Leipzig aus neuen Blickwinkeln: Reisefotografen entdecken die Stadt
Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Leipzig aus neuen Blickwinkeln: Reisefotografen entdecken die Stadt
Leipzig Lokales

Leipzig aus neuen Blickwinkeln: Reisefotografen entdecken die Stadt

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:03 23.10.2020
Wartung einer historischen Deckenleuchte im Lesesaal der Nationalbibliothek. Quelle: Rolf Nobel/Landmarker
Anzeige
Leipzig

Es ist kurz vor elf. Hannelore Hundt schließt den Laden auf in dem sie arbeitet: ein Antiquariat für Bücher. Werner Bachmeier tritt ein. Der Münchner sucht an diesem Vormittag nicht ein spezielles literarisches Werk – er will fotografieren. Bachmeier sucht seine Motive in dem Laden, der bis zur Decke voll mit Büchern ist. Hundt, die schon seit 20 Jahren in diesem Antiquariat arbeitet, lässt sich nicht beirren und sortiert zügig einen Stapel Bücher ein. Mal sucht sie mit der Leiter in zwei Metern Höhe eine Lücke, mal findet sie einen Platz weit unten im Regal auf Kniehöhe. Bachmeier hat zu tun hinterherzukommen. „Ich finde das gerade gut. Die Menschen sind in ihrem Element und verstellen sich nicht”, erklärt der gelernte Elektroniker, der nach einem Studium zum Fotoingenieur seit 1986 als freiberuflicher Fotograf arbeitet.

Die Reisefotografengruppe Landmarker war eine Woche in Leipzig. Statt ins Ausland zu reisen, haben sie die größte Stadt in Sachsen mit dem Fotoapparat erkundet.

Leipzig statt Tel Aviv

Leipzig ist die Stadt des Buches. Für mich war klar, dass ich mich diesem Thema während meines Besuchs hier widmen will”, sagt der 63-jährige Münchner. Statt nach London, Prag oder sogar Bangkok musste die Gruppe der Reisefotografen, die sich Landmarker nennen, dieses Jahr flexibel sein. „Eigentlich wollten wir nach Tel Aviv in Israel. Wegen Corona war unsere Alternative dann Antwerpen in Belgien, aber selbst das mussten wir verwerfen”, erklärt Rolf Nobel, Gründer und Kopf der Landmarker. „Leipzig hat sich dann als wunderschöner Notnagel erwiesen. Die alte Architektur und die Geschichte der Stadt faszinieren uns”, erzählt der Fotograf, der aus Hannover stammt und 2008 Mitbegründer des dort ansässigen Lumix-Festivals für jungen Bildjournalismus war.

Anzeige

Die Gemeinschaft lockt die „Landmarker“

Die Landmarker gibt es seit 17 Jahren. Eine bunte Mischung von Fotografen aus ganz Deutschland – aber es sind auch Leute dabei, die eigentlich etwas ganz anderes machen: eine Technologin, ein Designer und ein Tischlermeister, der auch als freier Fotograf arbeitet. Sie verreisen einmal pro Jahr zusammen für bis zu zehn Tage. Dabei wollen sie nicht nur schöne Fotos schießen, sondern Einblicke in die Städte geben, in das Leben dort. Dahinter steckt eine Planung, sagt Nobel: „Wir wollen verschiedenste Seiten einer Stadt abbilden und tragen eine Motivliste zusammen.” Er geht aber nicht nur um das Ergebnis: „Wir wollen uns austauschen, Spaß haben. Als Fotograf ist man oft einsam unterwegs”, erklärt Nobel. Auch Werner Bachmeier schätzt die Gemeinschaft unter den Fotografen.

Lebendiges Leipzig kommt bei den Landmarkern gut an

Bachmeier ist mittlerweile seit sieben Jahren bei den Landmarkern. Er ist zwar nicht das erste Mal in Leipzig, aber er kannte bisher nur Hauptbahnhof und Konferenzräume. „Ich bin überrascht von dieser Stadt und der Stimmung, man kommt leicht mit den Menschen ins Gespräch“, erzählt Bachmeier, „das gibt es nicht immer.” Rolf Nobel stimmt ihm zu: „Jeder von uns ist begeistert von dieser quirligen und jungen Stadt.” Für ihn sind es aber auch die besonderen Momente, die er festhalten will. In die Nationalbibliothek durften die Landmarker nur vor der Öffnung rein. Eine leere Bibliothek fotografieren – davon waren sie erst nicht angetan. Doch dann wurden die Kronleuchter zur Wartung heruntergelassen. „Manchmal braucht es den Zufall für ein interessantes Bild”, sagt der 70-Jährige.

Corona macht der Fotografengruppe die Planung schwer

An den Reiseabenden treffen sich die Landmarker, tauschen sich aus über Erlebtes, treffen eine erste Auswahl der Tagesbilder. Am letzten gemeinsamen Abend in Leipzig diskutierten die Fotografen über die besten Motive. Die werden nun in Ausstellungen zu sehen sein – wie zuletzt in Bristol und Hannover. Außerdem hat die Fotografengruppe schon Bildbände veröffentlicht und verkauft die Fotos an Visum, eine Agentur für journalistische Fotografie in München. Die Fotos können dann von den Kunden der Agentur, also Buchverlagen, Werbeagenturen, Zeitungen sowie Zeitschriften, genutzt werden.

Der nächste Trip der Reisefotografen ist für den Sommer geplant. Wohin? Das wird meist am letzten Abend der aktuellen Reise festgelegt. Dieses Mal ist es anders – natürlich wegen Corona.

Von Kathleen Retzar

23.10.2020
23.10.2020