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Lokales Zoll nutzt künftig ehemaliges Bundeswehr-Krankenhaus in Wiederitzsch
Leipzig Lokales Zoll nutzt künftig ehemaliges Bundeswehr-Krankenhaus in Wiederitzsch
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08:46 01.06.2019
Inspizieren die Umbauarbeiten im früheren Bundeswehrkrankenhaus Wiederitzsch (von links): Kay Noffke (Aufbauleiter in Leipzig), Colette Hercher (Präsidentin der Generalzolldirektion), Thomas Schoeneck (Zentrale Bildungseinrichtung der Bundesfinanzverwaltung) und Projektentwickler Wolfgang Eckardt. Quelle: Foto: Jens Rometsch
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Leipzig

Im früheren Bundeswehrkrankenhaus Wiederitzsch läuft der Umbau zu einer Zoll-Bildungsstätte auf vollen Touren. „Ich bin sehr zufrieden“, sagte Colette Hercher, die Präsidentin der Generalzolldirektion, jetzt bei einem Besuch vor Ort. Pünktlich zum 1. August 2019 könne der erste Jahrgang in Leipzig aufgenommen werden. In Wiederitzsch gebe es dann das dritte große Ausbildungszentrum für den Mittleren Dienst – neben Sigmaringen (bei Tübingen) und Plessow an der Havel (wo die Fachschule der DDR-Zollverwaltung residierte).

350 Anwärter und 71 Mitarbeiter

Mit den 350 Anwärtern in Leipzig steige die Gesamtkapazität der Nachwuchsgewinnung im Mittleren Dienst von 900 auf 1250 Plätze. „Das ist auch dringend nötig, denn unsere Aufgaben werden immer umfangreicher“, erklärte Deutschlands oberste Zöllnerin und damit Chefin von 39 000 Beamten. Hinzu kämen 700 junge Frauen und Männer, die am Bildungs- und Wissenschaftszentrum der Bundesfinanzverwaltung (BWZ) in Münster ein dreijähriges Studium für den gehobenen Dienst absolvieren. Laut BWZ-Präsident Thomas Schoeneck, der ebenfalls an dem Rundgang teilnahm, werden in Wiederitzsch ab dem Sommer 71 Mitarbeiter dauerhaft tätig sein – darunter 38 Lehrkräfte, aber auch Verwaltungspersonal. Die Aufbauleitung für Leipzig hat Kay Noffke übernommen, der bislang beim Hauptzollamt Stralsund eingesetzt war.

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Steuern, Artenschutz und organisierte Kriminalität

„Haben Sie Waren anzumelden?“ Auf diese Frage lässt sich die Arbeit des Zolls schon lange nicht mehr reduzieren. Heute schützt diese Bundesbehörde die Wirtschaft vor Wettbewerbsverzerrungen, die Verbraucher vor mangelhaften Waren aus dem Ausland, die Bevölkerung vor den Folgen grenzüberschreitender organisierter Kriminalität und auch die Natur: vor Verstößen gegen den Artenschutz.

2018 nahm der Zoll mit 141 Milliarden Euro auch etwa die Hälfte der Steuern ein, die dem Bund zustehen (wie Kfz-, Energie-, Tabak- und Stromsteuer). Im Vergleich dazu wirkten die Einfuhrzölle für Waren aus Nicht-EU-Staaten von 5,1 Milliarden Euro eher überschaubar. Laut der Präsidentin der Generalzolldirektion in Bonn, Colette Hercher, wachsen die Aufgaben am stärksten in drei Gebieten. So wurden 2018 aufgrund von Ermittlungen ihrer Behörde im Bereich Schwarzarbeit/Mindestlohn von deutschen Gerichten Freiheitsstrafen von über 1700 Jahren verhängt. Beim Onlinehandel stieg die Zahl der Pakete mit Produkt- und Markenfälschungen um 111 Prozent. Drittens nehme auch der illegale Rauschgifthandel in Postsendungen zu. Um obendrein für internationale Entwicklungen wie den Brexit gewappnet zu sein, will der Zoll in den nächsten Jahren Tausende zusätzliche Stellen schaffen. Dabei gebe es auch im Mittleren Dienst sehr vielfältige Aufgaben, zum Beispiel nur in dieser Laufbahn Hundeführer. Mehr Infos zu den Ausbildungsangeboten: talent-im-einsatz.de.

