig.de

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