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Lokales Leipzig-Engelsdorf: Reichsbahnwerk verfällt immer mehr
Leipzig Lokales Leipzig-Engelsdorf: Reichsbahnwerk verfällt immer mehr
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11:57 26.04.2019
Das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk in Leipzig-Engelsdorf. Quelle: Dirk Knofe
Engelsdorf

Was einst für Zwickau das Trabant-Werk, für Riesa die Stahl-Kocherei und für Bitterfeld-Wolfen die Produktionsstätten der Orwo-Filme bedeuteten, war für Engelsdorf das Raw, das Reichsbahnausbesserungswerk. Fast 4000 Beschäftigte fanden in diesem Leuchtturm der Gemeinde zu DDR-Zeiten Lohn und Brot.

Alt-Bürgermeister Zocher und Bürgerinitiative wollen Standort entwickeln

Nach der Wende ging alles den Bach runter, wurden auch in Engelsdorf die Industriebetriebe abgewickelt oder „gesundgeschrumpft“. Im knapp 100 Jahre alten Reichsbahnunternehmen brachte man bis dahin jährlich bis zu 550 Dampflokomotiven (bis 1967) sowie tausende Güter- und Personenwagen verschiedener Typen auf Vordermann. „Heute verfällt das riesige Gelände mit vielen inzwischen baufälligen Gebäuden immer mehr“, bedauert Volker Zocher (65) von der Bürgerinitiative pro Engelsdorf. Er war im Mai 1990 der erste freigewählte Bürgermeister von Engelsdorf und nach der Zwangseingemeindung auch der erste Ortsvorsteher. Die Bürgerinitiative will nun beim Leipziger Amt für Wirtschaftsförderung und beim Eisenbahn-Bundesamt Druck machen, damit das weitläufige Areal wieder zum Standort für neue Wirtschaftszweige entwickelt wird. „Die Leipziger Behörde hat bereits Gespräche mit uns zum großen Thema Raw signalisiert“, verrät die Engelsdorfer Ortsvorsteherin Annemarie Opitz (71), die auch Vorsitzende der Bürgerinitiative ist.

Wo einst fast 4000 Menschen arbeiteten, herrscht heute Tristesse. Das frühere Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) in Leipzig-Engelsdorf ist heruntergekommen, die Gebäude verfallen. 

Werkstätten-Bahnhof war einst eigener Haltepunkt

Frank Schuldig (74), Fachberater für Stadtentwicklung und Bau, erlebte den Verfall der Bahnwerkstätten, des Engelsdorfer Güterbahnhofes und des Bahnbetriebswerkes (Bw) hautnah mit. Einst habe an der Bahnstrecke LeipzigChemnitz mit dem Werkstätten-Bahnhof sogar ein eigener Haltepunkt existiert. Der rüstige Rentner engagiert sich ebenfalls in der Bürgerinitiative. „Nachdem 1990 noch rund 2300 Beschäftigte im Raw waren, schrumpfte nach erheblichen Umstrukturierungen das Personal bis 1997 auf etwa 200 Mitarbeiter im Unternehmen DB Cargo zusammen“, so der Bauexperte.

Heutiger Eigentümer aus Luxemburg

2002 schließlich wollte die Deutsche Bahn AG in Engelsdorf endgültig das Licht ausmachen. Doch da übernahm Hermann Weise als Joint Venture das Werk und führte es als LRS Leipzig Rail Service GmbH mit noch etwa 150 Mitarbeitern weiter. Acht Jahre später schluckte der schwedische Konzern Euro Maint Rail das Engelsdorfer Unternehmen. Die Schweden verstehen sich als Instandhaltungsbetrieb für Schienenfahrzeuge des Güter- und Personenverkehrs. Doch 2016 trennten sich die Skandinavier von ihrer deutschen Tochter, zu denen neben Engelsdorf auch die Werke in Delitzsch, Duisburg, Kaiserslautern und im bayrischen Oberhausen bei Neuburg an der Donau gehörten. Jetzt ist die Luxemburger Industrieholding Iberia Industry Capital Group Sarl der Eigentümer. Das Unternehmen firmiert unter dem Namen RailMaint.

„Für das Raw-Gelände ist es fünf vor Zwölf“

Natürlich dränge Annemarie Opitz „besonders darauf“, die deutschlandweit „verkehrshistorisch und technikgeschichtlich einmalige Anlage wieder aufleben zu lassen“. „Unsere Bürgerinitiative will im Auftrag vieler Engelsdorfer Bewohner, dass das ehemalige Raw-Gelände zu neuem Leben erweckt und zu einem Gewerbegebiet mit bahnbezogener Nutzung ausgebaut wird“, betont sie. Noch stehe die 160 Meter mal 160 Meter große Montagehalle mit ihren 16 Gleisen. Elektromeister Günter Seidel (61), Mitglied der Bürgerinitiative, spricht hier von einem Industriedenkmal der besonderen Art. Besonders seien auch der große Lokschuppen und der betriebseigene Wasserturm, die unter Denkmalschutz stehen. Der Anfang der 50er-Jahre erbaute 34 Meter hohe achteckige Klinkerbau versorgte das gesamte Raw mit Wasser, das aus gut 30 Meter Tiefe hochgepumpt wurde. „Ideal wäre“, ergänzt Annemarie Opitz, „wenn ein Großinvestor das Gelände von der Bahn kaufen würde und es erschließt.“ In der BI pro Engelsdorf setzen sich auch Alexander Ondruschka (37), Lehrer an der Christoph-Arnold-Grundschule, und die Rentnerin Christa Apitzsch (65) für dieses Vorhaben ein. Sie hoffen auf die Unterstützung der Politiker des Landes und vom Bund. Es dürfe nicht mehr soviel Zeit verstreichen, für das Raw-Gelände sei es praktisch fünf Minuten vor Zwölf. Vandalen richten in den Nachtstunden immer wieder schlimme Schäden an. „Vor zwei Jahren brannte sogar ein Lokschuppen komplett aus“, erinnert sich die Ortsvorsteherin.

Von Günther Giessler

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