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Lokales Leipzig gedenkt seiner "Hexen"
Leipzig Lokales Leipzig gedenkt seiner "Hexen"
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18:45 06.03.2019
Am 17. Februar 1600 wurde der Dominikanermönch Giordano Bruno wegen Ketzerei in Rom verbrannt. Das Bild zeigt ein Bronzerelief von 1887, auf dem Ettore Ferrari das Urteil festgehalten hat. Quelle: AKG Berlin
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Leipzig

Der Begriff „Hexenjagd“ hat seit einigen Jahren wieder Konjunktur – unter anderem dank Donald Trump. Dass dessen Verwendung des Begriffs jedoch wenig mit seiner ursprünglichen Bedeutung gemein hat, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Allein in Europa wurden von 1430 bis 1750 nach aktuellen Schätzungen 40.000 bis 60.000 Menschen aufgrund von Anklagen, die heute nur absurd erscheinen können, hingerichtet. Zahllosen weiteren wurde der Prozess gemacht.

Eine wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung dieser Ereignisse findet in Deutschland erst seit Ende der 1980er Jahre statt. Leipzig war demnach nicht nur einer von vielen Schauplätzen der Hexenverfolgung, sondern Impulsgeber – in Gestalt des Strafrechtlers Benedict Carpzov (1595-1666). Er habe seinerzeit einen Prozess- und Verfolgungskatalog erstellt und damit eine neue Welle der Hexenjagd losgetreten, die auch über Mitteldeutschland hinausschwappte, so Christine Rietzke vom Frauenkultur e.V. Leipzig.

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Gedenkort und Rehabilitierung der Opfer gefordert

Der Verein fordert schon länger eine intensivere Erinnerungskultur innerhalb der Stadt. Sowohl im Verwaltungs- als auch im Kulturausschuss ist dieses Anliegen auf Zustimmung gestoßen. „Beide Ausschüsse haben zugesagt. Das Thema wird vielleicht schon in einer der nächsten Stadtratssitzungen besprochen“, sagt Rietzke.

Konkret stehen zwei Forderungen im Raum: Zum einen ein Gedenkort für die Opfer der Hexenverfolgung in Leipzig in Form einer Gedenktafel, für den sich, wie die Verwaltung nun bekannt gab, „das Gebäude des Alten Rathauses oder dessen Umfeld“ eignen würde. Zum anderen die Rehabilitierung der Opfer, zumindest symbolisch. Denn, so die Verwaltung: „Die Stadt kann aus juristischer Sicht Opfer vorangegangener Justizsysteme nicht rehabilitieren.“

Mindestens 83 Todesurteile in Leipzig gefällt

„In Deutschland hat die Aufarbeitung der Hexenverfolgung erst angefangen“, sagt Rietzke. Die Zahlen sind dennoch erschreckend: Innerhalb der Stadt Leipzig konnten bisher 30 Prozesse mit elf Todesurteilen nachgewiesen werden. Hinzu kommen 202 Urteile des Leipziger Schöppenstuhls, einem Gericht des damaligen Kurfürstentums Sachsen. 72 davon endeten mit einer Hinrichtung.

Einer der wenigen Prozesse, der ausführlich dokumentiert ist, ist der von Anna Eve aus Wehlitz bei Magdeburg. Sie stand 1658 vor den Leipziger Schöffen. Der Vorwurf: Sie habe das Kind ihrer Nachbarin mithilfe eines Zaubers getötet und beherberge zu Hause einen Drachen. Da Eve alles bestritt, wurde sie mehrfach der Folter unterzogen: Daumenschrauben, Spanische Stiefel, Streckbank, Teufelsaustreibung. Im Laufe dieses Martyriums beteuerte sie stets ihre Unschuld, bis sie aufgrund der Folter starb. Das anschließende Urteil: Sie habe zwar nicht gestanden, doch gebe es starke Anzeichen gegen sie, weshalb Eve ohne christliche Zeremonie an einem „absonderlichen Ort“ bestattet wurde.

Letzte Prozesse in Leipzig im Jahr 1730

Wer nicht zum Tode verurteilt, aber auch nicht freigesprochen wurde, dem drohten Gefängnis, Peitschenhiebe oder die Verweisung aus der Stadt. Letzteres bedeutete gerade für Frauen „den sozialen, wenn nicht gar den richtigen Tod“, so Rietzke, die zugleich betont: „Auch Männer und Kinder wurden angeklagt.“ Die letzten Hexenprozesse in Leipzig fanden nach aktuellen Erkenntnissen im Jahr 1730 statt.

Es lässt sich kaum einschätzen, was und wie viel die künftige Aufarbeitung der Hexenverfolgung noch zutage fördern wird. Die Quellenlage ist dünn, von den etwa 700 bis 800 so genannten Spruchkonzeptbänden des Leipziger Schöppenstuhls sind lediglich 14 erhalten. „Manchmal tauchen aber verschollen geglaubte Dokumente beispielsweise im Keller einer Kirche auf“, stellt Rietzke in Aussicht. Nichtsdestotrotz gäbe es noch viel Nachholbedarf – sowohl in der Forschung als auch bei der schulischen und öffentlichen Aufklärung.

Weitere Informationen zur Hexenverfolgung in und um Leipzig sowie zu den Forderungen des Frauenkultur Leipzig e.V. unter www.hexenprozesse-leipzig.de.

Von Christian Neffe