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Lokales „Leipzig muss sich auf Klimawandel einstellen“
Leipzig Lokales „Leipzig muss sich auf Klimawandel einstellen“
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05:04 25.04.2018
Ein umgeknickter Baum liegt nach dem Sturmtief „Friederike“ im Rosental in Leipzig. Der neue Regionalplan wird sich noch stärker mit den Auswirkungen des Klimawandels befassen müssen.  Quelle: dpa
Leipzig

Die Stadt Leipzig wächst und wächst, das flache Land in Sachsen aber blutet aus. Was macht Ihnen mehr Sorgen?

Beides. Die positive Einwohnerentwicklung von Leipzig war 2011 überhaupt noch nicht abzusehen. Damals hatte Leipzig noch einen statistischen Zensus-Verlust von 20 000 Einwohnern. Jetzt sind es fast 100 000 Einwohner mehr, aktuell um die 590 000 insgesamt. Die Frage ist, bis zu welcher Schwelle solch ein Wachstum gesund und hilfreich ist und ab wann die Lebensqualität leidet und Frankfurter, Stuttgarter oder Münchner Verhältnisse drohen. Indizien dafür sind der zunehmende Verkehr und der abnehmende innerstädtische Freiraum – also die Flächen, die noch nicht bebaut sind. Damit im Zusammenhang steht auch der Anstieg der Immobilienpreise.

Wo würden Sie denn diese Schwelle verorten?

Bei rund 700 000 Einwohnern. Wenn dieser Wert deutlich überschritten wird, bekommt die Stadt in ihrer derzeitigen Struktur Probleme.

Was schlagen Sie vor?

Das wird sich nur mit einer Stadt-Umland-Kooperation im Sinne einer fairen Partnerschaft lösen lassen, weil bestimmte Projekte, für die Raum gebraucht wird, in der Stadt Leipzig gar nicht zu realisieren sind. Der Flughafen Leipzig-Halle ist ein Beleg dafür. Der liegt nur zu einem geringen Flächenteil auf Leipziger Gebiet. Genauso ist es mit dem Leipziger Neuseenland, der grünen Lunge der Stadt.

Der Bauboom wird sich also fortsetzen?

Im Moment sind die Zinsen niedrig, eine Baufinanzierung ist günstig. Das Problem liegt darin, dass man nicht davon ausgehen kann, dass die Entwicklung immer so weitergeht. Irgendwann werden die Zinsen wieder anziehen. Deshalb muss man bei der Erschließung Zug um Zug vorgehen, um gegebenenfalls reagieren und nachjustieren zu können. Wenn man ein riesiges Wohngebiet plant und erschließt, und es kommt dann nicht wie vorgesehen, kostet es öffentliches Geld.

Wie ist es auf dem flachen Land?

Die Grundstückspreise im ländlichen Bereich liegen bei einem Bruchteil von dem, was in Leipzig und Umgebung derzeit üblich ist. Die Kehrseite der Medaille ist, dass man dafür auf Mobilität angewiesen ist. Dabei ist das S-Bahn-Netz ein großer Gewinn – in erster Linie für die, die nah dran sind. Die Frage ist, wie man es in den Kreisen Nordsachsen und Leipzig insgesamt hinbekommt, dass alle Menschen Zugang zur Daseinsvorsorge haben. Was wir nicht brauchen, ist eine Suburbanisationswelle, so wie wir sie Anfang der 1990er-Jahre hatten. Damals war das Motto: Raus aus der Stadt, rein in das Umland. Es geht um eine ausgewogene Entwicklung für die gesamte Region.

Nun gibt es aber auch Gebiete, die weiter weg von der S-Bahn sind – der Torgauer Raum beispielsweise.

Die ländlichen Räume, insbesondere, wenn sie verkehrsfern und strukturschwach sind, haben ein besonderes Handicap. Dort ist langfristig weiter von Schrumpfung auszugehen. Da darf man sich nicht täuschen lassen – auch wenn wir jetzt die letzten geburtenstarken Vorwende-Jahrgänge haben, die Familien gründen und sich im Berufsleben etablieren.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung schlägt sogar eine Abwrackprämie für Dörfer vor?

