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Lokales LVZ-Leser unterstützen Familie auf der Suche nach barrierefreier Wohnung
Leipzig Lokales LVZ-Leser unterstützen Familie auf der Suche nach barrierefreier Wohnung
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07:00 01.02.2019
Familie Wefel ist bei Familie Müller im Elsterblick in Leipzig zu Gast. v.l. Katja , Domenik und Steffen Wefel und Christine Kelm mit Sohn Fynn und Sylvio Müller auf dem Sofa im Wohnzimmer. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Möglicherweise kann Familie Wefel schon bald eine neue, rollstuhlgerechte Wohnung beziehen. Die Familie sucht seit Jahren eine neue Bleibe, in welcher die Eltern ihren schwerkranken siebenjährigen Sohn nicht zu zweit in die Badewanne heben müssen, der Flur breit genug ist für den Rollstuhl Domeniks. Der Siebenjährige leidet seitdem er zehn Monate alt ist an epileptischen Anfällen (die LVZ berichtete). Nach dem Erscheinen des Artikels über Domeniks Schicksal meldete sich Sylvio Müller, der mit Christine Kelm und dem gemeinsamen Sohn Fynn in einer barrierefreien Wohnung in Möckern lebt. Der Zweieinhalbjährige ist von Geburt an körperlich beeinträchtigt. Die Familie möchte umziehen, ihre Bleibe wird somit bald frei. Wefels sahen sich in der Wohnung um.

Ebenerdig mit dem Rollstuhl in die Wohnung

„Das ist schon toll, wie man da ebenerdig mit dem Rollstuhl in die Wohnung kommt“, schwärmt Steffen Wefel nach der Besichtigung. Zwar passe vieles sehr gut, doch das Kinderzimmer sei für das wuchtige Pflegebett Domeniks zu klein, hat er Bedenken. Gerade, wenn Domenik noch wächst, müsste die Familie in ein paar Jahren wieder umziehen. „Wir hoffen darum auf ein Angebot der Wohnungsbau Genossenschaft Kontakt“ (WBG-Kontakt). Denn auch die Genossenschaft wurde nach Erscheinen des Beitrags über die missliche Lage der Wefels aktiv: Der Vorstand der Genossenschaft suchte das persönliche Gespräch mit der Familie Wefel. Derzeit werde geprüft, ob die WBG-Kontakt der Familie helfen kann, hieß es.

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Vom eigenen Vermieter ist Familie enttäuscht

Die WBG-Kontakt sei „wirklich an einer Lösung interessiert“ gewesen, so der Eindruck Steffen Wefels. Von ihrem eigenen Vermieter, der LWB, ist die Familie enttäuscht, hätte sich mehr Unterstützung erhofft. Noch sei in der Sache nichts entschieden, heißt es hingegen von Seiten der LWB. Eine Anfrage habe die Leipziger Immobilienfirma erst kurz vor Weihnachten erreicht. Aus einem Schriftverkehr, welcher der LVZ vorliegt, geht allerdings hervor, dass sich die Familie bereits im April 2015 an die LWB wandte und sie um Unterstützung bat.

In ihrer Not haben sich die Eltern von Domenik auch vom Behindertenverband Leipzig über die Förderung eines Umbaus der Wohnung beraten lassen. Rolf Sondershaus vom Verband ist Experte für barrierefreies Bauen. Häufig liege die Miete für rollstuhlgerechte Wohnungen über dem Budget von Leistungsbeziehern. Sonderhaus berät daher meist zur Förderung von Umbaumaßnahmen: Von der Pflegekasse könnten Bedürftige „unproblematisch“ bis zu 4000 Euro beantragen. Seit Juni 2017 bietet die Sächsische Aufbaubank (SAB) Menschen mit Mobilitäts- und Sinneseinschränkung außerdem eine Förderung zur „Wohnraumanpassung“ an. Der 67-jährige Berater ist voll des Lobes. Rollstuhlfahrer könnten bis zu 25 000 Euro für Wohnraumanpassungen bekommen, Menschen ohne Rollstuhl bis zu 10 000 Euro.

