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Lokales Irischer Präsident Higgins fordert im Leipziger Paulinum ein „grünes Europa“
Leipzig Lokales Irischer Präsident Higgins fordert im Leipziger Paulinum ein „grünes Europa“
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17:54 04.07.2019
„Johann Sebastian Bach würde es gefallen“: Ayleena und Burkhard Jung, Beate Schücking, Michael D. und Sabina Higgins, Michael Kretschmer und Lebensgefährtin Annett Hofmann im Paulinum. Quelle: André Kempner
Leipzig

Bevor Michael D. Higgins Richtung Leipzig aufgebrochen ist, habe er noch einmal die Ode „An die Freude“ gelesen, sagt er. Denn: „Welcher Ort würde sich besser eignen, um über Europas Zukunft zu sprechen, als Leipzig, wo Friedrich Schiller diesen wundervollen Text zum ersten Mal aufgeschrieben hat?“

Die Frage des irischen Präsidenten am Donnerstag an die Zuhörer im Paulinum ist freilich rhetorischer Natur. Universitätsrektorin Beate Schücking – sie hat tags zuvor mit Higgins bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Abend gegessen –, Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und die übrigen geladenen Gäste: Sie werden wohl kaum eine andere Stadt für diese Debatte vorschlagen. Schließlich hat Kretschmer dem Staatsgast bei der Begrüßung gerade noch erläutert: „Wir sind hier überzeugte Europäer.“

Konferenzdolmetscher bei der Arbeit: Elisa Rost und Martin Pfingstl studieren das Fach an der Uni Leipzig im vierten Semester. Quelle: André Kempner

„European by heart.“ Ein paar Meter weiter, in einem Kabuff am Audimax, sitzen Elisa Rost und Martin Pfingstl und haben wohl eine der schwersten Aufgaben der Veranstaltung: Sie übersetzen simultan. Die zwei 27-Jährigen studieren an der Uni Leipzig im vierten Semester das Fach „Konferenzdolmetschen“. Von der Idee, Studenten den Job zu überlassen, sei Higgins im Vorfeld begeistert gewesen. Kein Wunder: Neben seiner politischen Karriere in der irischen Arbeiterpartei hat der 78-Jährige selbst eine beachtliche akademische Laufbahn hinter sich.

Das Manuskript des Präsidenten stand den beiden bereits am Vortag zur Verfügung. „Nicht die Wörter sind das Problem“, sagt Elisa Rost, die zuerst dran ist. „Sondern seine politischen Konzepte so zusammenzufassen, dass der Sinn nicht verloren geht.“ Sie haben durchaus Feuer, die Ideen des Präsidenten, die er eine Stunde lang ausbreitet – und die in der Forderung nach einem „grünen Europa“ gipfeln werden; nach einem Kontinent, der sich nicht mehr über „Kohle und Stahl“ definiert, sondern „die feine ökologische Balance des Planeten“ beschützt.

Zunächst muss die Übersetzerin allerdings passen: Higgins beginnt seinen Vortrag auf Gälisch. Das ergibt Sinn: Immerhin reicht die Tradition der Erforschung von keltischer Sprache und Kultur in Leipzig bis ins 19. Jahrhundert zurück. „Auch sorbische Studien nehmen Sie hier sehr ernst“, lobt er – und wo er schon mal dabei ist zu schmeicheln: Das Paulinum, in dem „Altes und Modernes, Religion und Säkularismus so harmonisch zusammenkommen“, würde auch Johann Sebastian Bach gefallen, mutmaßt er. Als Wissenschaftler habe er Leipzig schon zwei Mal bereist. „Aber es ist der erste offizielle Besuch eines irischen Präsidenten überhaupt in Ostdeutschland, abgesehen von Berlin.“

Ideen – in Europa so wichtig wie der Handel

Damit biegt Higgins in die Kurve, die zum politischen Teil seiner Vorlesung führt. „Die Aufgabe, Europa zu erneuern und zukunftsfest zu machen“, sagt er, „kann nicht gelingen, wenn man sich nur in den Hauptstädten trifft.“ Vielmehr müssten die Europäer überall stärker miteinander ins Gespräch kommen, um sich wieder der Gemeinsamkeiten bewusst zu werden. Keine „individualisierte, private, oft flüchtige und triviale Kommunikation“ meine er, stellt Higgins klar. Er bleibe ein Anhänger „öffentlich-rechtlichen Rundfunks, pluralistischer Presse, öffentlicher Rede“ – denn in dem Europa, das ihm vorschwebe, seien die Ideen so wichtig wie der Handel.

Migration habe Europa schon immer geformt, betont er. „Sie ist eine Basis unseres Wohlstands.“ Doch mit diesem Wohlstand sei wiederum auch das drängendste Zukunftsproblem verknüpft: der Klimawandel, so Higgins. Nebenan übernimmt Übersetzer Martin Pfingstl Kopfhörer und Mikrofon, während der Präsident rasch auf 250 Jahre europäische Geschichte blickt: auf die Industrielle Revolution und deren Treibstoff – die Kohle. „Wir müssen unsere Wirtschaft in Europa bis 2050 vollständig von Kohle unabhängig machen“, fordert er. Gleichzeitig müsse man aber verhindern, die „objektiven und subjektiven Verlierer der Globalisierung, der Digitalisierung, des Trends zu unverbindlichen Arbeitsverhältnissen und des Klimawandels“ weiter an populistische Parolen zu verlieren.

Lauter, langanhaltender Applaus

Soziale Fragen dürften nicht als nationale Probleme hingestellt werden, zitiert Higgins den Philosophen Jürgen Habermas. Staatliche Institutionen und die supranationalen Zusammenschlüsse dürften nicht geschwächt, sondern müssten gestärkt werden, um „steigender Ungleichheit, stagnierenden Löhnen und wirtschaftlicher Unsicherheit“ zu begegnen. „Die Dienste des öffentlichen Sektors sind keine Kostenfaktoren der Gesellschaft. Sie sind eine Investition in unsere Gemeinschaften“, sagt Higgins. „Die größte Bedrohung der Demokratie sind die globalen Spekulationsströme eines unersättlichen Kapitals.“

Die „hasserfüllten Zankereien überall in Europa“ durch „Offenheit, Inklusivität, Zusammenhalt und Solidarität“ zu ersetzen, sei das Ziel, schließt Higgings seine Rede. „So wie Schiller es bereits in seiner Ode an die Freude aufgeschrieben hat.“ Lauter, langanhaltender Applaus im Paulinum. „Eine wundervolle, inspirierende Rede“, bedankt sich Uni-Rektorin Schücking. Ob der Vortrag dazu beiträgt, „das Verhältnis zwischen Irland und Sachsen sowie den anderen ostdeutschen Bundesländern zu vertiefen“, wie Higgins hofft, wird nicht zuletzt vom Ergebnis der drei bevorstehenden Landtagswahlen abhängen.

Er habe es ihnen doch hoffentlich nicht zu schwer gemacht – es sind die beiden Übersetzer, Elisa Rost und Martin Pfingstl, zu denen Higgins das sagt. Aber die winken ab und posieren lieber für ein gemeinsames Foto. Für sie ist der Arbeitstag damit zu Ende, für den Präsidenten noch nicht. Bald setzt sich die Karawane Richtung Nikolaikirche in Bewegung. 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution legt Higgins an der Nikolaisäule Blumen nieder. Im Anschluss verewigt er sich im Neuen Rathaus noch im Gästebuch des Freistaats Sachsen und im Goldenen Buch Leipzigs. Bis zum nächsten Mal.

Von Mathias Wöbking

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