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Lokales Läden schließen – Senioren im längsten Wohnblock Deutschlands verzweifelt
Leipzig Lokales Läden schließen – Senioren im längsten Wohnblock Deutschlands verzweifelt
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14:41 11.04.2019
Zwischen Chemnitzer und Lene-Voigt-Straße in Leipzig steht das längste durchgängige Wohngebäude Deutschlands. Quelle: A. Kempner
Leipzig

Erst war die kleine Kaufhalle in der Lene-Voigt-Straße 1 dicht, jetzt schließt am 20. April für ein Jahr auch der nächstgelegene Rewe-Markt in der Franzosenallee. Den meist hochbetagten Bewohnern der tausend Wohnungen in der „Langen Lene“ – mit 335 Metern Deutschlands längstes durchgängiges Wohngebäude – stehen dann schwere Zeiten bevor. Denn viele sind geh- oder sehbehindert, fast die Hälfte sind alleinstehende Rentnerinnen. Sie alle wissen nicht, wie sie sich in der Zeit bis April nächsten Jahres versorgen sollen. Wer noch schnell wegziehen kann, flüchtet. Doch das sind die wenigsten. Die meisten müssen bleiben und sind verzweifelt.

„Wir können nicht viel Vorrat aufbewahren“

„Wie soll ich mit diesem Rollator bis zum Aldi kommen, der mehrere Hundert Meter entfernt ist?“, fragt die 92-jährige Ingeburg Richter und zeigt auf ihre Gehhilfe. Sie ist gerade mit anderen Bewohnern an die schon vor Längerem geschlossene kleine Kaufhalle gekommen. Denn in der „Langen Lene“ hatte es sich herumgesprochen, dass zwei Mitbewohnerinnen die LVZ geholt hatten.

„Den Rollator kann ich kaum selber dirigieren“, erzählt die Seniorin. Mit ihm müsste sie auf einem langen unebenen Weg entlang und dann zwei Ampel-Kreuzungen sowie Straßenbahnschienen überqueren, um zu Aldi zu kommen. „Mit schweren Taschen voller Lebensmittel geht das gar nicht“, sagt sie. „Und wenn es regnet, müsste ich noch zusätzlich einen Regenschirm halten – das funktioniert erst recht nicht.“ Im Winter könne sie bei Eis und Schnee schon gar nicht rausgehen. Aber wie soll sie dann ein Jahr lang zu ihren Lebensmitteln kommen?

Über ein Dutzend Bewohner der „Langen Lene“ steht jetzt auf dem Platz und nickt. Einige haben die gleichen Rollatoren, alle sind schlecht zu Fuß – und wissen nicht, wie sie nach Ostern einkaufen sollen. „Wir haben alle kleine Wohnungen, da können wir nicht viel Vorrat aufbewahren“, meint die 80-jährige Ingeborg Platz.

„Die Busse sind immer voll“

Denkbar wäre, dass die Bewohner des Riesengebäudes mit einem LVB-Bus zum nächsten Aldi fahren. Oder einmal in der Woche in die Gegenrichtung zum Globus-Markt, der dafür ebenfalls einen Bus anbietet. „Das funktioniert nie“, sagt Seniorin Platz. „Die Busse sind immer voll.“ Auch das Ein- und Aussteigen sei eine Qual, weil die Rollatoren angehoben werden müssen.

Traurige Senioren vor der geschlossenen Kaufhalle in der Lene-Voigt-Straße 1 in Leipzig. Quelle: André Kempner

Andere hadern mit Rewe. „Die Leute gehen hier alle dort einkaufen“, erzählt Rentner Eberhard Anschütz. „Da erwarte ich als Kunde von so einem Unternehmen, dass es bei der Schließung wenigstens ein Zelt für eine Übergangsversorgung aufbaut – oder sich andere Gedanken macht, wie es uns helfen kann.“ In der Handelskette heißt es, der Markt werde abgerissen und neu errichtet. Daher gebe es keine Möglichkeit für einen adäquaten Ausweichverkauf. „Wir sind uns bewusst, dass der Einkauf während der Bau- und Schließungsphase insbesondere für die älteren Anwohner mit zusätzlichem Aufwand verbunden ist“, sagt eine Rewe-Sprecherin auf LVZ-Anfrage. „Mit Blick auf die nahegelegene Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel und alternative Einkaufsmöglichkeiten hoffen wir, dass dieser Aufwand sich für alle auf ein erträgliches Maß beschränken wird.“ Die Rentner könnten auch den Online-Lieferservice von Rewe nutzen. Aber die meisten Rentner haben kein Internet und können damit auch nicht umgehen.

Vergeblicher Hilferuf ans Rathaus

Die 64-jährige Kerstin Rost hat schon vor zwei Jahren an den Oberbürgermeister geschrieben und ihn auf die Entwicklung aufmerksam gemacht. „Es gab auch eine Antwort aus dem Bauamt. Aber da stand drin, dass die Stadt keinen Einfluss hat.“

Unter den älteren Bewohnern geht jetzt die Angst um. Viele werden wohl versuchen, mit ihren Rollatoren zu Fuß zum Aldi zu gelangen, heißt es. Die Sorge ist groß, dass sie dabei stürzen und sich schwer verletzen. Es hätten sich bereits Bewohner der „Langen Lene“ aus Verzweiflung über andere Dinge das Leben genommen, erzählt die 79-jährige Gabriele Roy. „Die haben sich dann aus dem Fenster gestürzt.“

Wer von einem Pflegedienst betreut wird, versucht die Pfleger zu überreden, den Einkauf zu übernehmen. „Doch die haben viel zu wenig Zeit dafür“, heißt es. Andere überlegen, sich ihre Lebensmittel von einem Lieferdienst nach Hause bringen zu lassen. Doch für die meisten ist das inakzeptabel – ihre kleinen Renten geben das nicht her, andere pochen darauf, dass sie selbstbestimmt ihre Dinge einkaufen.

„Niemand fühlt sich für uns zuständig“

Als alle ihre Probleme vorgebracht haben, zieht in der Runde Trübsal ein. „Es ist schon übel, wenn man alleine ist und sich niemand um einen kümmert“, sagt Ingeburg Richter. „Dass es so weit kommt, hätte ich nie gedacht. Nach dem Krieg habe ich in Gohlis Steine geputzt. Wir sind nicht weggegangen wie andere. Wir sind geblieben und haben die Stadt aufgebaut.“

Auch die 88-jährige Erika Baumann war Trümmerfrau und zieht ein trauriges Fazit. „1949 habe ich Steine geputzt, damit das Frühgeburtenhaus in der Kinderklinik wieder aufgebaut werden konnte“, erzählt die ehemalige Krankenschwester. Rentner Anschütz, der ihr zugehört hat, nickt. „Das ist eben Kapitalismus“, sagt er und blickt zu Boden. „Niemand fühlt sich für uns zuständig.“

Von Andreas Tappert

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