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Lokales Konzert hinter Folien-Verschlägen: Schwarzkaffee spielt gegen den Corona-Blues
Leipzig Lokales Konzert hinter Folien-Verschlägen: Schwarzkaffee spielt gegen den Corona-Blues
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18:03 04.04.2020
Hat was Futuristisches: Schwarzkaffee beim Livestream-Konzert im Werk 2, abgeschirmt durch Plexiglas und Folien. Quelle: Kempner
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Leipzig

Wenn schon Kunst trotz Corona, dann richtig. Kommen kreative Filmemacher, spielwütige Musiker und engagierte Kulturinstitutionen zusammen, um die Kunst auch während des Veranstaltungs-Shutdowns nicht verstummen zu lassen, kann viel mehr entstehen als nur ein abgefilmtes Konzert in leerem Saal. So geschehen am Freitagabend in Halle D des Werk 2: Der frisch gegründete Streamingkanal Leipstream hat Leipzigs Funkhelden Schwarzkaffee zu einer speziellen „Corona Session“ eingeladen.

Die drei jungen Filmemacher treibt dasselbe um wie derzeit unzählige freischaffende Kreative: Sie wollen und müssen arbeiten, dürfen aber kaum. Ihr Konzept ist daher eine Mischung daraus, weiterhin Kunst und Unterhaltung als menschliche Grundbedürfnisse anzubieten, selbst aktiv und mit anderen solidarisch zu bleiben und deutlich auf die aktuelle Situation aufmerksam zu machen.

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Das eigene Kapital strapaziert

Klar ist natürlich: Weder ersetzt das Konzept ein echtes Live-Konzert, noch zahlt es sich monetär aus. Man strapaziert derzeit komplett eigenes Kapital, wenn es darum geht, die Streams so gut wie möglich umzusetzen, und geht mit neuer Technik in Vorleistung. Natürlich werden über die Streams Spenden gesammelt, als schwacher Ersatz für die sonstigen Einkommen. Die eingehenden Spenden reicht Leipstream zu 90 Prozent an die Künstler weiter, die restlichen zehn tropfen auf den heißen Stein der eigenen Ausgaben. Das Werk 2 bietet seine Räumlichkeiten, technischen und organisatorischen Support ebenfalls solidarisch an.

Trotz aller Zwänge: Spaß und Kreativität kommen nicht zu kurz. Das Bühnenarrangement nimmt wegen der Abstandsregeln die gesamte Halle D ein und zeigt den schmalen Grat zwischen Sicherheit und Eingesperrt-Sein bei gleichzeitigem Wunsch nach Berufs-, also Kunst-Ausübung. So kreativ improvisiert wie momentan die Abstandshalter an den Supermarktkassen findet sich jeder Musiker in einem mit Frischhaltefolie umwickelten Verschlag wieder, aus dem unter anderem per Überwachungskamera gefilmt wird.

Verschiedene Kamera-Blickwinkel

Tatsächlich nimmt sich die Inszenierung des Konzerts im ersten Eindruck sehr künstlerisch aus, hat etwas Futuristisches. Das hat den Vorteil, dass man sich zu Hause nicht fühlt wie bei einem verpassten, starr abgefilmten Live-Auftritt, sondern dass es eine extra für diesen Streaming-Rahmen geschaffene Inszenierung aus verschiedenen Kamera-Blickwinkeln zu genießen gibt.

Tanzen ist natürlich trotzdem nicht verboten, das Werk 2 in Person von Pressechefin Antje Hamel empfiehlt ausdrücklich, die Couch zur Seite zu schieben. Zwischen ihren Songs sind die koffeinaffinen Funkfreaks sichtlich begeistert von den live eingesendeten Kommentaren der Zuschauer weit über Leipzig hinaus und den zugeklickten „Sending Ovations“ – eine extra zum Stream geschaltete App, die Clicks in Applausgeräusche umsetzt.

Aufwändige Technik: Das Leipstream-Team bei der Arbeit. Quelle: Kempner

Natürlich sind Schwarzkaffee in ihrer sonstigen hyperaktiven Bewegungsfreiheit eingeschränkt, das sind wir ja momentan alle. Während im simulierten Wohnzimmer die Bläser Hosen zum Jackett für überbewertet halten, spielen sich die beiden Rampensäue Raschid Sidgi und Daniel Barke steril im Raum verteilt trotzdem souverän die Bälle zu.

Sie erzählen von ihren Erlebnissen und Gefühlen zur gegenwärtigen Situation und fordern ihr virtuelles und doch reales Publikum zu selbigem per Live-Kommentar auf. Gesendet wird der Dank, das Konzert sei die beste Medizin gegen den Corona-Blues – und die Gemeinde verspricht, zum Gig Strobo-Effekte mit der Wohnzimmer-Lampe zu vollführen.

Konzert auch auf Youtube

Nach Schwarzkaffee soll es bei Leipstream alle paar Tage weitere Acts geben. Im Wechsel werden größere Konzerte in Halle D und kleinere Wohnzimmer-Formate gegenüber in den Cammerspielen präsentiert. Der Stream vom Schwarzkaffee-Konzert ist weiterhin bei Youtube verfügbar, Spenden kann man noch bis inklusive Sonntag.

Von Karsten Kriesel