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Lokales Leipzig rechnet mit 300 000 toten Bäumen in diesem Jahr
Leipzig Lokales Leipzig rechnet mit 300 000 toten Bäumen in diesem Jahr
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13:41 05.08.2019
Ein gesunder Wald sieht anders aus: das Oberholz in Großpösna bei Leipzig.
Ein gesunder Wald sieht anders aus: das Oberholz in Großpösna bei Leipzig. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Wolfgang Kühns weiß gar nicht so richtig, wie er in Worte fassen soll, was sich derzeit in den Wäldern in und um Leipzig abspielt. „Allein im Landeswald sind seit Anfang 2018 rund 350 000 Kubikmeter Schadholz angefallen“, sagt der Leiter des Staatsforstbetriebs im Forstbezirk Leipzig. „Das ist die größte Menge Schadholz, die ich bei uns je gesehen habe.“

Borkenkäferfallen sind übervoll

Dabei macht der 13 000 Hektar große landeseigene Wald im Leipziger Forstbezirk nur ein reichliches Drittel der Gesamtwaldfläche seines Bezirks aus – weitere rund 21 000 Hektar gehören privaten Eigentümer, der Kirche und Kommunen; bei ihnen sieht es ähnlich schlimm aus.

Wie fast überall in Deutschland hat auch in Leipzig und dem Umland eine fatale Kombination aus Herbst- und Frühjahrsstürmen plus anschließender Trockenheit zugeschlagen. „Weil so viel Schadholz im Wald liegt, haben sich die Borkenkäfer extrem vermehrt. Die verursachen jetzt weitere große Schäden“, schildert Kühns.

Die Borkenkäferfallen, die die Förster in den Wäldern zwischen Döbeln und Schkeuditz sowie Borna und Wermsdorf aufstellen, um das Ausmaß der Käferplage abschätzen zu können, waren noch nie so voll. „Wir erleben eine noch nie dagewesene Käferplage“, betont Kühns. Vor allem die „Buchdrucker“ genannte Art des Borkenkäfers zieht es in die Baumstämme.

Viele private Waldbesitzer sind hilflos

Doch der Abtransport von Schadholz kommt nur langsam voran. „Wir müssen unser Schadholz teilweise im Wald lassen, weil der Holzmarkt übervoll ist“, schildert der Experte die Lage. Viele Sägewerke seien am Ende ihrer Aufnahmekapazität. „Und wenn Holz abgenommen wird, dann meist zu einem Preis, der die Aufarbeitungskosten für den Waldbesitzer nicht mehr deckt.“

Auch viele Privatbesitzer bemühen sich, ihren Wald zu retten. „Aber oft haben diese Leute viel zu kleine Flächen und sind jetzt hilflos, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen“, sagt Kühns. „Alle haben zum Teil erhebliche finanzielle Verluste, die ihren Forstbetrieb auf Jahrzehnte wirtschaftlich schwächen. Die Wiederaufforstungskosten im Forstbezirk Leipzig werden mehrere Millionen Euro betragen und zum Teil mit Fördermitteln gedeckt.“

Lärchen und Kiefern sterben ab

Während in den meisten Teilen Deutschlands vor allem die Fichte geschädigt ist, sterben in und um Leipzig vor allem Lärchen und Kiefern ab. „Wir bauen unsere Fichtenbestände schon seit Jahrzehnten um“, schildert Kühns und meint damit, dass diese Bäume durch widerstandsfähigere Arten ersetzt werden. „Fichten gibt es bei uns nur noch als Relikte.“ Dafür müsse man jetzt bei den Lärchen „einen Bestand nach dem anderen wegen Käferbefall aufgeben“.

Ahorn leidet unter Rußrindenpilz

Die Ahorn-Arten leiden unter dem Rußrindenpilz, der vor allem in den Auwaldbereichen wie dem Leipziger Eichholz, aber auch anderswo Hunderte Bäume zum Absterben bringt. Ebenfalls im Eichholz und in der Nordwestaue bei Schkeuditz werden die durch das Eschentriebsterben bereits vorgeschädigten Eschen massiv vom Eschenbastkäfer geschädigt.

Hoffnungsträger der Förster sind trotzdem die Laubholz-Bestände, die aber auch unter der extremen Trockenheit leiden. „Bei unseren Altbuchen-Beständen haben wir auch schon 1000 Kubikmeter Schadholz“, sagt Kühns. Die Birke falle ebenfalls „sehr intensiv aus“; sogar die Eichen seien betroffen. „Wir können kaum eine Art ausnehmen.“

Naturverjüngung contra Aufforstung

Wie es jetzt weitergehen soll, ist umstritten. Verfechter eines naturnahen Waldumbaus plädieren für eine grundsätzliche Neuorientierung der Forstbetriebe. Ihre Argumentation: Die Natur könne sich nach aller Kenntnis selbst auf die klima-bedingten Änderungen einstellen und praktiziere dies besser, als dies der Mensch in seiner Unkenntnis könne. Es bringe nichts, die Brachen „mit geschädigten Jungpflanzen auf zu großen Femellöcher“ aufzupflanzen, wie es derzeit in Leipzig geschieht. Die „Naturverjüngung“ besitze eine „natürliche Vitalität“ und stehe jetzt „in den Startlöchern“.

Betriebsleiter Kühns kennt diese Argumentation. „Unser Waldgesetz regelt, dass innerhalb von drei Jahren neu aufgeforstet werden muss“, gibt er zu bedenken. „Bei einer Naturverjüngung kann sich vieles entwickeln.“ Statt eines Mischwaldes könnten auch nur „Sträucher- und Brombeerwüsten“ entstehen.

Von Andreas Tappert

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