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Lokales Ladenschließung: Leere und Melancholie wachsen im Karstadt Leipzig
Leipzig Lokales Ladenschließung: Leere und Melancholie wachsen im Karstadt Leipzig
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12:29 23.01.2019
Alles muss raus – und so manches ist schon weg. Diese Schaufensterpuppe wartet auf Kisten noch auf ihren Abtransport. Quelle: Mark Daniel
Leipzig

Zum melodischen Grummeln des Chores spuckt der Brunnen kraftvoll Wasser, als gäbe es ein Morgen. „Mm, mm, mm / mm, mm, mm, mm, mm“, tönt es aus den Boxen. Eine der höchsten Kaufhausfontänen Europas ist wohl die einzige Konstante im Karstadt Leipzig, die das chaotische Drumherum buchstäblich kalt lässt. Wie immer zur vollen Stunde schießt der Strahl 30 Meter hoch bis unters Glasdach, analog gesteuert zu Vangelis’ „Conquest of Paradise“. Ein Instrumentalhit über die Eroberung des Schlaraffenlands – während das Einkaufs-Paradies dicht macht. Am 9. Februar ist in der Petersstraße Schluss.

Die Zentrale in Essen schweigt

Öffentlich äußern will sich niemand, der mit Karstadt verbandelt ist. Die Zentrale in Essen schweigt zu Anfragen, die Geschäftsführung ist nicht vor Ort, das Verkaufspersonal scheut zumindest offizielle Stellungnahmen. Eine Angestellte an der Kasse winkt ab: „Wir bekämen Ärger.“ Szenerie und Stimmung sprechen ohnehin eine klare Sprache. Der Ausverkauf läuft seit Wochen und produziert immer gruseligere Bilder. Etage vier ist komplett dicht, das Untergeschoss so gut wie leer und mit Absperrbändern zerteilt. Die Ebenen eins und zwei, bis vor kurzem vor allem der Mode vorbehalten, gleichen streckenweise einem Möbelhaus: überall leere Regale und Schränke, blankes Metallgestänge, beaufsichtigt von nackten Schaufensterpuppen – kopf- oder gesichtslos, in jedem Fall ohne Perspektive.

In der Schuhabteilung räumt eine Verkäuferin um, damit die Restbestände in möglichst wenigen Regalen auf einen Blick zu sehen sind. Für sie ist in ein paar Tagen bei Karstadt Schluss. „Ich hatte ein Angebot für eine Filiale in Hessen“, erzählt sie, „aber nach sechs Wochen Wohnungssuche habe ich es aufgegeben; die Miete dort kann ich mir nicht leisten.“ Und nun? Viele Kolleginnen hätten in anderen Branchen einen Job gefunden, sagt sie. „Ich bewerbe mich ebenfalls woanders – Personal wird doch überall gesucht.“

Um sie herum hängen die bunten, langen Schilder wie vergessenes Riesen-Lametta am Tannenbaum. Oder sie stellen die nicht mehr benötigten Rolltreppen zu: „Wir schließen diese Filiale“, „Großer Abverkauf“, „Alles reduziert“ und tatsächlich baumelt noch großflächige Weihnachtswerbung eines Marzipan-Herstellers. Plakatierung eines Ramschverkaufs, der wie Leichenfledderei anmutet.

Schnäppchenjäger haben hier und da noch Glück

Klar, Schnäppchenjäger finden preiswert noch dies und das, doch die Schließung kommt auch bei der Kundschaft schlecht an. „Es ist eine Schande“, sagt Monika Pötzsch, während sie am Geländer lehnt und – es ist 14 Uhr – den Fontänen des Brunnens zuschaut. Die Rentnerin aus Lindenthal hat bei Aufenthalten in Leipzig immer hier eingekauft: „Bei Karstadt gab es alles, was ich brauchte – und die Qualität stimmte.“ Sauer ist sie auf die Kaufhaus-Führung. „Die trägt doch die Verantwortung“, schimpft sie.

Laut Medien-Berichten hatten sich Immobilien-Eigentümer und Kaufhausleitung im Streit um eine Mieterhöhung von fast 70 Prozent angenähert, doch es habe die entscheidende Kompromissbereitschaft bei Karstadt gefehlt, heißt es. Zudem spielt dem Konzern der Zusammenschluss mit dem Konkurrenten Kaufhof in die Karten, in Leipzigs City nur zwei Fußminuten entfernt. Damit bleibt der Handels-Konzern in der Stadt vertreten. So zynisch wie zwangsläufig beginnt die Kunden-Verlagerung bereits – direkt im Karstadt-Eingangsbereich: Eine junge Frau verteilt Rabattscheine für Galeria Kaufhof. „Marken, die vorher hier präsent waren, gibt es auch dort“, klärt sie auf. Und die bekommt man mit Coupon bis Ende März im Tempel am Neumarkt 10 Prozent billiger; das um drei Euro reduzierte „Lecker Brathähnchen“ nicht zu vergessen.

Im Restaurant gehen die Lichter aus

Apropos Essen: Nur bis diesen Samstag ist das Restaurant in der dritten Karstadt-Etage geöffnet. Noch sitzen zur Mittagszeit einige Kunden im Gastro-Bereich vor den großen Fenstern, die den Blick auf das Aquarium-Blau des Petersbogens freigeben. Gespenstisch wirkt es dennoch auch hier. „Ja, nicht schön“, bestätigt die Frau an der Restaurant-Kasse wortkarg. Ziemlich klar, welchen Button sie auf dem Display der digitalen Kunden-Befragung nebenan drücken würde, überschrieben mit: „Wie zufrieden sind Sie heute?“ – Daumen runter. Eine andere Angestellte findet: „Eigentlich müsste das ganze Haus Trauerflor tragen. Es ist wirklich tragisch.“ Sie hat noch zwei Jahre bis zur Rente, „die muss ich versuchen zu überbrücken“.

In nicht einmal zwei Wochen ist Karstadt in Leipzig Geschichte – und rund 300 verbliebene Mitarbeiter haben dann ihren Arbeitsplatz in dieser Immobilie verloren. Die riesigen Flächen werden wohl durch eine Reihe von Shops besiedelt, in den oberen Etagen sollen Büros eröffnen.

Und der berühmte Brunnen, an dem sich früher Familien auf jeder Etage drängten, um die mit Musik synchronisierten Wassersäulen wachsen zu sehen? Möglicherweise brummt auch künftig zur vollen Stunde der Chor das Intro vom Vangelis-Hit. Das Paradies aber, das ist ganz sicher anderswo.

Von Mark Daniel

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