Bedingungen für eine SAB-Förderung

Selbst zahlen müssen sie 20 Prozent der Fördersumme, insofern sie nicht Leistungen wie Hartz IV beziehen. In ganz Sachsen wurden bis Ende vergangenen Jahres 767 solcher Umbaumaßnahmen mit etwa 4,9 Millionen Euro gefördert, im Bereich Leipzig (Stadt, Landkreis Leipzig und Landkreis Nordsachsen) wurden alle der knapp 200 Anträge bewilligt und mit mehr als 1,1 Millionen Euro unterstützt. Davon befand sich etwa die Hälfte der Projekte in der Messestadt. Leipziger können nach der Bewilligung des Zuschusses der SAB zudem noch eine Zuwendung der Stadt erhalten. Damit kann der Eigenanteil beglichen werden.

Für eine SAB-Förderung müssen die Antragsteller drei Angebote für das Vorhaben einreichen, Mieter benötigen die Zustimmung des Eigentümers. Nach einem Auszug müssen die Vorrichtungen so erhalten bleiben. „Bei den Großvermietern hat sich in der letzten Zeit etwas zum Positiven geändert“, beobachtet Sondershaus. Zunächst seien viele Vermieter skeptisch gewesen, seit etwa einem Jahr sähen sie die Förderung als Chance.

Für Wefels in Reudnitz wäre es dennoch schwierig eine Zulage zu erhalten: Denn die SAB bezuschusst den Umbau für eine rollstuhlgerechte Wohnung nur, wenn auch der Zugang zur Wohnungstür mit dem Rollstuhl machbar ist. Domenik wohnt aktuell allerdings im ersten Stock. Möglichkeiten, die Treppe zu überwinden, gebe es keine, sagt sein Vater. Die Wefels suchen daher nach Alternativen.

Von den etwa 35 200 Wohnungen der LWB seien nur etwa Hundert rollstuhlgerecht, böten breitere Bewegungsflächen und eine spezielle Bad- und Küchenausstattung, teilte eine Sprecherin mit. Mehr als 6200 LWB-Wohnungen seien barrierefrei.

Leicht steigendes Interesse an „seniorenfreundlichen Umbauten“

In den vergangenen drei Jahren hat die LWB nur zwei Wohnungen rollstuhlgerecht umgebaut. Das liege daran, dass häufig Grundrissänderungen nötig seien, so eine Sprecherin des Unternehmens. Immer wieder gebe es aber Einzellösungen wie den Einbau einer ebenerdigen Dusche, die häufig auf Wunsch des Mieters stattfinden. „Die Umbauten werden von der LWB gerne unterstützt“, so die Sprecherin.

Das Unternehmen beobachtet ein „leicht steigendes Interesse an seniorenfreundlichen Umbauten“, sowohl bei der Beantragung von Fördermitteln als auch der Umsetzung. Allerdings weist die LWB-Sprecherin darauf hin, dass der Fußboden ausreichend dick sein muss, um eine ebenerdige Dusche bauen zu können. In Plattenbauten sei dies darum meist nicht umsetzbar. Alle bis 2021 geplanten rund tausend Neubauten der LWB sollen den neuesten Anforderungen an barrierefreie Wohnungen entsprechen. Interessenten können sich an Servicestellen sowie dem Unternehmenssitz der LWB in der Wintergartenstraße informieren und sich melden.

Häufig sei bereits ein barrierearmer Zugang oder ein barrierearmes Badezimmer ausreichend für ältere oder behinderte Menschen, stellte die WBG-Kontakt fest. Die Genossenschaft registriere einen Anstieg bei der Nachfrage nach barrierearmen und -freien Wohnungen, teilte eine Sprecherin mit. Von den etwa 15 500 Wohnungen in Leipzig, Böhlen und Zwenkau sind 60 rollstuhlgerecht und 1200 barrierefrei zu erreichen. 3800 Wohnungen seien derzeit etwa durch außen angebrachte Aufzüge ohne größere Hindernisse zu erreichen. Die WBG-Kontakt baut derzeit 200 Wohnungen An der Kotsche in Grünau um und installiert dort innenliegende Aufzüge.

Beratung Behindertenverband Leipzig telefonisch unter 0341 3065221. Informationen zur städtischen Förderung beim Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung telefonisch unter 0341  1235486.

Von Theresa Held