Das Falscheste, was wir machen könnten, wäre, diese Räume abzuschreiben und zu stigmatisieren. Es besteht durchaus bei Menschen Interesse, in diesen Gebieten zu bleiben oder sogar dorthin zu gehen, weil sie ihre Arbeit zunehmend auch von zu Hause aus am Computer erledigen können. Eine ganz elementare Voraussetzung für Home-Office oder Gewerbetreibende lautet aber schnelles Internet. Deshalb ist das ein ganz entscheidender Faktor für eine Ansiedlung. Und der Internet-Handel, der ja oft geschmäht wird, ist wiederum eine gute Möglichkeit, um sich Leistungen überall nach Hause zu holen.

Wie gehen die Landkreise damit um?

Der Landkreis Nordsachsen beispielsweise denkt intensiv über autonomes Fahren nach. Ein Pilotprojekt soll von Rackwitz zum Schladitzer See führen. Das hängt natürlich von den technischen Entwicklungen der kommenden Jahre ab. Klingt wie Zukunftsmusik, kann aber in zehn Jahren durchaus Realität sein.

Sachsen hat aber noch großen Nachholbedarf beim schnellen Internet.

Das Glasfasernetz ist für mich eine Infrastruktur, die gleichwertig dem Autobahn- oder Stromnetz ist. Es gibt Hochrechnungen, die besagen, dass etwa 80 Milliarden Euro notwendig sind, um es bundesweit flächendeckend zu installieren. Das wird dauern. Aber selbst, wenn es bis 2025 käme, wäre das ein überschaubarer Zeitrahmen.

Der Manchem womöglich zu lang sein wird...

Die Ungeduld ist nachvollziehbar, denn die Menschen wollen alles gleichzeitig: den beruflichen und gewerblichen Transfer von großen Datenmengen, das Entertainment. Das geht nur mit Glasfaserkabel. Dieser Herausforderung muss man sich stellen.

Welchen Beitrag kann denn Regionalplanung leisten, um das weitere Ausbluten dieser Landstriche zu verhindern?

Wir haben gerade den neuen Regionalplanentwurf fertiggestellt. Dazu gehören noch der Umweltbericht und weitere Unterlagen – das sind fünf Akten-Ordner insgesamt. Ab 29. Januar wird er öffentlich ausgelegt, dann beginnen auch die Anhörungen. Das gesamte Planwerk steht auch im Internet und es gibt erstmalig ein Beteiligungsportal. Jeder, der möchte, kann dazu Stellung nehmen. Und wir erwarten von den Leuten vor Ort auch Anregungen, denn Regionalplanung kann nur das berücksichtigen, wovon sie weiß.

Was erwarten Sie?

Es ist wie mit dem Wahlrecht. Das kann ich nutzen, muss es aber nicht. Aber wenn ich meine Mitwirkungsrechte nicht genutzt habe und mir dann das Ergebnis nicht gefällt, dann ist es zumindest nicht gut. Wir wollen das bestmögliche Ergebnis für die Region. Das erfordert auch Kompromisse. Mit anderen Worten: Es sind hier und da auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen, damit die Region zukunftsfähig wird.

Gibt es denn inhaltliche Verschiebungen im Vergleich zum vergangenen Regionalplan?

Das Thema Braunkohlesanierung beispielsweise steht heute nicht mehr so im Fokus wie vor 15 Jahren. Dagegen geht es jetzt um „Innovation im Revier“, also: Wie gehen wir mit der Braunkohle künftig um. Wir werden das Ende der Braunkohle in Mitteldeutschland, sofern die Politik nicht interveniert, in etwa 20 Jahren haben, so zwischen 2035 und 2040. Auf diesen abermaligen Strukturwandel und seine Auswirkungen müssen wir uns einstellen. Auch der Hochwasserschutz ist nach der neuerlichen Flut 2013 ein wichtiges Thema. Da gibt es Nachjustierungsbedarf. Wir hatten an Elbe und Mulden 2002 und 2013 Hochwasser, aber an der Weißen Elster erst 2013. Und schließlich ist auch der Klimawandel mit Anpassungsstrategien für unsere Region ein Thema. Gerade der jüngste Sturm „Friederike“ hat die Handlungserfordernisse beim Waldumbau aufgezeigt.

Was für Leipzig beinahe ins Auge gegangen wäre...

Regionalplanerisch haben wir seit den frühen 1990er-Jahren an der Hochwasserschutzfunktion des Zwenkauer Sees festgehalten. Es war ein großes Glück, dass das Einlaufbauwerk knapp vier Wochen vor der Flut 2013 fertig geworden ist. Ohne die Rückhaltemöglichkeiten, die wir dort hatten, wäre das Ganze nicht so glimpflich ausgegangen.

Worum geht es noch?

