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Lokales Iraker spricht über die Angst vor der Abschiebung
Leipzig Lokales Iraker spricht über die Angst vor der Abschiebung
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12:03 28.07.2019
Szene einer Abschiebung: Polizisten begleiten abgelehnte Asylbewerber auf dem Flughafen Leipzig-Halle zu ihrem Abflug. Quelle: Foto: dpa
Leipzig

Wie eine Abschiebung abläuft und was sie emotional auslöst, das kennt Yousif Haddad* bereits. Es war im Oktober 2017, als um 5 Uhr morgens Polizeibeamte in der Leipziger Unterkunft standen, um den jungen Iraker und seine Eltern abzuholen. „Eine Situation, in der eine Welt zusammenbricht, die sowieso schon wacklig war“, so beschreibt es der 21-Jährige. Eineinhalb Jahre später ist die Familie zurückgekehrt, in der vagen Hoffnung auf ein dauerhaftes Leben in Leipzig. Doch die nächste Abschiebung steht kurz bevor.

Über 23 000 Abschiebungen 2018

So wie den Haddads geht es Tausenden Geflüchteten in Deutschland. Laut Bundeszentrale für politische Bildung wurden im vergangenen Jahr 23 617 Menschen entweder in ihre Heimat oder – wegen der sogenannten Dublin-Verordnung – in andere EU-Länder gebracht. Sie stammen vor allem aus den Balkanstaaten, aber auch aus Afghanistan und eben dem Irak.

Morddrohungen im Irak

Eine Rückkehr in ihr Geburtsland käme laut Familie Haddad, die aus Angst vor Anfeindungen anonym bleiben möchte, einem Todesurteil gleich. Sie stammt aus Ankawa, dem christlichen Viertel der kurdischen Hauptstadt Erbil, und wurde jahrelang wegen ihres Glaubens verfolgt. Ihr Leben änderte sich vor 19 Jahren. Yousifs Vater Haias* betrieb einen Getränkeladen, in dem Alkohol verkauft wurde – eines Nachts jagten Angehörige des so genannten Islamischen Staates (IS) das Geschäft in die Luft, außerdem wurde der Friseursalon seiner Frau Samira* angezündet. Mehrfach bedrohte man den heute 52-Jährigen mit Waffen und der Ankündigung, ihn und seine Familie umzubringen. Acht Jahre lang versteckte sie sich daraufhin auf dem Grundstück eines Freundes, bis zu dessen krankheitsbedingtem Tod 2008.

Seit Jahren attackiert

Ab diesem Zeitpunkt, so Yousif Haddad, mussten sie mehrfach den Wohnort wechseln. Im Alter von zwölf Jahren wurde er erstmals von Islamisten angegriffen. Auf seinem Oberarm zeugen breite, verblasste Narben von Messerattacken. „Uns wurde mehrfach aufgelauert, wir haben in ständiger Angst gelebt“, sagt er. Als sein Vater, der als Busfahrer arbeitete, 2016 während einer Fahrt beschossen wurde, entschloss sich die Familie zur Flucht. Durch den Verkauf ihres Hauses und beider Autos gelangte sie über Umwege an ein auf der Dublin-Verordnung beruhendes Visum für Polen. Das eigentliche Ziel war Deutschland, „weil es als besonders sicheres Land gilt“, wie Haddad begründet.

Nach Ärztefehler im Rollstuhl

Dort kamen sie via Istanbul im Dezember 2016 an und wurden getrennt: Yousifs zwei Jahre älterer Bruder bekam eine Unterkunft in Lippstadt; dort arbeitet er inzwischen in einem Eiscafé. Für die Eltern und Yousif galt es dagegen, in Leipzig heimisch zu werden. Dass das nicht so einfach ist, liegt unter anderem an der Behinderung des jungen Mannes. Als Baby wurde er am Bein operiert, sitzt nach einem Ärztefehler im Rollstuhl und leidet unter wiederkehrenden Schmerzen. Einen Deutschkurs absolvierte er, doch wegen aktueller ärztlicher Behandlung ist ihm der regelmäßige Besuch in einer Schule nicht möglich, sagt er. Seine Eltern seien zeitlich blockiert, weil sie sich um ihn kümmern.

