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Lokales Holocaust-Überlebende besucht das Erich-Zeigner-Haus Leipzig
Leipzig Lokales Holocaust-Überlebende besucht das Erich-Zeigner-Haus Leipzig
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20:00 19.03.2019
Henry Lewkowitz, Gloria Pfister und Raimund Grafe (von links) im Erich-Zeigner-Haus vor dem Porträt des früheren Leipziger Oberbürgermeisters. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

„Ausruhen können wir uns danach.“ So lautet die Devise von Henry Lewkowitz für die nächsten Monate. Das „Danach“ zielt auf die Zeit ab 2. September – den Tag nach der Landtagswahl in Sachsen. Vorher gilt es für den geschäftsführenden 2. Vorsitzenden des Erich-Zeigner-Hauses und das Team, Aufklärungsarbeit zu leisten. Der Verein, der die Stichworte „Zivilcourage, Gewaltfreiheit und Toleranz“ als Selbstverpflichtung führt, bietet ein volles Programm, das zwischen Erinnerungskultur und Blicken in die Zukunft wechselt.

Zwei Lesungen zur Buchmesse

Zunächst stehen Lesungen auf dem Plan: Zur Buchmesse präsentieren Eva-Maria Bast und Heike Thissen am 22. März das Buch „Leipziger Geheimnisse“, das die Leipziger Volkszeitung gemeinsam mit der Bast Medien GmbH herausgegeben hat. Verborgene oder wenig beachtete Relikten werden hier ans Licht der Aufmerksamkeit geholt, auch das Zeigner-Haus spielt eine wichtige Rolle darin. Am Abend darauf stellt Robert Langer seine Publikation „Die Wege der geraubten Bücher – Die Stadtbibliothek Bautzen und die Hertie-Sammlung“ vor; das Buch erzählt die Geschichte einer einst legendären Privatbibliothek, die enteignet, verwertet und verborgen wurde.

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Außergewöhnlicher Serien-Auftakt

Im dritten Jahr läuft die Vortragsreihe „Erinnerungspolitik hinter, vor und nach dem Eisernen Vorhang“ – diesmal mit einem außergewöhnlichen Auftakt: Am 5. April kommt Eva Umlauf, die als Kleinkind den Holocaust im Konzentrationslager Auschwitz überlebte. Sie berichtet von eigenen Erlebnissen und denen ihrer Familie und wie das Vernichtungslager noch immer ihr Leben beeinflusst. Wegen des zu erwartenden Andrangs ist das Zeitzeugengespräch ins benachbarte „Naumanns“ in den Felsenkeller verlegt worden. Bis zum Dezember sind sieben Veranstaltungen geplant. Unter anderem im Fokus steht das aktuelle Erstarken der Rechten in Bevölkerung und Regierungen vieler europäischer Staaten. „Wir möchten vor allem der Meinung entgegnen, man solle unter bestimmte Etappen unserer Geschichte endlich einen Schlussstrich zu ziehen“, so Lewkowitz.

Vermeintliche Wahrheiten

Ebenfalls im April beginnt die Reihe „Sinti und Roma – Lebenswirklichkeiten in Geschichte, Gesellschaft und Politik“. Konzept und Organisation liegen in den Händen von Gloria Pfister. Die 18-Jährige, die gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr im Verein absolviert, möchte auf die vielfach diskriminierende und rassistische Sicht gegen die Minderheit aufmerksam machen und „an Stelle von vermeintlichen Wahrheiten tatsächliche Informationen setzen“. Die erste Veranstaltung steht am 10. April an. Gjulner Sejdi vom Leipziger Verein Romano Sumnal und Jana Müller (Alternatives Jugendzentrum Dessau) sprechen über den Weg von der Entrechtung bis zum Völkermord an Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Nach wie vor laufen die Stolperstein-Projekte sowie „Stille Helden“. Pfister wird außerdem die Schüler des Reclam-Gymnasiums begleiten, die ein noch wenig beachtetes Kapitel aufschlagen: die Verfolgung Homosexueller in Leipzig in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Schüler nehmen ein Forschungsprojekt des Referates für Gleichstellung wieder auf. Darin geht es um Werner Kähler, der 1940 wegen „Unzucht zwischen Männern“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und 1941 in das KZ Buchenwald überführt wurde.

Stadtführungen für Migranten geplant

Ein neues Vorhaben steht ab Mitte Juni auf der Agenda: Stadtführungen für Neu-Leipziger auf Arabisch, Farsi und Deutsch – durch die Innenstadt und ausgewählte Orte deutscher und Leipziger Geschichte. Übersetzerin und Projektleiter sind bereits gefunden, am 13. April testet eine Gruppe das Konzept. „Wir wollen eine historische Stadtführung anbieten, die speziell auf die Wissensbedürfnisse von Migranten zugeschnitten ist und ihnen damit größeres Verständnis und Vertrautheit mit ihrem neuen Lebensort ermöglichen“, erläutert der Vereinsvorsitzende Raimund Grafe.

Zum ersten Mal beteiligt sich das Zeigner-Haus an der Jüdischen Woche. Nachmittags erfahren Schüler in Workshops etwas über von den Nazis „Verfemte Musik“, abends tritt das Walter-Bosch-Duo im Veranstaltungsraum in der Zschocherschen Straße auf. Dort sind für November auch Veranstaltungen zu den Pogromnächten geplant. So richtig zurücklehnen wird sich nach der Landtagswahl also niemand im Zeigner-Haus.

www.erich-zeigner-haus.de

Von Mark Daniel