Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales „Ich weiß heute, worum es im Leben geht“: Ex-Häftling heiratet Theologin aus Leipzig
Leipzig Lokales „Ich weiß heute, worum es im Leben geht“: Ex-Häftling heiratet Theologin aus Leipzig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
17:46 23.12.2019
Irene und Maik Löwen mit Söhnchen Johannes im Blauen Café, dem Treff des Vereins „Blaues Kreuz“, Georg-Schumann-Straße 198. Quelle: André Kempner
Anzeige
Leipzig

Sie hört ihm still zu, und aus ihm sprudelt es nur so heraus. Maik hat bei der Heirat den Namen seiner Frau – Löwen – angenommen, „um mit meiner Vergangenheit abzuschließen“, wie der 29-Jährige sagt. Irene, die Seelsorgerin und Theologin, kennt seine Vergangenheit. Sehr gut sogar. Die 34-Jährige traf den jungen Mann aus dem Erzgebirge zum ersten Mal im Gefängnis. Als er in der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen saß, war sie dort für die christliche Suchtkrankenhilfe, den Verein „Blaues Kreuz“, ehrenamtlich tätig und begleitete auch ihn.

„Ich spürte Wärme im Kalten“

Bereits als 13-Jähriger war Maik in die Drogenszene abgerutscht. Wie auch sein großer Bruder. Cannabis, Crystal und Alkohol wurden seine ständigen Begleiter. Dann der Schock: Ein Jahr und sieben Monate Haft wegen Beschaffungskriminalität. „Für mich brach eine Welt zusammen. Als ich wieder zu mir kam, wurde mir klar, dass das nicht so weitergehen kann. Mit 15 erkrankte ich an Epilepsie.“

Außer Irene lernte er während der Haftzeit auch Katrin Benedix und Dieter Kappler, den Vorsitzenden des „Blauen Kreuzes“, kennen. „Menschen, die sich Zeit für mich nahmen. Ich spürte Wärme im Kalten“, ist Maik noch heute dankbar, und er fügt hinzu: „Dort, im Gefängnis, habe ich mich auch für Jesus Christus entschieden.“

Vereinsvorsitzender Dieter Kappler. Quelle: André Kempner

„Es ging wieder bergab“

Ab 2013 folgten etliche Therapien, um von der Sucht loszukommen, aber auch wieder Rückfälle. 2015 ging Maik nach Berlin, war auch kurze Zeit obdachlos. „Es ging wieder bergab.“ 2016 dann eine erneute Therapie in der Einrichtung „Tannenhof“. Zu dieser Zeit habe er wieder Kontakt zu Irene aufgenommen. Und für sie zu schwärmen begonnen. Sie jedoch machte ihm klar: „Das wird nichts.“ Drei Ausbildungen hatte er in jenen Jahren angefangen: als Koch, Garten- und Landschaftsbauer sowie als Fachkraft für Lagerlogistik. Und alle wieder abgebrochen.

„2017 habe ich mich dann einfach nach Leipzig zu Irene eingeladen“, sagt er – und strahlt. Beim Schreiben hätten sie sich wohl ineinander verliebt. Kurze Zeit später bezog er eine kleine Wohnung im selben Block wie die junge Frau in Grünau. Und schon Anfang 2018 folgten standesamtliche und kirchliche Hochzeit. Mitte des Jahres kam Sohn Johannes auf die Welt. „Ich weiß heute, worum es im Leben geht“, meint der 29-Jährige und hält seine Frau und sein Kind beim Fototermin ganz fest umschlungen.

Was macht das Blaue Kreuz?

