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Lokales Auf Katastrophen vorbereitet: Hunderte Retter üben am Störmthaler See
Leipzig Lokales Auf Katastrophen vorbereitet: Hunderte Retter üben am Störmthaler See
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19:20 22.09.2018
Katastrophenschutzübung des ASB am Störmthaler See: Ein Ausflugsdampfer mit etwa 100 Passagieren ist in Not geraten, es gibt zahlreiche Verletzte. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Am Störmthaler See bei Leipzig hat am Sonnabend die größte Katastrophenschutzübung in der 130-jährigen Geschichte des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) stattgefunden. Rund 500 Einsatzkräfte aus dem gesamten Bundesgebiet waren daran beteiligt. Unterstützung erhielten sie vom Technischen Hilfswerk und den Johannitern. Auch Polizei, Feuerwehr und Bundeswehr waren bei der Übung an der Magdeborner Halbinsel einbezogen.

„Die Aufgabe besteht darin, Verletzte vom Ausflugsschiff Wachau zu bergen“, erklärte Michael Schnatz vom ASB-Referat Bevölkerungsschutz. Er hatte das Szenario entwickelt, laut dem das Schiff mit über 60 Passagieren an Bord bei einem Sturm von einer Windböe getroffen und manövrierunfähig wird. Im Inneren des Schiffs folgte eine Explosion, die auch Passagiere über Bord schleuderte. „Etwa 25 zum Teil Schwerverletzte müssen von der Wachau geborgen werden. Zudem konnten sich etwa 40 Personen durch einen Sprung ins Wasser ans Ufer retten. Sie liegen dort völlig erschöpft oder werden teilweise noch vermisst“, beschrieb Schnatz die Lage kurz nach 9 Uhr.

Notfall am Störmthaler See: Rund 500 Rettungskräfte simulierten bei einer Übung des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) eine Katastrophe auf einem Ausflugsschiff. Zahlreiche Verletzte mussten geborgen werden.

Netzwerken in kleiner Zeltstadt

Zu dem Zeitpunkt waren die ganz überwiegend ehrenamtlichen Retter, Darsteller der Verletzten, Techniker, Notärzte oder Organisatoren meist schon drei Stunden auf den Beinen. „Wir haben in Zelten hier vor Ort übernachtet“, erzählte Christian Grünberg, Leiter des Sanitätsdienstes vom ASB-Regionalverband Ostthüringen in Gera. „Es war kalt und die Liegen nicht sonderlich bequem“, lachte der 29-jährige Hüne. „Aber das Netzwerken mit den Kollegen aus anderen Bundesländern, die Gespräche und neuen Kontakte bei so einem Treffen sind wirklich toll, unbezahlbar.“

Rettungswesen ist Ländersache

Das Rettungswesen in Deutschland ist Ländersache, funktioniert deshalb überall etwas anders. Das sah man schon an den unterschiedlichen Einsatzanzügen sowie 90 Fahrzeugen, als die Bergung der Verletzten begann. Mit vier Rettungsboten steuerten die Helfer auf die havarierte Wachau zu,

Auch ein verletzter Rollstuhlfahrer wurde bei der Übung von dem Ausflugsschiff geborgen. Quelle: Jens Rometsch

hinzu kamen zwei Begleitboote der Wasserschutzpolizei. „Eile ist nicht nur wegen des Übungszwecks geboten, sondern auch, weil wir die Wachau nur für eine Stunde nutzen können“, sagte Einsatzleiter Albrecht Scheuermann vom sächsischen ASB. „Danach geht sie gleich wieder als Fahrgastschiff auf Tour.“ Sogar eine Wasserschutzpolizei-Abordnung aus der Tschechischen Republik beobachtete das Geschehen. „Übungen mit Schiffen sind noch recht selten. Bei der Wachau kommt hinzu, dass heute alle Passagiere durch nur eine Bugklappe in die Rettungsboote transportiert werden müssen – auch ein Rollstuhlfahrer sowie Touristen, die kein Deutsch sprechen.“

Einsatz von Drohnen und Wärmebildkameras

Das alles erfuhren die Einsatzkräfte nicht vorab, sondern erst während des Geschehens. Mit Flugdrohnen, die über Video- und Wärmebildkameras verfügen, wurde die Lage an Bord und am Ufer immer genauer erfasst. Suchtrupps und zwei Hundestaffeln (aus Riesa und Hessen) durchkämmten schon das Ufer, während die ersten Boote die Wachau erreichten. Dort lagen zum Beispiel Lena (15) und Josephine (14) von den Jungen Johannitern Leipzig regungslos auf den Planken. „Das Schminken dauert je nach Verletzung fünf bis 15 Minuten“, erzählten die Schülerinnen nach ihrer Rückkehr an Land. Mit einer Schädelfraktur sowie einem Handbruch plus inneren Blutungen gehörten beide zur Kategorie Rot, also den am schwersten Verletzten, die zuerst an Land gebracht werden mussten. Immer wieder stachen die Boote in See, um auch die Darsteller der Kategorien Gelb (keine Lebensgefahr) und Grün (kann selbst Laufen) in Sicherheit zu bringen. Übrigens wurde die zum Unfallbild gehörende „Explosion“ nicht auf der Wachau inszeniert, sondern durch eine Rauchsäule auf einem anderen Schiff vom Technischen Hilfswerk (THW) dargestellt.

