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Lokales Klimawandel: „Die Natur wird überleben. Die Frage ist, ob wir Menschen noch vorkommen“
Leipzig Lokales Klimawandel: „Die Natur wird überleben. Die Frage ist, ob wir Menschen noch vorkommen“
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12:55 06.10.2019
Josef Settele, 58, Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und im Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig. Quelle: Mathias Wöbking
Leipzig/Halle

So langsam kehrt etwas Ruhe ein. Josef Settele sitzt inmitten von Büchertürmen und Papierstapeln in seinem Büro im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. „Aber erst so langsam“, sagt er mit einem Lächeln. „Zum Glück.“ Von 2016 bis Mai 2019 war der 58-jährige Agrarbiologe einer der drei Vorsitzenden des Globalen Berichts des Weltbiodiversitätsrats (IPBES). Im Auftrag von 132 Mitgliedsstaaten erstellten rund 450 Wissenschaftler aus aller Welt diese Gesamtschau über die Bedrohung der Artenvielfalt und Ökosysteme der Erde. Die Diagnose hat sich seither nicht merklich verändert – „gut, wenn das Interesse groß bleibt“, findet der Professor.

Als Sie Ihren Bericht in Paris vorstellten, war Biodiversität für einen Tag ganz weit vorn im Fokus der Weltöffentlichkeit ...

Aber hallo! Als unmittelbares Presseecho haben wir rund 20 000 Berichte und 300 000 Tweets in 49 Sprachen und 140 Ländern registriert. Ich selbst habe im ersten Monat nach der Präsentation 60 Interviews gegeben. Auch die Politik riss sich um uns. Gleich am Abend empfing uns der französische Präsident Macron mit drei Ministern zum Abendessen. Tags drauf standen wir im Bundestag Rede und Antwort. Normalerweise muss man sich sehr ins Zeug legen, um zu einem Politiker vorzudringen. Diesmal bot uns Bundesumweltministerin Svenja Schulze drei Termine zur Auswahl an. Das Interesse übertraf alle unsere Erwartungen

Und wie ist es jetzt?

Ich bekomme im Schnitt immer noch zwei bis drei Anfragen pro Tag. Das deutet zumindest darauf hin, dass das Thema die Menschen weiterhin beschäftigt. Biodiversität war vor wenigen Jahren in der breiten Bevölkerung weitgehend unbekannt. Gemessen daran hat sich überraschend schnell verbreitet, dass Artenvielfalt und Ökosysteme bedrohtsind.

Ein zäher Prozess, bis die USA und Bolivien einer Meinung sind

Greta Thunberg hat den Vereinten Nationen beim Weltklimagipfel gerade vorgeworfen, dem Massenaussterben tatenlos zuzusehen.

Die Greta kümmert sich um ihre eigene Zukunft – das ist doch gut.

Lässt sich der Artenschwund noch aufhalten?

Wäre ich nicht optimistisch, hätte ich mir die viele Arbeit im Weltbiodiversitätsrat gar nicht gemacht. Es muss etwas passieren. Wir werden vieles verlieren, das ist klar. Aber alles, was wir weniger verlieren, ist ein Erfolg. Es gibt für diese Versuchsanordnung keinen Vergleich und keinen zweiten Durchgang. Die Stichprobe ist der Globus. Nun kann man einfach mal schauen, was passiert – Trial & Error, eine eher nordamerikanische Herangehensweise. Oder wir entscheiden uns für das Vorsorgeprinzip. In Deutschland jedenfalls lässt sich ein massiver Bewusstseinswandel feststellen, vor allem im Zusammenhang mit dem Klimawandel.

Aber wie wird aus einem Bewusstseinswandel Politik?

