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Lokales Reisbauer Ho kann mit 33 Jahren erstmals richtig essen und sprechen
Leipzig Lokales Reisbauer Ho kann mit 33 Jahren erstmals richtig essen und sprechen
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12:01 28.04.2019
Der 33-jährige Ho Van De am Abend nach seiner Operation mit Arzt Christopher Wachsmuth. Quelle: Sylke Schumann
Leipzig

Erschöpft, aber glücklich. So kehrte der Plastische Chirurg Christopher Wachsmuth aus Vietnam zurück. Wie jedes Jahr hat der Leipziger in Südostasien mit einem internationalen Team eine Woche lang kostenlos operiert – in erster Linie Kinder, aber auch Erwachsene. Sie litten unter schweren Beeinträchtigungen durch Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Hand- und Fußdeformitäten, Verbrennungen oder Tumore. In einem „Operationsmarathon“ führte die dreißigköpfige Mannschaft diesmal 112 zum Teil komplexe Eingriffe durch.

Großer Wunsch: Familie gründen

Zu ihren Patienten gehörte der 33-jährige Reisbauer Ho Van De. Er wohnt im Bergdorf Tay Tra in einer bescheidenen Hütte aus Bambus und Holz. Die Behausung hat nur einen Raum, den er sich mit seinem Bruder Ho Van Ban, dessen Frau und deren Kind teilt. Das Moped parkt direkt neben dem Bett, beißender Rauch sticht in die Nase. Um das Kochfeuer zu entfachen, hat die Schwägerin Plastiktüten verbrannt. Es riecht wie auf einer Müllkippe. Da die offene Feuerstelle keinen Abzug hat, steht der Qualm im Raum. Das Verbrennen von Plastik wird von Sozialmedizinern als eine mögliche Ursache von Missbildungen vermutet. Der giftige Rauch kann auf die Dauer auch das Erbgut von Kindern im Mutterleib schädigen.

Seit seiner Geburt ist der 33-jährige Ho Van De durch eine schwere Fehlbildung gehandicapt. Quelle: Sylke Schumann

Seit seiner Geburt lebt Ho Van De mit einer riesige Hasenscharte, die ihn beim Essen, Schlucken und Sprechen stark beeinträchtigt. Der junge Mann ist sehr schüchtern. Man merkt, wie peinlich es ihm ist zu sprechen. Seit Jahren versucht er schon, einen Termin bei einer Hilfsorganisation zu bekommen und sein Gesicht operieren zu lassen. Dieses Jahr hat es endlich geklappt – er steht auf dem OP-Plan von Christopher Wachsmuth. Nach dem Eingriff wird der 33-Jährige erstmals in seinem Leben richtig sprechen und essen können. Er hofft, dass er nach der OP auch endlich frei von Stigmatisierung leben kann. Ho Van De hat einen Traum: Wenn er erst mal ein „normales" Gesicht hat, möchte er eine Familie gründen und viele Kinder haben.

Reisbauer Ho Van De aus dem vietnamesischen Bergdorf Tay Tra hätte das Geld für eine Operation selbst nie aufbringen können

Mühselige Anreise ins Krankenhaus

Das Bergdorf, in dem er lebt, ist mit dem Auto drei Stunden von der Klinik in Quang Ngai entfernt. Zusammen mit seinem Bruder hat er die mehrstündige mühselige Anreise über holprige, enge Straßen und unbefestigte Wege ins Krankenhaus hinter sich gebracht. Auch wenn Quang Ngai die nächstgelegene Großstadt ist, war er noch nie dort.

Die Brüder arbeiten auf dem Reisfeld. Ihr Verdienst ist sehr gering, etwa ein Dollar pro Tag. Schulbildung hat Van De keine. Für Schulmaterial, Bücher und Uniform reichte das Geld nicht. Das Einkommen, das kaum das Überleben sichert, reicht im Normalfall natürlich nicht, jemals eine solche Operation zu finanzieren. Hier setzt die Unterstützung von „Operation Restore Hope" an.

Großer Schritt in ein neues Leben

Er ist der zweite Patient, den Christopher Wachsmuth an diesem Morgen behandeln wird. Als die Leipziger Anästhesistin Jana Völpel die Narkose setzt, ist dem Patienten die Anspannung deutlich anzumerken. Der Eingriff dauert eineinhalb Stunden, die Lippenspalte ist sehr ausgedehnt. Für den erfahrenen Chirurgen ist es ein kleiner Schnitt, aber für den Patient ein großer Schritt in ein neues Leben.

Als Ho im Aufwachraum wieder zu sich kommt, ist sein Bruder schon bei ihm. Das Smartphone einer Krankenschwester muss als Spiegel herhalten. Und dann sieht der noch etwas verschlafene junge Mann nach 33 Jahren sein Gesicht zum ersten Mal ohne die riesige Spalte in seiner Lippe. Das Funkeln in seinen Augen rührt alle die, am Bett stehen, zu Tränen. Am Abend nach der langen Schicht im OP besucht ihn Doktor Wachsmuth noch einmal auf der Station. Nun hat der junge Mann schon nur noch ein kleineres Pflaster unter der Nase.

Manche Patienten brauchen Folge-OP

Die Nachversorgung müssen die Patienten selber in die Hand nehmen. Das ist aber kein Problem, denn der Heilungsprozess ist in jedem einzelnen Fall schon gut vorangeschritten. Bei Kindern bekommen die Eltern Pflegetipps mit nach Hause. Nachkontrollen durch die vietnamesischen Ärzte sind gewährleistet. Manche Patienten werden im nächsten Jahr eine Folgeoperation erhalten. „Umso wichtiger ist es jetzt, dass auch für die Mission 2020 wieder genügend Spendengelder zusammenkommen“, sagt der Leipziger Mediziner.

Auch für das Krankenhauspersonal hat sich die Woche gelohnt. Bei den täglichen „Operationsmarathons" und den Visiten konnten die Ärzte und Schwestern des Quang Ngai Krankenhauses viel von den Kollegen von der Mission „Operation Restore Hope“ lernen.

Mission lebt von Spenden

Seit 21 Jahren nehmen die Fachärzte Dr. Christopher Wachsmuth aus Deutschland und Dr. Tristan de Chalain aus Neuseeland jedes Jahr im April eine Woche Urlaub, um mit einem internationalen Team Kinder aus den Armenvierteln dieser Welt kostenlos zu operieren. Das gesamte OP-Equipment bringen sie selbst mit. Um die nötigen Geld- und Sachspenden zusammenzubekommen, hat Christopher Wachsmuth den Verein „Operation Restore Hope Deutschland gegründet und Tristan de Chalain eine Schwesterorganisation in Neuseeland.

Von Kerstin Decker

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