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Lokales „Jeder sollte zu seinem Chef Nein sagen können“
Leipzig Lokales „Jeder sollte zu seinem Chef Nein sagen können“
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07:40 09.04.2019
Volkmar Kreiß (links) und Falk Buchheim stehen für die Initiative „Leipziger für Grundeinkommen“. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Beim Ringen um Leipzigs Stadtratsmandate ist ein neuer Akteur aufgetaucht: Der bislang weitgehend unbekannten Initiative „Leipziger für Grundeinkommen“ ist es geglückt, in den Wahlkreisen 4, 5 und 7 Kandidaten aufzustellen. Wenn ihnen am 26. Mai der Einzug in die neue Ratsversammlung gelingt, wollen sie Leipzigern helfen, künftig leichter Nein zu einem Job zu sagen.

„Wir treffen uns seit 2009 jeden letzten Donnerstag des Monats um 19.30 Uhr im Haus der Demokratie“, erzählt Volkmar Kreiß, der für die Initiative im Wahlkreis 4 den Sprung auf die Kandidatenlisten geschafft hat. Die Mailingliste der Initiative umfasse inzwischen mehr als 100 Adressen, aber in der Regel kämen nur etwa zehn Leipziger zu den Treffen – oft auch neue Gäste. „Wir bekommen null Förderung“, betont der 47-Jährige. „Wir sind kein eingetragener Verein, weil wir das gar nicht leisten können und wollen“, sagt er.

Kreiß hat seine Festanstellung schon vor 14 Jahren an den Nagel gehängt und arbeitet jetzt als freier Cutter und Assistent für Film- und Fernsehstudios. „Die Festanstellung hat einfach nicht mehr gepasst, ich habe nicht genug auf mich geachtet, das hat mich krank gemacht“, erzählt er. „Es ging nicht mehr. Als Freier kann ich jetzt eigene Projekte umsetzen und dafür mal einen Fremdauftrag ablehnen.“

Dieses Erlebnis hat ihn geprägt. Er sei jetzt gesünder und ausgeruhter, so der Vater von zwei kleinen Kindern. „Sobald man sich etwas zurücknimmt, lebt man auch ökologischer“, hat er festgestellt. „Jeder Mensch sollte zu seinem Chef Nein sagen können.“ Jeder müsse Sätze wie „Nein, das kann ich nicht vertreten“ sagen können. „Es muss möglich sein zu sagen: „Chef, stell mir hier bitte einen ordentlichen Stuhl hin oder ich gehe.“ Auch Kreiß weiß, dass dies viele Leipziger nicht tun, weil sie Angst haben, ihren Lebensunterhalt zu verlieren. Dass diese Ängste real sind, streitet der Familienvater nicht ab. „Wer von sich aus kündigt, bekommt heute keine Unterstützung“, weiß er. Deshalb würden sich viele im Hamsterrad drehen, bis sie unzufrieden sind und krank werden. „Dabei hat jeder Mensch seine Existenzberechtigung. Und zwar bedingungslos“, so Kreiß.

Damit das Ausbrechen aus krankmachender Arbeit möglich wird, ist der Facharbeiter für Betriebs-, Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik (BMSR) heute für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens von rund 1200 Euro monatlich. Auf diese Summe sollte jeder Bundesbürger Anspruch haben – nicht nur die sozial Bedürftigen, findet er. „Jeder sonstige Verdienst kommt hinzu“, umreißt Kreiß das Konzept der Initiative. So würden Geringverdiener am meisten vom Grundeinkommen profitieren.

Dies bedeute auch mehr Chancengleichheit für Kinder, betont sein Mitstreiter Falk Buchheim, der im Wahlkreis 5 kandidiert. „In vielen Familien gehen beide Eltern arbeiten und das Geld reicht trotzdem nicht, einen Computer fürs Gymnasium anzuschaffen“, so der Elektromechaniker. Mit dem Grundeinkommen werde dies möglich. Zusätzlich müsse es auch weiter Sozialhilfe und andere „Hilfen für Mehrbedarf“ geben. „Ein Grundeinkommen darf keine Stillhalteprämie sein“, begründet Kreiß diese Forderung. Denn ein Grundeinkommen, das nur das Leben erhält, reiche nicht aus, um bei einem Arbeitgeber Nein sagen zu können.

Dass mit diesem Grundeinkommen der Arbeitsmarkt kollabieren würde – weil schon jetzt Fachkräftemangel herrscht – glaubt der 47-jährige Buchheim nicht. „Im Gegenteil: Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird alles kollabieren“, prophezeit er. „Mit dem Grundeinkommen würde sich in der Wirtschaft vieles gravierend ändern. Zum Guten der Menschen, zum Guten der Wirtschaft und zum Guten der Umwelt.“

Und was ist mit den vielen Menschen, die zu Alkohol und Drogen greifen, weil ihnen mit der Arbeit der Lebenssinn verloren ging? „Die allermeisten von ihnen sind krank geworden, weil die Arbeit sie krank gemacht hat“, entgegnet Buchheim. „Viele werden gesund, wenn sie sich nicht mehr verbiegen müssen.“ Und natürlich könne jeder mit dem Einkommen sein Grundbedürfnis nach Tätigsein weiter befriedigen – auch für unentgeltliche gesellschaftliche Arbeit.

Aber wo soll so viel Geld herkommen, damit jeder – vom Kind bis zur Bahre – ein steuerfreies Grundeinkommen von 1200 Euro beziehen kann? „Die Wirtschaft kann das leisten“, ist Buchheim überzeugt. Dort fließe viel zu viel Geld „an Zocker-Banken und Finanzinvestoren“ ab. „Bei 90 bis 95 Prozent der Gesellschaft kommt kaum noch etwas an“, kritisiert er. „Die kleine Schicht der wirklich Reichen würde es gar nicht merken, wenn für ein Grundeinkommen etwas von ihrem Geld abgezweigt wird.“ Der größte Teil würde profitieren. „Ein Problem hätten nur die Machtmenschen, die andere gängeln.“

Die Initiative weiß auch, dass Leipzigs Stadtrat niemals über ein Grundeinkommen abstimmen wird. „Er kann aber dafür sorgen, dass der öffentliche Nahverkehr kostenlos genutzt werden darf, die Wohnkosten endlich wieder sinken und die knappen Freiräume in der Stadt nicht weiter kommerzialisiert werden“, sagt Kreiß. „Das würde den finanziellen Druck auf viele Familien lindern.“ Denkbar sind für ihn auch lokale Projekte wie die Ausgabe einer städtischen Währung, mit der wichtige Grundbedürfnisse finanziert werden können. „Wir wollen im Stadtrat diese Ideen verbreiten und alle unterstützen, die sich etwas Ähnliches auf die Fahne schreiben.“

Von Andreas Tappert

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