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Lokales Leipzig ehrt ersten deutschen Literatur-Nobelpreisträger
Leipzig Lokales Leipzig ehrt ersten deutschen Literatur-Nobelpreisträger
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12:11 27.11.2017
Der Universalgelehrte Theodor Mommsen (1817-1903) wurde 1902 für sein dreibändiges Werk "Römische Geschichte" mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In Leipzig war er Professor für Römisches Recht.  Quelle: epd
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Leipzig

 Mit seinen langen Locken unter dem Schlapphut war Theodor Mommsen (1817-1903) eine bekannte und geachtete Persönlichkeit. Der Historiker, Jurist und Vater von 16 Kindern war der Typ des Universalgelehrten im späten 19. Jahrhundert. „Ohne Leidenschaft gibt es keine Genialität“, sagte er. Und er war 1902 der erste Deutsche, der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde – für ein Werk, das heute nur noch selten gelesen wird.

Anders als spätere Preisträger wie Thomas Mann, Heinrich Böll oder Günter Grass wurde Mommsen nicht für Romane und Erzählungen geehrt, sondern für seine „Römische Geschichte“: ein dreibändiges wissenschaftliches Werk von mehr als 3.000 Seiten. Seine Art, Geschichte anschaulich und poetisch darzustellen, war damals völlig neu.

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Gut drei Jahre lang, von Ende 1848 bis Anfang 1852, lebte Mommsen in Leipzig, in einem Haus im Leipziger Zentrum-Ost, in der Chopinstraße 13. Hier wird an diesem Donnerstag, dem 200. Geburtstag des Universalgelehrten, eine Gedenktafel enthüllt. Es handelt sich um eine Neugestaltung. Die ursprüngliche Platte ging nach Angaben des Kulturamts zu einem unbekannten Zeitpunkt verloren. Zur Übergabe der vom Leipziger Grafiker Gerd E. Nawroth gestalteten Tafel sind um 11 Uhr alle interessierten Leipziger eingeladen. Nach Grußworten von Stadt und Universität wird der Jurist Dr. Sebastian Schermaul über den Nobelpreisträger und seine Leipziger Zeit einen Vortrag halten.

Der Text auf der Gedenktafel für Theodor Mommsen

In diesem Haus wohnte von Ende 1848 bis Anfang 1852
Theodor Mommsen
* 30.11.1817 † 1.11.1903
Der Begründer der Altertumswissenschaft,
Historiker und Jurist wirkte von 1848 bis 1851
als Professor der Rechte an der Universität Leipzig.
In dieser Zeit begann Theodor Mommsen die Arbeit
an seiner »Römischen Geschichte«, für die er 1902
als erster Deutscher mit dem Literaturnobelpreis
ausgezeichnet wurde.
Stadt Leipzig • 2017 • Universität Leipzig

Geboren wurde Mommsen vor 200 Jahren, am 30. November 1817, im Pfarrhaus von Garding, einem Dorf auf der nordfriesischen Halbinsel Eiderstedt. Rund 1.500 Bücher und Schriften hat er verfasst. Keiner seiner Zeitgenossen, so urteilt sein Biograf Joachim Fest, habe sich mit seinem sprachlichen Rang und seiner konzeptionellen Weite messen können. „Der sittlich Edlere siegt stets über das wenig Edlere“, formulierte Mommsen seinen Grundsatz. Den Nobelpreis konnte er nur ein Jahr lang genießen. Am 1. November 1903 starb er im Alter von 85 Jahren in Berlin.

Professor für Römisches Recht in Leipzig

Sein Geburtsdorf Garding ist heute ein kleiner schmucker Ort, den viele Touristen durchfahren, wenn sie das Nordseebad St. Peter-Ording besuchen. Nach dem Jurastudium in Kiel ging Mommsen 1840 nach Rom, um antike Geschichte zu studieren. Kurze Zeit war er 1848 Journalist im holsteinischen Rendsburg, doch nach der Besetzung Schleswig-Holsteins durch die Dänen wurde er Professor für Römisches Recht in Leipzig. 1850 musste der liberale Gelehrte sein Amt wegen Kritik am sächsischen König wieder aufgeben. Er zog als Professor nach Zürich, später nach Breslau und Berlin. 1874 wurde Mommsen Rektor der Berliner Universität.

Mommsen war Historiker, Jurist und Vater von 16 Kindern Quelle: epd

Schwerpunkt seiner Arbeit war die römische Antike. Zwischen 1854 und 1856 veröffentlichte er drei Bände seiner „Römischen Geschichte“, für die er knapp 50 Jahre später den Nobelpreis erhielt. Allerdings führte er sein Werk nicht zu Ende. Erst 1885 folgte ein fünfter Band, und der vierte erschien nie.

Von Bismarck verklagte Mommsen wegen Beleidigung – ohne Erfolg

Mommsen war zeitlebens politisch aktiv und liberaler Abgeordneter im preußischen Landtag und im Reichstag. Im „Berliner Antisemitismus-Streit“ kritisierte er den Historiker Heinrich von Treitschke, der die Juden als „unser Unglück“ geschmäht hatte. Reichskanzler Otto von Bismarck verklagte ihn 1882 im Wahlkampf wegen Beleidigung, doch Mommsen wurde freigesprochen. Er war erklärter Gegner der Sozialdemokraten und setzte sich für eine Verlängerung der Sozialistengesetze ein.

Die Berliner Humboldt-Universität ehrt Mommsen zu seinem Geburtstag mit einem zweitägigen Kolloquium. Am Berliner Gendarmenmarkt ist noch bis 15. Dezember eine Mommsen-Ausstellung zu sehen. Sein Geburtsort Garding feiert seinen Ehrenbürger am 9. Dezember mit einem Festakt, zu dem auch Nachfahren des Historikers erwartet werden. Eine Sonderbriefmarke mit 190 Cent ist bereits Anfang November erschienen. Eine Ausstellung im Kieler Landeshaus widmet sich der Beziehung Mommsens zu seinem gleichaltrigen Kommilitonen Theodor Storm (1817-1888).

Theodor Mommsen ist nach seinem Tod vielfach geehrt worden, bundesweit wurden Straßen und Schulen nach ihm benannt. Er ist Ehrenbürger von Berlin, Neapel und Garding. Im Pastorat von Garding ist heute ein kleines Mommsen-Museum zu finden, in der Humboldt-Uni steht ein Denkmal. 2003 wurde ein Asteroid nach ihm benannt. Fußball-Fans kennen das „Mommsenstadion“ von Tennis Borussia Berlin. Hier trainierte Jogi Löw während der Fußball-WM 2006 auch das deutsche National-Team.

Von Thomas Morell / nöß