Das Ganze ist ein zäher Prozess. Aber das liegt in der Natur der Demokratie und ist daher ohne Alternative. IPBES hat 132 Mitglieder, Vertreter von 109 Staaten waren in Paris dabei. Kriegen Sie mal einen Konsens zwischen den USA und Bolivien hin! Die einen bewerten Ökosysteme fast nur in ihrer ökonomischen Bedeutung, die anderen schwärmen losgelöst über Mutter Natur. Gleich am Anfang wurde die Diskussion hitzig über die Frage, ob wir von „Ökosystem-Leistungen“ oder vom „Beitrag der Natur für die Menschheit“ sprechen. Für die ersten Sätze des Berichts benötigten wir zwei Stunden – und schafften es lediglich, sie in der Wiedervorlage zu parken. Die Zeilen hingen an der Wand, und die verschiedenen Delegationen gingen zum Telefonieren. Je nach Zeitzone vergehen zusätzlich Stunden. Nach drei Tagen standen die Sätze dann: „Die Natur und ihre lebenswichtigen Beiträge für die Menschheit – namentlich Biodiversität und Ökosystem-Funktionen und -Leistungen – verschlechtern sich weltweit.“

„Die Natur wird überleben. Die Frage ist, ob wir Menschen noch vorkommen“

Lässt sich diese Entwicklung umkehren?

Das ist eine Frage der Definition. Uns war es wichtig, im Globalen Bericht keine Vorschriften zu erlassen. Vielmehr haben wir verschiedene Szenarienerstellt. Zum Beispiel: Wie wirkt es sich auf Artenvielfalt und Ökosysteme aus, wenn sich die Erde in den nächsten 30 Jahren um zwei Grad Celsius erwärmt? Was passiert bei drei Grad? Vier Grad? Wir Wissenschaftler werden oft gefragt: Wie weit können wir Menschen gehen? Das können wir nicht beantworten. Das muss die Gesellschaft entscheiden, schließlich geht es ja um die Menschen. Die Natur wird überleben, evolutionär geht es schon irgendwie weiter. Die Frage ist, ob wir Menschen noch vorkommen. Wir Wissenschaftler liefern keine Handlungsvorgaben, aber Handlungsoptionen.

Indem Sie zum Beispiel den ökonomischen Wert der Bestäubung beziffern.

Nimmt man die bestäubungsabhängigen Güter auf dem Weltmarkt in den Fokus, kommt man je nach Schätzverfahren auf einen Betrag zwischen 200 und 600 Milliarden Dollar pro Jahr. In Europa haben wir gegenwärtig 12 bis 15 wichtige Bestäuberarten in unserer Landwirtschaft, die diese Wirtschaftsleistung für den Menschen erbringen. Die Honigbiene ist die bekannteste, sie macht aber bei vielen Pflanzen nicht einmal die Hälfte der Arbeit. Hummeln sind fast ebenso wichtig.

„Vielfalt ist wie eine Versicherung“

Würde es überspitzt gesagt ökonomisch nicht reichen, diese 15 Arten zu bewahren?

Das könnte man in der Tat so sagen. Der Rest ist eh nur schmückendes Beiwerk – für die Gegenwart stimmt das sogar. Aber nicht auf längere Sicht: Das lässt sich dadurch erahnen, dass zwei dieser heute dominanten Bestäuber noch vor 20 Jahren kaum eine Rolle spielten und erst durch Umweltveränderungen ihre heute tragende Rolle erhielten. Vielfalt ist also wie eine Versicherung. Ob ich aber 300 Arten brauche, um mich abzusichern, oder 30 – das kann ich nicht festlegen. Auch im großen Ganzen wissen wir bislang nicht, an welchem Punkt das System kippen würde. Wie viel Prozent der Arten dürfen aussterben? Ich würde sagen: Je mehr Vielfalt wir erhalten, desto mehr Möglichkeiten bleiben.

Allerdings bringt weniger Nutzpflanzen-Vielfalt oft höhere Erträge. Lässt sich der Widerspruch irgendwie auflösen?

Das ist eine schwierige Frage. Denn wenn wir heute fordern, das Potenzial für die zukünftige Nutzung zu erhalten, dann muss man die Pflanzen auch nutzen dürfen. Unter diesem Blickwinkel könnte sogar eine gentechnische Manipulation zur Option werden, wenn sie dazu dient, eine Pflanze zu erhalten. Ohnehin leben heute eine Menge von Arten bei uns, die als Bewohner einer Kulturlandschaft heimisch geworden sind. Historisch gesehen ist unsere jetzige Vielfalt also in vielerlei Hinsicht menschengemacht. Ist das gut oder schlecht? Wissenschaftlich lässt sich das nicht beantworten, sondern nur gesellschaftlich.

Ohne Glyphosat wird es für den konventionellen Landbau schwierig

Wie bewerten Sie die neuen Regelungen der Bundesregierung zum Insektenschutz, wonach unter anderem ab 2024 Glyphosat verboten sein soll?

