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Lokales Steinmeier fordert „Runde Tische statt Dauerempörung und Hasstiraden“
Leipzig Lokales Steinmeier fordert „Runde Tische statt Dauerempörung und Hasstiraden“
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14:06 10.10.2019
Burkhard Jung (SPD, v.r.), Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, seine Ehefrau Ayleena Jung, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender, Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen und seine Lebensgefährtin Annett Hofmann nehmen im Gewandhaus Leipzig am Festakt zu 30 Jahren Friedliche Revolution teil. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/
Leipzig

Was für ein musikalischer Auftakt mit Symbolkraft. Andris Nelsons dirigiert sein Gewandhausorchester und Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ stimmt im fast vollen Konzertsaal zart perlend auf den großen Festakt ein. Musik eines Leipziger Ehrenbürgers mit einem Leipziger Weltklasseorchester für die Leipziger, die vielen Bürgerrechtler von damals, ihre Gäste und den großen historischen Tag der Stadt. Um Träume wie bei Mendelssohn ging es auch vor 30 Jahren, als mutige DDR-Oppositionelle ihre Angst überwanden und nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche mit 70.000 Demonstranten friedlich um den Ring zogen. Der 9. Oktober ging als  „Tag der Entscheidung“ im Kampf für Freiheit und Demokratie in die Geschichte ein - und ist immer ein Grund, ihn in der Stadt zu feiern. Erst recht, wenn es ein runder Geburtstag ist.

Bundespräsident spricht aus Anlass des 9. Oktober 1989

Kretschmer wiederholt: DDR war Unrechtsstaat

Selbst das Wetter meint es gut an diesem Tag mit Leipzig. Nach einem grauen Dienstag mit Regen, lächelt die Sonne am Mittwoch milde und das Gewandhaus strahlt von außen in schönsten herbstlichen Farben. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) würdigt als Gastgeber und erster Redner gleich am Anfang die Bürgerrechtler. „Ich bin diesen Mutigen, die `89 die Freiheit Stück für Stück erkämpft haben, dankbar.“ Der Festakt sei vor allem eine Verbeugung vor ihnen. Das Stadtoberhaupt zog aber auch Parallelen zwischen 1989 und der Gegenwart. Damals wie heute habe Leipzig eine große Anziehungskraft auf junge Menschen besessen. Und jetzt gehe es vor allem darum, die „große Polarisierung“ zwischen den urbanen Zentren und den abgeschiedenen Regionen in Sachsen zu überwinden.

Gute Vorlage für den sächsischen Ministerpräsidenten. Michael Kretschmer (CDU) machte dann mit einem bildhaften Vergleich klar, welche Rolle der 9. Oktober 1989 spielte. „Viele im Saal wären jetzt nicht hier, wenn es die mutigen Bürgerrechtler überall in der DDR nicht gegeben hätte.“ Und mit Seitenverweis auf die aktuell wieder entbrannte Diskussion um die historische Einordnung der DDR ließ der sächsische Regierungschef keinen Raum für Zweideutigkeit. „Ja, die DDR war ein Unrechtsstaat, man muss es auch so aussprechen.“ In seiner Rede würdigte Kretschmer die Leistungen, die nach 1989 in Sachsen vollbracht wurden. Umwelt, Bildung, Infrastruktur, alles habe sich verbessert.

„Ostdeutsche sind Gewinner der deutschen Einheit.“ Auch wenn es viele Enttäuschungen gegeben habe - siehe Treuhand-Verfehlungen. Aber, so Kretschmer, „wir haben allen Grund nach vorn zu gehen“. Er wünsche sich ein „fröhliches, der Zukunft zugewandtes Land“. 

Steinmeier fordert: „Solidarpakt der Wertschätzung“

Der Bogen zwischen Geschichte in Leipzig und der Zukunft des Landes - er zieht sich auch wie ein roter Faden durch die „Rede zur Demokratie“ von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, quasi dem Hauptakt im Gewandhaus. Steinmeier zitiert am Anfang den großen Leipziger Schriftsteller Erich Loest (1926-2013) aus seinem Roman, mit der er der „Nikolaikirche“ 1995 ein literarisches Denkmal setzte. Er sei beeindruckt von den Geschichten dieser Stadt“, sagt Steinmeier, „von der ungeheuren Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie, die sich in der friedlichen Revolution Bahn brach“. Und viele der Mutigen seien heute im Saal. Katrin Mahler Walther, Gesine Oltmanns, Uwe Schwabe, Ines-Maria Köllner, Tobias Hollitzer und Roland Jahn. „Wie schön, dass Sie heute hier sind.“ Damit verbeugt sich der  Bundespräsident live vor den Leipziger Bürgerrechtlern. „Wir schulden ihnen Dank aus Ost und West.“ Und Steinmeier vergisst auch die anderen, die  Vorreiter von Leipzig nicht. „Aus den wenigen wurden 1989 viele, zuerst geschah der Protest am 7. Oktober in Plauen“, wofür er ganz besonders viel Beifall bekommt.

Und dann geht der Bundespräsident auf die Gegenwart ein. Er zitiert den 89er Klassiker „Wir sind das Volk!“ und weist damit die Krakeeler von heute in die Schranken. „Kein einzelner und keine Gruppe dürfen jemals wieder für sich zu beanspruchen, allein für das selbsternannte wahre Volk zu sprechen.“ Steinmeier fordert einen neuen „Solidarpakt der Wertschätzung“. Vor allem zwischen Ost und West und den gesellschaftlichen Gruppen. „Es gibt in unserem Land  keine Bürger erster und zweiter Klasse.“ Und überhaupt, von der friedlichen Revolution 1989 lasse sich jede Menge lernen. „Runde Tische statt Dauerempörung und Hasstiraden“, fordert er zum Schluss und erntet viel Applaus.

Auf die perfiden Auswirkungen des DDR-Systems auf einzelne Menschen macht dann vor allem die Bürgerrechtlerin Frey Klier (69) aufmerksam. Ihr 11. Gebot - „Du sollst dich erinnern“ - untersetzt sie mit vielen Beispielen. Die 1988 aus der DDR ausgebürgerte Regisseurin und Autorin erzählt vom Vater des Liedermachers Stephan Krawczyk („Durch den Uran-Bergbau zu Tode gekommen.“) und von ihrem Bruder („Ein DDR-Opfer“). Aber so Klier, es habe trotz allem auch viel Menschlichkeit gegeben, die „guten Geschichten eben“. Zum Beispiel die von ihrer Dozentin Käthe Seelig an der Leipziger Theaterhochschule, Sie habe sich für sie stark gemacht, dass sie trotz Haft wegen eines Fluchtversuchs weiter in der DDR studieren durfte. 

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