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Lokales Kult auf dem Kiez: Unterschriften sollen Leipziger Imbiss „Jürgen & Jürgen“ retten
Leipzig Lokales Kult auf dem Kiez: Unterschriften sollen Leipziger Imbiss „Jürgen & Jürgen“ retten
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23:03 03.01.2019
Eine Thüringer Rostbratwurst für 1,80 Euro, einen netten Plausch dazu gratis: Jürgen Arendt hofft, dass er mit seinem Stand am Karl-Heine-Platz bleiben kann. Dafür sammelt er vor Ort und im Netz Unterschriften. Quelle: Foto: Dirk Knofe
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Leipzig

Jürgen Arendt hat keinen Plan B. Davon merken die Kunden am Imbiss, den er im Wechsel mit seinem Lebensgefährten Jürgen Glissmann (66) betreibt, zunächst nichts. Der Ton ist freundschaftlich, das Du ist Pflicht. Der drahtige 61-jährige plaudert unbeschwert, scherzt und lacht mit seiner markanten, leicht rauen Stimme. Irgendwann weist er dann aber doch jeden Kunden auf die Unterschriften hin, die er sammelt.

Eine Petition soll verhindern, dass „Jürgen & Jürgen“ vom Eingang zum Karl-Heine-Platz weichen müssen. Der Platz soll ab April saniert werden. Nach dem viermonatigen Umbau werde der Standort nicht wieder vergeben, teilte das Amt für Stadtgrün und Gewässer Arendt Ende November mit. „Der Parkeingang soll nicht durch eine gastronomische Einrichtung eingeengt und optisch dominiert werden“, heißt es in der Begründung.

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„Jürgen & Jürgen“ wird nahegelegt, sich in der Nähe nach einem Ersatz umzusehen. Das Problem: „Es gibt hier keinen weiteren Standort“, sagt Arendt. Die Ausweichmöglichkeiten seien entweder zu abschüssig oder eine private Fläche, deren Besitzer keinen Betrieb wolle. Das müsse er akzeptieren, sagt er. Nicht einfach so will er hingegen die Pläne der Stadt hinnehmen: „Ich habe keinen Plan B. Wenn ich hier weg muss, fasse ich nie wieder eine Zange an. Weil dann können wir wieder zum Amt gehen“, sagt er.

Der eigene Bratwurststand statt Arbeitslosigkeit: „Jürgen und Jürgen“ wagten den Sprung in die Selbstständigkeit. Quelle: Dirk Knofe

Dabei war der kleine Imbiss gerade der Versuch, der Agentur für Arbeit zu entkommen: „Wir waren beide beim Amt“, erzählt er, wie sie sich vor zweieinhalb Jahren selbstständig machten. „Wir waren nicht mehr vermittelbar. Nur noch Karteileichen“, beschreibt er. Zum Grillen seien sie aus Zufall gekommen. Der Freund einer Bekannten fragte, ob sie an seinem Grillstand aushelfen könnten. Die beiden Jürgen hatten Zeit und nach fünf Monaten die Idee, es mit einem eigenen Stand zu versuchen. „Wir sind einfach ins kalte Wasser gesprungen. Wir wussten: Wenn es in die Hose geht, können wir es eh nicht ändern.“

Ein Grill, zwei Tische, ein Mülleimer und ein Schirm – so fingen sie an. Zunächst vor dem ehemaligen Kaufhaus Held und mit mäßigem Erfolg: „Das war nur Geldwechseln, aber man lernt ja.“ Zum Knochenplatz, wie der jetzige Standort in Lindenau auch genannt wird, kamen die beiden drei Monate später: „Wir sind dort abends immer vorbei gegangen. Im Sommer saßen die Studenten draußen. Das fanden wir toll.“ Arendt rief beim Amt für Stadtgrün und Gewässer an und bewarb sich um den Standort. Der erste Nutzungsvertrag wurde Ende April 2016 befristet, ein weiterer 2017 mit einem Recht auf Widerruf geschlossen.

Weil der Karl-Heine-Platz saniert wird, soll der Imbiss von „Jürgen & Jürgen“ weichen. Quelle: Dirk Knofe

„Es kam keiner das erste Jahr“, untertreibt Arendt. „aber du musst konsequent durchziehen“, erzählt er, wie es gelang, Fuß zu fassen. Irgendwann haben die Leute gemerkt, dass sie jeden Tag da seien. 16.30 bis 23 Uhr, freitags und sonnabends sogar bis 2 Uhr – mit je einer Stunde Auf- und Abbauen. „Wir achten darauf, dass es hier sauber ist und ruhig. Die Leute können nachts durch den Park gehen. Es sind keine Drogen mehr da.“ Damals seien Drogen mitunter noch, als er nachts abbaute, in direkter Sichtweite gespritzt worden. „Das passiert wieder, das verlagert sich ganz schnell“, ist sich Arendt sicher, sollte er aufhören müssen.

Damit es dazu nicht kommt, startete er eine Petition. 3300 Stimmen braucht er, um diese beim Rathaus einreichen zu können. Allein 1800 Unterschriften gingen in den ersten beiden Wochen im Internet ein. Weitere 700 sammelte er an seinem Stand. Arendt ist von den vielen Reaktionen überwältigt, sagt er. Mit über 500 Kommentaren im Netz habe er nie gerechnet. Die Nutzer solidarisieren sich mit „Jürgen & Jürgen“. Ein Stück „authentisches Viertel“ gehe verloren und sie wittern Verdrängung aus ihrem Kiez: „Es mussten schon zu viele charaktergebende Einrichtungen und Läden aus der Straße weichen – damit muss Schluss sein“, heißt es etwa im Netz.

„Ich weiß nicht, was die Petition bringt“, sagt Arendt zu solcher Anteilnahme. Aber wenn er es nicht mache, gehe es an seine Existenz. „Ich habe nur Plan A, den muss ich durchziehen. Kampflos gebe ich nicht auf“, sagt er.

Das Amt für Stadtgrün und Gewässer zeigt sich auf LVZ-Nachfrage lösungsorientiert: „Für einen längerfristigen Standort nach der Sanierung werden Abstimmungen mit dem Betreiber erfolgen“, erklärte ein Sprecher. So gebe es Überlegungen, wie „Jürgen & Jürgen“ bei der Planung und Gestaltung der Grünanlage berücksichtigt werden können. Zudem prüfe das Amt noch, ob es bereits während der Parksanierung Ausweichstandorte gibt.

Von Manuel Niemann