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Lokales Leipzig: Wie „Mut-Perlen-Ketten“ die Stimmung aufmuntern
Leipzig Lokales Leipzig: Wie „Mut-Perlen-Ketten“ die Stimmung aufmuntern
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07:00 29.10.2017
Julia (10) hatte während ihrer Leukämie immer ihre Mut-Perlen-Kette dabei, für die sie jetzt ein Säckchen erhalten hat.
Julia (10) hatte während ihrer Leukämie immer ihre Mut-Perlen-Kette dabei, für die sie jetzt ein Säckchen erhalten hat. Quelle: Foto: Armin Kühne
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Leipzig


Worum es dabei geht, hört sich zunächst banal an: Erkrankte Kinder erhalten zu Beginn ihrer Therapie eine Schnur. Für jedes spezielle therapeutische Ereignis erhalten sie eine Perle. Auf der aufgefädelten Kette wird so ihr Behandlungsweg sichtbar und die Kette zu einem Tagebuch der jungen Patienten. Der erste Gedanke an eine Arm- oder Halskette von ein paar Zentimetern Länge trügt. Die Rede ist von drei bis sieben Meter langen Perlenschnüren.

„Wir haben am Anfang gar nicht gedacht, dass das Projekt bei den Kindern so viel Begeisterung auslöst“, sagt Sven Graser (46), Vorsitzender des Vereins. Zusammen mit seiner Frau Grit (44) und anderen Mitstreitern gründete er 2014 den Verein, dessen Name die Erinnerung an ihren verstorbenen Sohn Paul aufrecht erhalten soll. Vor ein paar Jahren verlor er den Kampf gegen den Krebs.

Das Mut-Perlen-Projekt kommt ursprünglich aus Kanada und ist über die Niederlande zur Deutschen Krebs Stiftung (DKS) gekommen. Die Grasers haben es aus Jena nach Leipzig geholt, wo ihr Sohn zeitweise behandelt wurde. Die normalen Perlen beziehen sie von der DKS. In Leipzig kommt zusätzlich jedes Jahr eine eigene Perle für besondere Ereignisse hinzu. Beispielsweise für die erste Nacht, die die Kinder ohne Eltern auf einer Station verbringen oder für den Besuch der Krankenhausclowns. Der Verein und seine Unterstützer fertigen diese Perlen in Handarbeit an. In diesem Jahr schenken sie den erkrankten Kindern außerdem handgefertigte Säckchen, in denen sie ihre Perlenketten transportieren können. 7500 Euro wollen sie zur Deckung der Produktionskosten sammeln. „Die meisten Leute realisieren eine Krebsdiagnose am Anfang gar nicht richtig und hoffen, dass sie durch Glück schnell wieder das Krankenhaus verlassen“, sagt Graser. Bis sie merken, dass sie länger bleiben müssen.

Die Mut-Perlen-Kette hat daher für die Kinder eine ganz besondere Bedeutung. „Sie ist immer das Erste, was den Kindern in den Sinn kommt, wenn sie wieder auf die Station müssen“, sagt Claudia Kiesig (39). Zu jeder Perle kann sie eine Geschichte ihrer eigenen Tochter Julia (10) erzählen. Man merkt, wie sehr das Projekt nicht nur den Kindern helfen soll mit der Situation fertig zu werden, sondern auch den betroffenen Eltern Orientierung gibt. Julia, die ihre Leukämie nach knapp zwei Jahren fast besiegt hat und nur noch sporadisch auf der Kinderkrebsstation vorbei schauen muss, lenkt den Blick auf einen wichtigen Aspekt: „Ich finde sie sehr schön und habe mich deswegen immer gefreut, wenn ich eine Spritze bekommen habe.“

Diese Beobachtung macht auch Claudia Meyer (38). Sie ist Krankenschwester auf der UKL-Kinderonkologie und kümmert sich um das Perlenkettenprojekt: „Für die Psyche der Kinder ist es auf jeden Fall bedeutend, denn sie lassen sich dadurch viel besser auf die Eingriffe ein.“ Immerhin seien sie im Schnitt vier bis sechs Monate auf der Krankenstation. 90 Prozent von ihnen schaffen es laut einer Schätzung von Claudia Meyer die Erkrankung zu besiegen. Für die Eltern, deren Kinder es nicht schaffen, helfe die Kette bei der Trauerbewältigung.

Die Kette soll Mut machen während der Therapie. Sie soll aber auch etwas anderes zeigen: „Wenn man eine Kette sieht, die drei bis sieben Meter lang ist, sieht man, dass das Kind, nach all dem, was es durchgemacht hat, kein normales Kind mehr sein kann“, sagt Sven Graser. Es sehe zwar gesund aus, aber manchmal fehle ihm einfach die Kraft für die Aufgaben im Alltag oder in der Schule. „In unserer Leistungsgesellschaft ist das ein nicht zu unterschätzender Aspekt.“

Von Edgar Lopez