Seit 1893 helfen Christen in Leipzig suchtkranken Menschen. Die ersten Mitarbeiter gründeten den Verein „Blaues Kreuz“ und gaben neben der medizinischen Hilfe auch seelsorgerische Begleitung. 1993 wurde der Blau-Kreuz-Verein in Leipzig neu gegründet. 2000 öffnete als zentraler Punkt der Arbeit die Begegnungsstätte „Blaues Café“. Es ist in diesem Jahr umgezogen und befindet sich nun in der Georg-Schumann-Straße 198. Am 27., 28., 29. und 30. Dezember bietet es jeweils 11 bis 14 Uhr ein kostenloses Mittagessen an; ansonsten hat es montags bis donnerstags 9 bis 15 Uhr, freitags 9 bis 14 Uhr geöffnet. Das Blaue Kreuz bietet zudem Bibelstunden, Selbsthilfegruppen, Besinnungsfahrten, Seelsorge und Beratung an. Internet: www.blaues-kreuz.de/leipzig; Telefon: 0341 5610855, Notfalltelefon: 0179 1251803

„Er ist wirklich ehrlich“

Irene wie Maik sind als Christen in einer Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde, der Brüdergemeinde, zu Hause. Seit 2016 ist die Theologin nun auch beim Verein „Blaues Kreuz“ als Suchtberaterin und Seelsorgerin angestellt. „Ich habe viele Gespräche mit Suchtkranken geführt, Therapien vermittelt, auch Hausbesuche gemacht.“ Und hat sie Angst, dass ihr Ehemann rückfällig werden könnte? „Nein. Er spricht Themen, die ihn bewegen, immer an. Das finde ich gut. Ich weiß, dass er wirklich ehrlich ist. Und ich weiß auch, dass er nicht losziehen würde. Er würde vorher darüber reden, das macht es einfacher.“ Was er bejaht.

Inzwischen absolviert der 29-Jährige bei der Arbeiterwohlfahrt eine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer, die bis Juli 2020 läuft. Zudem treibt er viel Sport, macht gerade seinen Trainerschein für Protactics – moderne Selbstverteidigung und Kickboxen. Heute ist Maik auch selbst ehrenamtlich fürs „Blaue Kreuz“ unterwegs – und zwar dort, wo er selbst mal hinter Gittern war: in der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen. „Ich finde es schön, suchtkranken Insassen weitergeben zu können, dass es auch einen anderen Weg gibt. Und wenn sich zwei von 100 angesprochen fühlen, ist das wunderbar.“

Im Blauen Café, der Begegnungsstätte des „Blauen Kreuzes“ in der Georg-Schumann-Straße 198 in Leipzig. Quelle: André Kempner

„Suche nach Ehrenamtlichen“

Vereinsvorsitzender Dieter Kappler (69) hat große Achtung davor, dass Maik „so durchzieht, einen solchen Start hinlegt“. Der Verein mit derzeit 60 Mitgliedern versteht sich als Wegbegleiter in ein suchtmittelfreies Leben. Nach Anmietung von Räumen der Sophienkirchgemeinde hat er in der Georg-Schumann-Straße 198 seinen Sitz. „Wir suchen immer Leute, die ehrenamtlich mitarbeiten“, sagt Katrin Benedix vom Vorstand.

Informationen zum Spenden

Spenden nimmt der Verein „Blaues Kreuz“ unter folgender Bankverbindung entgegen:

Evangelische Bank

IBAN: DE 82 5206 0410  0008 0068 49

BIC: GENODEF1EK1

Von Sabine Kreuz

Das Leipziger Café Telegraph ist am Donnerstag überraschend geschlossen worden. Hintergrund der Räumung durch einen Gerichtsvollzieher sind offenbar Zahlungsrückstände. Betreiber Igor Mozak versucht, das Lokal zu retten, der Jazzclub als Untermieter für den Konzertkeller erwägt rechtliche Schritte gegen ihn.

23.12.2019

Mit einem neuen Ambulanzzentrum im städtischen Krankenhaus St. Georg beginnt demnächst in Leipzig ein wahrer Baumarathon. Bis zum Jahr 2027 soll der bislang über ein weitläufiges Parkgelände verstreute Klinikbetrieb in miteinander verbundenen Neubauten untergebracht sein. Hier die Details.

23.12.2019

Heiligabend und Weihnachten in Leipzig: Hier ist der große Überblick zu Krippenspielen und Gottesdiensten in den Kirchen der Stadt

23.12.2019