Rückkehr nach erster Abschiebung

2016 wurde die Duldung in Deutschland nicht verlängert. Familie Haddad wurde nach Polen abgeschoben. Wegen schlechter Lebensbedingungen kehrten sie zurück nach Istanbul und bekamen dort Kirchen-Asyl. „Auf Dauer war aber auch dort ein Bleiben nicht möglich, deshalb sind wir trotz der ungewissen Zukunft in Deutschland nach Leipzig zurückgekehrt.“

Fehlende Perspektive

Hier hat die Furcht vor einer zweiten Abschiebung die Angst aus der Heimat längst abgelöst. „Das Fehlen einer Perspektive bedrückt uns“, beschreibt es Yousif Haddad. Betreut wird die Familie von der Internationalen Gesellschaft Orientalischer Christen im oberbayerischen Hallbergmoos. „Leider ist das schwere Schicksal von Christen im Mittleren und Nahen Osten nicht allen behördlichen und politischen Entscheidungsträgern bekannt“, bedauert deren Vorsitzender Fuat Demir und betont: „Durch den fortlaufenden Genozid ist ein Leben für Christen dort unmöglich, auch für diese Familie.“

„Das Land ist nicht sicher“

Das bestätigt Eliyo Cetin. Der Rechtsanwalt, Mitglied einer Kanzlei im westfälischen Gütersloh, vertritt die Haddads im Asyl-Verfahren. „Zwischen der Einschätzung des Auswärtigen Amtes und der tatsächlichen Sicherheitslage im Irak klafft eine große Lücke“, sagt er, „der IS wurde in den letzten Jahren zurückgedrängt, dennoch bestehen viele Zellen der Terror-Organisation weiter. Das Land ist alles andere als sicher.“

Antrag wurde abgelehnt

Der aktuelle Stand bei Familie Haddad: Ende dieses Monats läuft die Duldung aus, ein Asylfolgeantrag wurde für die Eltern im Juni abgelehnt; dagegen hat Anwalt Cetin Klage erhoben. Auch Yousif Haddad bekam einen negativen Bescheid. Das Verfahren dazu wurde eingestellt, weil der junge Mann Ende Juni nicht zu einem Anhörungstermin erschien. „Ich hatte keine Information darüber“, begründet er. Sein juristischer Vertreter kennt solche Situationen. „Einige Betroffene bekommen die Info tatsächlich nicht immer zugestellt“, erklärt Eliyo Cetin, „andere wiederum unterschätzen die Bedeutung einer Anhörung, weil sie Ablauf und System der Anträge nicht verstehen.“ Nicht selten sind Geflüchtete laut Cetin durch Traumata blockiert oder können mit der europäischen Termin-Kultur nichts anfangen, weil das Einhalten fixierter Zeiten in ihrem Herkunftsland nicht relevant ist.

Vollstreckung droht jederzeit

Eliyo Cetin jedenfalls bereitet gerade eine Wiederaufnahme des Verfahrens für Yousif vor. Doch die Chancen stehen schlecht, denn die anwaltlichen Bemühungen haben keine aufschiebende Wirkung – jederzeit droht die neuerliche Vollstreckung der Ausreisepflicht. Yousif und seiner Familie ist das bewusst. Seine Bemühungen, via Internet Deutsch zu lernen, werden wohl vergeblich sein, sein Traum von einer Ausbildung in Deutschland im IT-Bereich kann mit dem nächsten Polizeibesuch platzen. Was dann passieren soll, weiß er nicht. „Für uns gibt es kein Zurück“, sagt er. „Es wäre eine Erlösung, wenn wir nach all den Jahren endlich unbeschwert leben könnten.“

Von Mark Daniel

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