Die erwähnte Siedlungsentwicklung. Die Bevölkerung in der Region schrumpft im Moment nicht, was bis 2030 auch in etwa so bleiben wird. Wir waren in Leipzig-Westsachsen mal zeitweilig unter einer Million Einwohner, jetzt sind wir wieder ein Stück drüber. Was sich verändert, ist die Verteilung zwischen der Stadt Leipzig und der Region. War die Relation 2005 noch etwa 50:50, so wird sie im Jahre 2030 etwa 60:40 zugunsten Leipzigs sein.

Welche Themen drängen noch?

Die Energiewende – vor allem der Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere die Windenergie. Wir stellen die Ausbauziele des Freistaats nicht infrage, aber wir wollen die Menschen in der Region mitnehmen und Landschaften nicht bis zur Unkenntlichkeit verändern. Dabei haben wir insbesondere Siedlungsgebiete und baurechtlich gesicherte Gewerbestandorte im Blick. Wenn letztere künftig nicht mehr zur Verfügung stehen, wenn sie gebraucht werden, kann das noch richtig weh tun.

Mitunter ist es heute so, dass Supermärkte schließen, weil sie ihre Fläche nicht vergrößern können.

Was wir nicht brauchen, ist die Neuschaffung großer Einkaufsflächen, denn wir haben bereits eine überdurchschnittliche Versorgung. Auf der anderen Seite ist es so, dass Supermärkte heute anders als vor 25 Jahren gebaut werden. Darin sind mittlerweile Servicefunktionen enthalten, die es damals so noch nicht gab. Deshalb haben wir oft den Fall, dass sich Supermärkte am Standort erweitern wollen, aber es nicht können. Die gehen dann in Nachbarorte, wo es geht und bereits eine ausreichende Nahversorgung besteht.Wir verlieren in der Folge Einkaufsmöglichkeiten, wo wir welche brauchen und bekommen dafür welche an Stellen, wo eigentlich bereits genügend da sind. Im schlimmsten Fall macht der letzte Versorger dicht.

Wovon hängt es ab?

Ob ein Ort – im verwaltungstechnischen Sinn – ein zentraler Ort ist. Diese können eigenständig entscheiden oder haben zumindest mehr Spielräume. Schlechter dran sind die kleinen Orte. Und wenn der letzte Nahversorger weg ist, müssen die Leute ins Auto steigen, um einzukaufen. Vor allem für ältere Menschen ist das oft eine ganz schwierige Situation. Deshalb sollten wir vor allem in solchen Orten alles tun, um die Versorgung zu erhalten.

Ein gern geäußertes Gegenargument ist, dass es sich schlichtweg nicht lohnt.

Es gibt ein ganz interessantes Konzept im Wurzener Land. Dort haben sich Wurzen, Bennewitz, Lossathal und Thallwitz zusammengeschlossen, um multiple Häuser in einem Modellprojekt zu entwickeln mit Angeboten wie Arzt, Friseur, Kosmetik, Krankenkassenberatung oder Bankdienstleistungen, die täglich wechseln können. Das ist ein interessanter Ansatz für solche Gebiete, in denen sich sonst derartige Angebote mangels Masse nicht ansiedeln würden.

Sie sprechen an, dass Ihre Einrichtung zunehmend mit Problemen konfrontiert wird, die nicht mit dem Landesentwicklungsplan konform sind. Worauf bezieht sich das?

Nun, der Landesentwicklungsplan Sachsen stammt aus dem Jahre 2013. Das heißt, erstellt wurde er in den Jahren 2011/2012. Damals war etwa die Flüchtlingsproblematik oder die Kapitalmarktentwicklung beispielsweise noch gar nicht und die demografische Entwicklung nicht in dieser Deutlichkeit abzusehen. Hinterher ist man natürlich immer schlauer. Wir sind an diesen Plan gebunden, der immer für einen Zeitraum von etwa zehn Jahren gilt. Deshalb sollte man sich bereits heute darüber Gedanken machen, was wir tun müssen, um die anstehenden Probleme lösen zu können.

Wann rechnen Sie mit einem neuen Landesentwicklungsplan?

Nach dem Landtagswahlen 2019 wird man sich relativ rasch dieses Themas annehmen müssen, um bis spätestens 2023 eine neue Landesplanung in Sack und Tüten zu haben.

Der Regionalplanentwurf steht ab Montag unter www.rpv-westsachsen.de und liegt unter anderem in den Landratsämtern, in der Landesdirektion und im Planungsverband aus

Von Roland Herold

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