Auch für die zweijährige Ausbildung zum Mittleren Dienst verfüge der Zoll im Augenblick noch über genug Bewerber, sagte Präsidentin Hercher zum Thema Fachkräftemangel. „Wir bemühen uns aber auch sehr, liegen auf Platz 9 der attraktivsten Arbeitgeber im Land.“ So erhielten schon die Anwärter dieses Bereiches während der Ausbildung 1168,99 Euro brutto pro Monat (Stand 2018) – plus gegebenenfalls einen Familienzuschlag.

Unterkünfte im früheren Bettenhaus

Auf dem 4,2 Hektar großen Areal werden nun das frühere Bettenhaus (der große Riegel an der Bahnhofstraße) und zwei ehemalige Schwesternhäuser im hinteren Teil des Geländes) zu Unterkünften für die 350 Zollanwärter umgebaut. Am Aufwendigsten sind die Arbeiten im seit 2007 geschlossenen Klinikum (mit der großen Rotunde), wo 16 Lehrsäle, Sozialräume und Büros entstehen, so Rupert Doehner.

In den früheren Schwesternhäusern im hinteren Teil des Klinikums entstehen jetzt möblierte Unterkünfte für 100 Zollanwärter. Weitere der Doppel- und Einzelzimmer für die Auszubildenden sind im ehemaligen Bettenhaus an der Bahnhofstraße geplant. Quelle: Jens Rometsch

Wie berichtet, entwickelt er die Immobilie im Auftrag der Leipziger Firma ImmVest Wolf, die das Grundstück 2017 erworben hatte. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) sicherte sich im vergangenen Jahr die noch freien Flächen – und schloss einen langfristigen Mietvertrag für den Zoll ab. Für diese Lösung hatte sich besonders der Leipziger Bundestagsabgeordnete Jens Lehmann (CDU) eingesetzt. „Wir haben hier unter anderem schon die Bundespolizei, das Technische Hilfswerk und eine medizinische Fachuntersuchungsstelle der Bundeswehr als Mieter. Aber so eine schlagkräftige Truppe wie jetzt beim Zoll habe ich noch nie erlebt“, lobte Doehner. „Die Zusammenarbeit läuft ausgezeichnet.“

Bessere Bus-Anbindung erhofft

Da sich jüngst auch private Firmen auf dem Gelände niederließen, seien nur noch zwei kleinere Flächen frei. „Das Einzige, was uns noch fehlt, ist eine leistungsfähige Anbindung der Leipziger Verkehrsbetriebe bis zur Straßenbahnlinie 16 beziehungsweise bis zur S-Bahn“, sagte er. „Da hoffen wir genau wie alle anderen Wiederitzscher auf eine baldige Verbesserung.“

Für die Nachbarn soll es im Herbst – voraussichtlich im Oktober – einen Tag der offenen Tür geben, „bei dem wir unsere Arbeit vorstellen möchten“, so Präsidentin Hercher. „Vielleicht werden sich einige über die moderne Ausstattung mit elektronischen Tafeln, IPads und Dokumentenkameras wundern. Doch E-Learning spielt bei uns eine große Rolle. Auch im Berufsleben kommen die Amtsstuben längst ohne Stift und Schreibblock aus.“

Schon 500 Zoll-Beschäftige in Leipzig

Mit aktuell schon rund 500 Beschäftigten in und um Leipzig (darunter 260 am Flughafen) sei die Bundesbehörde in der Region schon gut vertreten. Zudem werde die Krankenhaus-Historie genutzt, um in Wiederitzsch das erste, komplett barrierefreie Ausbildungszentrum zu schaffen. Schließlich seien auch Bewerber mit einer Gehbehinderung beim Zoll gefragt.

Von Jens Rometsch