Erste bundesweite Übung des ASB

Triage nennen die Profis dieses Sichten und Einteilen der Patienten nach Verletzungsgrad, dem sich am Ufer meist noch ein genauerer Befund sowie natürlich die Erstversorgung anschloss. Das Üben der Triage unter möglichst authentischen Bedingungen gehörte zu den wichtigsten Elementen der

ASB-Präsident Franz Müntefering mischte sich unter die 500 Rettungskräfte auf der Magdeborner Halbinsel. Quelle: Jens Rometsch

Großaktion, berichtete der Szenario-Entwickler Schnatz. „Es ist unsere erste bundesweite Übung. In Zukunft soll sie regelmäßig alle zwei Jahre stattfinden.“ Nicht nur bei Flutkatastrophen komme es immer häufiger zu großen Einsatzlagen, die Rettungskräfte aus vielen Bundesländern erforderten. Das Zusammenspiel der ASB-Landesverbände solle deshalb ebenfalls trainiert und mögliche Probleme rechtzeitig erkannt werden. „Manche Regionen verstehen unter dem Begriff Schnelleinsatzgruppe drei Personen, andere aber 20“, nannte Einsatzleiter Scheuermann ein Beispiel. Bei der Flutkatastrophe 2003 in Sachsen habe es unnötige Behinderungen gegeben, weil die Bundeswehr damals noch andere Funkfrequenzen nutzte als die zivilen Rettungseinheiten.

Kliniken müssen auch Störer abwehren

Immer wieder brachten Rettungswagen die Verletzten zum Leipziger Helios-Parkkrankenhaus – in diesem Fall stets ohne Blaulicht. „Ich bin echt stolz darauf, dass unser Team mit so viel Einsatz dabei ist“, erzählte Sanitätsdienst-Leiter Grünberg während der zwölf Minuten dauernden Fahrt. „Allein aus Gera sind wir heute 30 Ehrenamtliche. Die beiden jüngsten Mädchen sind gerade erst 16 geworden, der Älteste ist 65 und will trotz seiner verdienten Rente weiter was Sinnvolles tun – anderen helfen.“ Auch das Park-Klinikum freue sich, an der Katastrophenschutzübung teilnehmen zu können, betonte der Ärztliche Direktor und Krankenhaus-Einsatzleiter Dr. Ulrich Halm. „Im Mittelpunkt steht heute die Triage. Wir überprüfen dabei unsere internen Checklisten, um noch besser zu werden, üben aber zum Beispiel auch wie man mit Störern umgehen kann.“ Leider sei nirgendwo mehr ausgeschlossen, dass private Handyfilmer oder aggressive Kamerateams bei einem echten Katastrophenfall auch vor Krankenhäusern auftauchen könnten und die lebensrettende Arbeit behinderten.

Ministerpräsident lobt Arbeit der Rettungskräfte

„Die Helferinnen und Helfer brauchen die Anerkennung und Würdigung von uns allen“, betonte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Er hatte die Schirmherrschaft über die Großübung im Leipziger Neuseenland übernommen. Sachsen habe sich mit dafür eingesetzt, dass die Behinderung von Rettungskräften bei ihrer Arbeit unter erhöhte Strafen gestellt wird. „Aber eigentlich muss es selbstverständlich sein, Respekt vor ihrer Arbeit zu haben.“

Müntefering auf der Magdeborner Halbinsel

Dies unterstrich auch ASB-Präsident Franz Müntefering (SPD) auf der Magdeborner Halbinsel. „Ich finde es ganz toll, dass hier 500 Menschen ihre Freizeit hergeben, um für einen immer möglichen Katastrophenfall vorbereitet zu sein. Es ist auch wichtig für alle anderen Menschen im Land, zu wissen, dass sich da jemand kümmert. Dass wir nicht hilflos sind.“ Ein Kernelement der ASB-Gründung vor 130 Jahren sei gewesen, dass sich die Arbeiter besser vor Unfällen in Bergwerken oder Fabriken schützen wollten. „Später kam die Straßenrettung dazu. Heute haben wir 1,3 Millionen ehrenamtliche und 40 000 hauptamtliche Helfer, die sich für die Sicherheit im Land und die Pflege auch von alten oder kranken Bürgern einsetzen.“

Fingierter Unfall auf der Zufahrtstraße

Leipzigs ASB-Chefin Marion Zimmermann lobte die Zusammenarbeit mit den hiesigen Behörden und der Gemeinde Großpösna. „Alles hat sehr gut geklappt“, sagte sie am Nachmittag – bevor es am Abend noch eine

Viel Betrieb herrschte in der Notfall-Aufnahme des Helios-Parkklinikums Leipzig. Quelle: Jens Rometsch

Dankeschön-Party für alle Retter in der kleinen Zeltstadt am Störmthaler See gab. Einsatzleiter Scheuermann zog ebenfalls ein durch und durch positives Fazit: „Wenn man bedenkt, dass diese Übung für alle Beteiligten komplettes Neuland war, waren die Zeiten und Abläufe schon sehr ordentlich.“ Selbst völlig überraschende Einlagen – wie ein fingierter Verkehrsunfall mit einem Gabelstapler auf der Zufahrtsstraße oder dass nach Abschluss aller Aktionen plötzlich noch mal zwei Personen als „vermisst“ gemeldet und besonders gut versteckt wurden – hätten die Einsätzkräfte hervorragend gemeistert.

Von Jens Rometsch

Die Freiwilligen-Agentur Leipzig ist der Ansprechpartner schlechthin, wenn es um das Ehrenamt geht. Wer sich freiwillig engagieren möchte oder als gemeinnützige Einrichtung Unterstützung sucht, ist bei Birgit Höppner-Böhme und ihrem Team an der richtigen Adresse.

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