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Lokales „Leipzig korrektiv“ produziert Doku über Auschwitz-Besuch von Muslimen
Leipzig Lokales „Leipzig korrektiv“ produziert Doku über Auschwitz-Besuch von Muslimen
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17:38 22.02.2019
Gedenkkranz für die Opfer des Holocaust: die drei in Leipzig lebenden Geflüchteten in Auschwitz. Quelle: Leipzig korrektiv
Leipzig

Die Kälte greift in Gesichter, an Hände und Beine. Es sind deutliche Minusgrade im Süden Polens am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Hassan Marduh*, Mohammad Mujdab und Fouad El Moutaouakkil stehen betreten schweigend auf dem Gelände des Massenvernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Eine Situation, die in ein paar Monaten Teil eines Dokumentarfilms sein soll, an dem „Leipzig korrektiv“ arbeitet. Das Anliegen der Bürgerinitiative: Geflüchtete vor allem aus arabischen Ländern mit dem Holocaust konfrontieren.

„Das ganze Ausmaß bewusst geworden“

Nach der Rückkehr ziehen die ehrenamtlich arbeitenden Projekt-Initiatoren Richard Gauch und Ricky Burzlaff ein positives Fazit – gemeinsam mit den Neu-Leipzigern, die um einprägsame Erfahrungen reicher sind. „Ich hatte von dem Völkermord an Juden in meiner Heimat gehört“, sagt der Iraker Mujdab, „doch ausführlich setzt man sich dort mit den Nazi-Verbrechen nicht auseinander“, erzählt der 36-Jährige, der vor drei Jahren aus politischen Gründen nach Deutschland flüchtete. „In Polen ist mir das ganze Ausmaß bewusst geworden, zu dem Antisemitismus führen kann.“

„Es gibt keine Rechtfertigung für so etwas“

Das sieht auch El Moutaouakkil so, der vor dreieinhalb Jahren aus Marokko nach Deutschland kam. „Natürlich wird der Konflikt zwischen Palästina und Israel in meiner Heimat aus arabischer Sicht betrachtet“, erklärt der 39-Jährige, „doch der Holocaust, das ist eine völlig andere Geschichte. Für so etwas kann es keine Rechtfertigung geben.“ Ihn, Mujdab und den aus Syrien stammenden Marduh hat das Gesehene schockiert. Mit Gauch und Burzlaff sowie einem Team des Unternehmens Catamaranfilms reisten sie außerdem in die ehemaligen Vernichtungslager Belzec und Treblinka.

Es geht um Aufklärung und Auseinandersetzung

Die Idee zum Filmprojekt kam „Leipzig korrektiv“, das dem Initiativkreis „Menschen Würdig“ entspringt und sich für Geflüchtete einsetzt, durch vorherige Besuche in den früheren Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald sowie Besichtigungen des Jüdischen Museums in Berlin. „Wir haben viel über Demokratie und die dunklen Seiten deutscher und globaler Geschichte geredet“, sagt Richard Gauch, dessen politisch-gesellschaftliches Engagement für Demokratie und Toleranz schon mit mehreren Preisen bedacht wurde. Im Wissen darum, dass in den meisten arabischen Gesellschaften Vorbehalte und Ablehnung gegenüber Juden verankert sind, geht es den derzeit sechs „Leipzig korrektiv“-Mitgliedern um Aufklärung, um kritische Auseinandersetzung mit dem historischen und aktuellen Antisemitismus.

Schon von den vergangenen Unternehmungen hatten die Initiatoren registriert, „dass keiner vorher wusste, wie grausam die Geschehnisse waren. Aus den bisherigen Erfahrungen können wir sagen, dass die erinnerungspolitische Arbeit mit Geflüchteten zu beeindruckenden Effekten führt“. „Wir waren geschockt“, sagt Mujdab, und El Moutaouakkil ergänzt: „Danach haben wir uns lange darüber ausgetauscht und uns gefragt, wie so etwas passieren kann“.

8000 Euro fehlen noch

Der nun entstehende Film soll einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden und als Multiplikator dienen, um diese Wissenslücke zu schließen – nicht nur, aber auch bei Migranten mit muslimischer Sozialisierung. „Wir möchten die Empfindungen und Reaktionen von Menschen dokumentieren, die ohne großes Vorwissen mit diesem Grauen konfrontiert werden“, sagt Richard Gauch. Für Bearbeitung und Fertigstellung fehlen der Initiative noch 8000 Euro, die sie über Spenden zusammenbekommen wollen. In diesem Frühjahr soll die Produktion abgeschlossen und dann Kinos sowie Filmfestivals angeboten werden.

Reisen zu früheren Vernichtungslagern will „Leipzig korrektiv“ auch weiterhin realisieren, nicht zuletzt dank des unermüdlichen Engagements von Ricky Burzlaff. „Dafür sind wir ihm alle sehr dankbar“, betonen die Geflüchteten. Besonders einprägsam beim Besuch in Auschwitz war für sie die Begegnung mit einer Überlebenden, die ihnen die Botschaft auf den Weg gab: „Bitte lebt in Frieden.“

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*Name von der Redaktion auf Wunsch geändert

Wer spenden möchte, kann überweisen an: Menschen.Würdig e. V.; IBAN: DE20 8306 5408 0004 9621 09; VR-Bank Altenburger Land Deutsche Skatbank (Verwendungszweck: Leipzig Korrektiv – Film), Spendenquittung möglich

Von Mark Daniel

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