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Lokales Leipziger Auwald ohne Eichen: Forscher warnen vor Artensterben
Leipzig Lokales Leipziger Auwald ohne Eichen: Forscher warnen vor Artensterben
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18:39 21.02.2019
Von jungen Eichen keine Spur: Botanik-Professor Christian Wirth (links) und Rolf Engelmann an einem Ahorn in der Burgaue. Quelle: Jörg ter Vehn
Leipzig

Manche Leipziger hätten den Auwald gern als „Urwald“ – ganz ohne menschliche Eingriffe. Der renommierte Botanik-Professor Christian Wirth* warnt davor. Denn dann hätten die Eichen keine Chance mehr – und mit ihnen jede Menge bedrohter Arten.

Wenn Botanik-Professor Christian Wirth seinen Studenten die Situation im Auwald erklären will, geht er mit ihnen an den Auwaldkran in der Burgaue. „Erst sollen sie die Baumarten bestimmen, die sie beim Blick nach oben sehen. Und dann die, die sie unten finden“, erklärt er. Oben gebe es relativ viele Eichen, Eschen und ein paar Hainbuchen. Und eigentlich müsse es unten dann noch viel mehr von dem geben, was oben irgendwann ankommen soll. Problem, so Wirth: „Unten fehlen die Eichen.“

Die Hälfe der nachwachsenden Bäume sind Ahorne

Das sei nicht nur eine Beobachtung in der Burgaue. „Wir haben auf 60 unbearbeiteten Probeflächen im nordwestlichen Auwald alles angeschaut, was höher ist als 50 Zentimeter“, erklärt Wirth. 49 Prozent der nachwachsenden Bäume seien Ahorne, „bei den Eichen kamen wir auf 0,1 Prozent“, erläutert er das Zahlenwerk. Von alleine kämen die Stieleichen – entgegen anderslautenden Behauptungen – im Leipziger Auwald nicht hoch. Die Beobachtungen anderer bezögen sich wohl auf Traubeneichen. „Aber die haben wir hier nicht“, weiß Wirth

An sich sei die natürliche Entwicklung hin zu den Ahornen ja auch nichts Schlimmes. Aber die Nordwestaue sei ein Flora-Fauna-Habitat (FFH), und für das Schutzgebiet gebe es Regeln. Eine besage, dass die Hartholzaue bewahrt werden soll und die wertgebende Art, in diesem Fall die Stieleiche, gefördert werden muss. Wirth. „Wir wollen etwa 40 Prozent im Bestand erreichen“, fasst er zusammen. Aktuell sind es laut Stadt etwa 20 Prozent. „Wenn hier der Ahorn irgendwann überhand nimmt, wird gegen geltendes Recht verstoßen“, sagt der Professor.

Der Eichenbestand ist kein Selbstzweck. Bei Insekten und Pilzen fände sich die größte Artenvielfalt in Zusammenhang mit Eichen. „Die ganze Naturschutzprominenz benötigt Eichen. Sie ist so etwas wie der Mercedes unter den Baumarten“, sagt Wirth volkstümlich. Auch die meisten der bedrohten Käferarten seien direkt an die Baumart gebunden. „Sie sind auch extrem ortsbeständig und können nicht so einfach umziehen zu anderen Beständen“, ergänzt Forscher Rolf Engelmann, der für das Institut für Spezielle Botanik und Funktionelle Biodiversität der Uni Leipzig am Auwaldkran arbeitet. Wenn die Bäume einmal verschwunden seien, gebe es auch die Art nicht mehr.

Jede Baumart hat ihren eigenen Club an Bewohnern

„Viele Insektenarten sind baumartspezifisch“, erklärt Wirth das. Jede Baumart habe sozusagen ihren eigenen Club an Bewohnern. „Und die Eiche ist nun mal die mit den meisten Clubmitgliedern.“ Schlimm wäre es, wenn es nur noch Eschen, Ahorne und Linden im Auwald gäbe. „Dann hätten wir hier einen rapiden Verlust an Arten.“

Aktuell gebe es sowieso schon zwei Baumarten, deren Zukunft ungewiss sei. Seit Langem grassiert der Ulmentod bundesweit und auch in Leipzig – als Folge gibt es kaum noch große Ulmen. Das Eschentriebsterben hat ebenfalls die Bestände erfasst, „eigentlich zeigen schon alle Eschen die Symptome“, hat Engelmann beobachtet. Die großen würden es derzeit noch etwas besser wegstecken, aber die jüngeren überlebten kaum.

Die schlechte Nachricht biete jedoch auch eine Chance, sagt Wirth und schlägt vor, die auf Dauer freiwerdenden Flächen mit Eichen zu bepflanzen, bevor sich der Ahorn breitmacht. Das sei auch aus Hochwassersicht vernünftiger. Denn Ahorn überlebe Überflutungen kaum länger als wenige Tage, während Eichen den Zustand über Wochen ertragen könnten.

Bekanntlich ist der Auwald vor Jahrhunderten entstanden als Wald, der häufig überflutet war. Der Zustand droht bei Extremwetterlagen künftig wieder öfter. Für den Hochwasserschutz wurde nach den Umbauten am Leipziger Fließsystem in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhundertes eigens das Nahlewehr im Norden gebaut – als ultima ratio quasi dort, wo alle aus Leipzig herausführenden Flüsse zusammentreffen. Es wurde zum Beispiel beim Hochwasser 2011 gezogen, setzte die Nordwestaue unter Wasser.

„Lebendige Luppe“ bringt mehr Wasser in die Nordwestaue

Trotzdem ist die Nordwestaue im Schnitt viel zu trocken, wissen alle Wissenschaftler. Künftig wieder mehr regelmäßiges Wasser in der Nordwestaue und kleinere Überflutungen verspricht daher das Projekt „Lebendige Luppe“, das mit Bundesmitteln gefördert wird und zum Jahresende ins Genehmigungsverfahren eintreten soll.

*Wirth ist auch geschäftsführender Direktor des iDivs, des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung, das von einem Konsortium aus elf Forschungseinrichtungen betrieben wird.

Von Jörg ter Vehn

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