Die Regelungen gehen garantiert in die richtige Richtung. Man muss sich aber bei jedem Verbot auch Gedanken zu Alternativen machen. Das wird bei Glyphosat im konventionellen Landbau schwierig, der biologische hingegen steht da besser da, und es gibt den Ökobauern die Chance, eine zentralere Rolle einzunehmen. Das wird auch der Umwelt guttun. Dennoch muss man sich überlegen, wie Glyphosat ersetzt werden kann – auch um die Landwirtschaft insgesamt zu erhalten, denn wir brauchen sie für unsere Ernährung und für den Erhalt der Kulturlandschaft.

Der Globale Bericht nennt fünf Faktoren, die das Artensterben antreiben: zuerst die Änderung der Nutzung von Land und Meer, die Lebensräume von Pflanzen und Tieren verkleinert. Dann direkte Ausbeutung, etwa Holzentzug, Jagen und Fischen. Als drittes den Klimawandel, danach Umweltverschmutzung und zuletzt invasive Arten, die angestammte bedrohen. Aber wie soll die Welt­gesellschaft etwas ändern – ganz praktisch?

Neue Regeln für den Welthandel wären eine Möglichkeit. Ein plakatives Beispiel: Müssen wir wirklich Soja aus Argentinien in Europa an das Vieh verfüttern, um nach China Fleisch zu verkaufen? In Südamerika beschleunigt ein solcher Handel das Aussterben von Arten, in der Europäischen Union taucht ein Problem mit zu viel Stickstoff auf, und die Chinesen fangen auf einmal an, dick zu werden, weil sie zu viel Fleisch essen.

Schnitzel für 2,50 Euro auf dem 800-Euro-Grill

Zu viel Fleisch essen wir auch hierzulande. Wäre es aber nicht unsozial, wenn sich nur noch Gutverdiener ein Schnitzel leisten könnten?

Keine Bevölkerungsschicht muss jeden Tag Schnitzel essen. Finanziell ist es auch eine Frage der Prioritätensetzung, wenn etwa auf dem 800-Euro-Grill Fleisch aus der Massenviehhaltung für 2,50 Euro brutzelt. Für die Franzosen ist Ernährung Lebensphilosophie, für uns Deutsche ist es Stoffwechsel. Vielleicht würde ein Zehn-Euro-Schnitzel vom Lagerfeuer besser schmecken? Andererseits hätten wir ohne Nutzvieh zum Beispiel unsere ganzen schönen Trockenrasen nicht, die auch für die Artenvielfalt eine Bedeutung haben. Auch der Fleischkonsum ist also nicht so einfach zu bewerten, zumal der extensive durchaus positive Seiten hat.

Wie ist es eigentlich gelungen, die Delegationen aus den USA und Brasilien zur Zustimmung zu bewegen? Deren Präsidenten Trump und Bolsonaro gelten nicht gerade als große Artenschützer ...

Die amerikanische Delegation war sehr konstruktiv. Trump hatte das Ganze wohl noch nicht so auf dem Radar, spekuliere ich mal. Keiner der US-Vertreter hatte Zweifel daran, dass es einen Klimawandel gibt, der zum großen Teil vom Menschen verursacht wird und ein Faktor des Artenschwunds ist. Auch den Handlungsbedarf bezweifelte niemand. Ebenso war die brasilianische Delegation mit den generellen Zielen und Aussagen einverstanden. Das wäre vielleicht anders gewesen, wenn damals schon die Brände im Amazonas ins Bewusstsein vorgedrungen wären – aber auch das ist Spekulation.

Was würde mit der hiesigen Artenvielfalt passieren, würde der Leipziger Auwald abbrennen?

Die Artenvielfalt mag im Leipziger Auwald nicht ganz so groß wie im Amazonas sein. Doch wie jeder Wald reinigt auch der Auwald das Grundwasser und speichert Kohlenstoffdioxid. Je vielfältiger ein Waldgebiet ist, umso mehr Nischen bietet er, und umso besser kann er diese Funktionen erfüllen. Zudem leistet der Auwald einen wichtigen Dienst im Hochwasserschutz. Ohne Wald fließt Regenwasser schneller ab und kann aus einem Fluss einen reißenden Strom machen.

Von Mathias Wöbking

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