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Lokales Konfrontation im Leipziger Osten
Leipzig Lokales Konfrontation im Leipziger Osten
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19:18 04.04.2019
Gegen die Verkehrsflut in Mölkau demonstrierten am Donnerstagnachmittag rund 250 Bewohner des Stadtteils. Auf der Demo-Route – es ging durch die Paunsdorfer, Engelsdorfer und Sommerfelder Straße – kam es zu Behinderungen des Berufsverkehrs. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Seit Jahrzehnten liegt der Begriff in der Leipziger Luft. Geredet wurde über den Mittleren Ring Ost/Südost mal mehr, mal weniger. Im Jahr 2013 beschloss der Stadtrat, das Thema zehn Jahre lang auf Eis zu legen und bei einer Wiedervorlage – wenn überhaupt – die sogenannte Bahnvariante zu verfolgen. Womit eine zweispurige Trasse gemeint ist, die von der Geithainer Straße/Theodor-Heuss-Straße bis zur Richard-Lehmann-Straße entlang des Güterrings der Deutschen Bahn führen und die den motorisierten Individualverkehr aufnehmen könnte, der gegenwärtig durch dicht besiedeltes Ost-Südost-Gebiet fließt. Betroffen von der aktuellen Blechlawine, die morgens und nachmittags besonders ausgeprägt ist: Stadtteile wie Mölkau, Stötteritz und Sellerhausen-Stünz.

Gegen den Durchgangsverkehr in Leipzig-Mölkau demonstrierten gestern Nachmittag rund 250 Bewohner des Stadtteils. Auf der Demo-Route kam es zu Behinderungen des Berufsverkehrs.

Lückenschluss könnte bald Thema sein

In Mölkau ist das potenzielle Verkehrsprojekt am Donnerstagnachmittag wieder einmal thematisiert worden. Rund 250 Bewohner und einige Nachbarn aus Stötteritz demonstrierten im Berufsverkehr für weniger Autos vor ihren Haustüren, weniger Lärm und weniger Abgase – und für die baldige Realisierung des Mittleren Rings Ost/Südost. So kurz vor den Kommunal- und Landtagswahlen wollten sie den Druck auf die Politik erhöhen – aber auch auf die Stadtverwaltung, denn dort ist strategische Verkehrsplanung gerade en vogue. Sie hat das Ziel, die Innenstadt-Bereiche von Pkw und Lkw zu entlasten. Womit der Mittlere Ring Süd und der Mittlere Ring Ost/Südost, die den Lückenschluss bedeuten würden, möglicherweise wieder ins Spiel kommen.

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„Wir fordern Lösungsansätze zur Verkehrsberuhigung ein“

„Wir haben uns zusammengefunden, um auf die extreme Verkehrsbelastung in Mölkau aufmerksam zu machen und endlich Lösungsansätze zur Verkehrsberuhigung von der Stadt einzufordern“, leitete Ulrich Rohland, als führendes Mitglied der Bürgerinitiative Mittlerer Ring Leipzig Ost/Südost ein Verfechter der Bahnvariante, seine Demo-Rede ein. Im Herzen des Stadtteils, in der Paunsdorfer, Engelsdorfer und Sommerfelder Straße, seien täglich etwa 20 000 Fahrzeuge unterwegs. „Diese verursachen Lärmwerte über den Grenzwerten und verpesten besonders an den drei zu passierenden Ampeln enorm die Luft.“ Der Durchgangsverkehr von Berufspendlern und Dienstleistern nach und von Leipzig behindere die Entwicklung eines lebendigen Stadtteilzentrums und schädige die Anwohner massiv. Seine Verlagerung an die Bahntrasse „verbraucht wenig Naturressourcen, ermöglicht eine leistungsfähige und dabei umweltfreundliche Verkehrsführung und entlastet die Wohngebiete in Mölkau und Stötteritz“, so Rohland weiter. Die Anwohner an dieser neu zu bauenden Straße könnten durch aktive Lärmschutzmaßnahmen effektiv geschützt werden. „Am Stünzer Park müsste der Bahndamm um etwa zehn Meter verbreitert werden. Der darauf zu errichtende Straßenabschnitt würde, versehen mit einer Lärmschutzwand, den Park aber kaum beeinträchtigen“, erläuterte er.

Kritik aus Sellerhausen-Stünz an Mölkauer Position

Während Rohland, seine Mitstreiter von der Bürgerinitiative, die Initiative pro Mölkau sowie der Bürgerverein Stötteritz in der Bahnvariante im Großen und Ganzen „eine zukunftsfähige Verkehrslösung“ sehen, geht den Mitgliedern des Bürgervereins Sellerhausen-Stünz bei derlei Gedankenspielen der Hut hoch. „Wer sich nur etwas mit der Materie befasst, kommt rasch zu dem Schluss, dass der Mittlere Ring weder aus wirtschaftlicher, noch aus finanzieller, verkehrspolitischer, ökologischer und kultureller Sicht vertretbar ist“, wird Vereinsvorsitzender Axel Kalteich nicht müde zu betonen. „Alle Welt redet vom Klimaschutz und tiefgreifenden Änderungen in den Mobilitätsformen und wir beschäftigen uns mit einem Straßenneubau für wenigstens 210 Millionen Euro“, kritisierte er auf LVZ-Anfrage. Eingriffe in Grünflächen wie den Volkshain Stünz oder den Wilhelm-Külz-Park, in Friedhöfe, Kleingartenanlagen und Wohngebiete, die der Bau der Bahntrasse ja mit sich bringen würde, tangierten wiederum die Lebensqualität vieler, vieler anderer Leipziger. Zumal wichtige Frischluftschneisen vernichtet würden. Die Position der Mölkauer werde im Übrigen auch in Anger-Crottendorf kritisch gesehen, so Kalteich.

„Sanfte Veränderung mit Gewinn für alle!“

Konfrontation im Osten also. Streit um ein ungelegtes Ei, dessen Farbe noch verhandelbar ist. Aus Sellerhausen-Stünz kommt ein Lösungsansatz, der grundsätzlich wird. „Eine Arbeitsgruppe aus Umweltschützern, Städtebauern, Anwohnern und Menschen, die verantwortungsbewusst genug mit diesem Thema umgehen, sollte sich zusammenfinden und nach ganz neuen Lösungen suchen“, schlägt die Stünzerin Katja Dunker vor. „Sanfte Veränderung mit Gewinn für alle!“ Bei Klaus-Ruprecht Dietze rennt sie damit offene Türen ein. Der Vorsitzende der Initiative pro Mölkau wagte sich noch am Donnerstagabend zum Stammtisch des Bürgervereins Sellerhausen-Stünz. „Mölkau will, dass die Planungen im Rathaus endlich in Gang kommen. Über Details diskutieren wir dann. Wir haben doch alle das eine Ziel: weniger Verkehr, weniger Lärm, weniger Umweltbelastung“, sagte er.

www.mittlerer-ring-leipzig-so.de www.kein-mittlerer-ring.de

Von Dominic Welters